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Nachwuchs in München : Die Bayern haben ein dickes Problem

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Wird Christian Früchtl (hinten) jemals aus dem Schatten von Manuel Neuer treten beim FC Bayern? Bild: dpa

Thomas Müller, David Alaba und Holger Badstuber kamen aus der eigenen Jugend und setzten sich beim FC Bayern durch. Nun aber hat der Nachwuchs in München kaum eine Chance. Das hat Gründe.

          Vor zwei Jahren, im Januar 2014, an Ort und Stelle in Qatar im ersten Winter-Trainingslager unter Pep Guardiola: Der Bayern-Trainer schwärmt von seinem Talente-Pool, von Pierre-Emile Höjbjerg, Alessandro Schöpf und Julian Green. Vor Jahresfrist widmete sich der Spanier intensiv der Förderung des Teenagers Gianluca Gaudino, den er wenige Monate zuvor zum Bundesligaspieler gemacht hatte. Doch sie sind mittlerweile alle durchgefallen und deshalb verliehen oder verkauft.

          In dieser am Dienstag zu Ende gehenden Trainingswoche in Doha sind wieder einige Jungspunde dabei, mitgenommen auf Verdacht. Motto: Trial and Error. Das Quintett, das in den sieben Tagen von Qatar mit und von den Profis lernen durfte: Torwart Christian Früchtl (15), Fabian Benko (17), Niklas Dorsch (17), Marco Friedl (17) und „Teenager-Oldie“ Milos Pantovic (19) – wobei Benko und Dorsch die besten Perspektiven haben, da sie vom Sommer an mit einem Profi-Vertrag ausgestattet sind. Werden sie die neuen Alabas, Müllers oder Badstubers? Die Durchstarter aus den Junioren-Teams sowie der Regionalliga-Mannschaft von Trainer Heiko Vogel, die sich seit zwei Jahren vergeblich müht, der Vierten Liga zu entkommen?

          Vorerst durchgefallen: Mitchell Weiser sorgte in Berlin auf der rechten Außenbahn für Furore. Bilderstrecke

          Dass Früchtl & Co. aktuell auf Azubi-Tour am Persischen Golf* sind, wertet Sportvorstand Matthias Sammer als „Zeichen an die anderen jungen Spieler bei Bayern“. Denn: „Wir versuchen Talent zu erkennen. Wir müssen die Voraussetzungen schaffen, dass jeder die Möglichkeit hat, sich zu zeigen.“ Will heißen: die Tür ist offen, man muss nur durch (wollen). Was aber auch zeigt: Die Bayern haben ein dickes Nachwuchsproblem, vor allem im eigenen U-23-Kader. Mit Joshua Kimmich und Kingsley Coman holte man Talente lieber von anderen Vereinen dazu.

          Der letzte, der es dauerhaft zu den Profis schaffte und im Frühjahr 2010 unter Louis van Gaal in der ersten Elf debütierte, war David Alaba. In derselben Saison zog der Holländer auch Thomas Müller und Holger Badstuber nach oben – van Gaals wohl größte Leistung. Die beiden setzten sich von Saisonbeginn an durch und reisten als Double-Sieger und Champions-League-Finalisten zur WM 2010 nach Südafrika. Steiler geht’s nicht. Momentan wird auf die Liste der (vorerst) Durchgefallenen fast wöchentlich ein weiterer Name gesetzt. Letzten Sommer wurde Mitchell Weiser (21) an Hertha BSC abgegeben und Pierre-Emile Höjbjerg (20) für eine Spielzeit an den FC Schalke verliehen, wo er nun mit Schöpf spielt, der über den 1. FC Nürnberg nach Gelsenkirchen kam.

          Ob Höjberg im Sommer zurückkehrt, liegt in der Hand des künftigen Trainers Carlo Ancelotti. Im Januar nun wurde Sinan Kurt (19), für den die Bayern einst mehr als eine Million Euro Ablöse an Mönchengladbach zahlten, an Hertha verkauft und Gaudino (19) in die Schweiz zum FC St. Gallen geschickt. Zur Leihe und in die Lehre. Einzig Green (20), letztes Jahr beim Hamburger SV, ist noch im aktuellen Kader. Der Durchbruch wird dem amerikanischen Nationalspieler aber auch nicht zugetraut.

          Ist der FC Bayern ein Talentefriedhof?

          Liegt es an den zahlreichen Transfers gestandener Profis in den vergangenen Jahren? Seit Pep Guardiolas Dienstantritt 2013 wurden für Thiago, Mario Götze, Xabi Alonso und Medhi Benatia sowie Arturo Vidal und Douglas Costa insgesamt 167 Millionen Euro Ablöse ausgegeben. „Ich weiß nicht, ob es schwieriger geworden ist“, sagt Kapitän Philipp Lahm, „Qualität setzt sich immer durch – egal, wie gut die Konkurrenz ist. Damals wie heute gilt: Der Wille und die Leidenschaft müssen da sein.“

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          Lahm machte einst den Umweg über den VfB Stuttgart. „Ich habe auch nicht den Sprung geschafft in die erste Mannschaft, habe dann dort gezeigt, was ich kann.“ Ähnlich Alaba, der ein halbes Jahr bei der TSG Hoffenheim Spielpraxis sammelte. Ein Masterplan ist dies aber auch nicht. Siehe Müller und Badstuber sowie Bastian Schweinsteiger, der im Herbst 2002 unter Ottmar Hitzfeld seine ersten Profi-Minuten absolvieren durfte.

          „Thomas, Holger und Bastian haben den direkten Weg von den Amateuren zu den Profis geschafft“, sagt Lahm, „für einen jungen Spieler ist es einfach wichtig, gut zu trainieren und sich zu zeigen.“ Doch wenn die Konkurrenz zu stark ist, weil der Erfolgsdruck die Macher des FC Bayern zwingt, auswärtiges Personal zu engagieren, wird die Luft dünn für aufstrebende Jungspunde. Nur die besten kommen durch. Ist der FC Bayern aktuell ein Talentefriedhof?

          Eine Talente-Schmiede wie beim FC Barcelona

          „Weiser macht das bei Hertha sehr gut“, sagt Sammer über das Beispiel eines Spielers, der nach dem Abgang aus München auf ein neues Niveau kam. Mit Blick auf Höjbjerg, Gaudino und Kurt sagt der ehemalige DFB-Sportdirektor: „Auch sie müssen nun den nächsten Schritt gehen. Der FC Bayern ist ja nicht ganz so einfach. Aus den jungen Spielern aus den eigenen Reihen Bundesliga- oder Zweitligaspieler zu machen, muss unser Anspruch sein.“ Mehr nicht? Sieht sich der Rekordmeister als reiner Ausbildungsbetrieb? Kaum.

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          Sonst würde man im Norden Münchens nicht rund 60 Millionen Euro in das neue Nachwuchsleistungszentrum investieren. Auf 30 Hektar sollen bis nächstes Jahr ein kleines Stadion für die zweite Mannschaft und die Junioren-Teams, acht Fußballplätze, eine Dreifeldhalle und ein Technik-Spielfeld entstehen. Ganz nach dem Vorbild der berühmten Talente-Schmiede „La Masia“ des FC Barcelona.

          2017 könnte Früchtl, dann immer noch nicht volljährig, im Bayern-Leistungszentrum einziehen. Manuel Neuer, 29, aber wird auch er bis dahin nicht verdrängen können. Die ersten 13, 15 Profis sind zu gut, im Grunde eine Weltauswahl. Und das ist das Problem für die zweite, dritte Reihe.



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