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Wehen-Präsident Hankammer : „Vereine sind keine normalen Unternehmen“

  • -Aktualisiert am

Sind die Probleme so groß geworden, weil die Ablösesummen und Gehälter zu hoch geworden sind?

In den vergangenen Jahren hat es deutlich weniger Insolvenzen gegeben als in den Jahren davor. Deshalb kann man nicht grundsätzlich nur wegen hoher Ablösesummen sagen, dass alles viel schlimmer geworden ist. Ehrlich gesagt, finde ich diese Diskussion in Teilen auch ein bisschen scheinheilig. Ich glaube, dass, wenn Corona vorbei ist, sich im Fußball nicht so dramatisch viel verändert haben wird. Natürlich kann man darüber diskutieren, ob die Gehälter und die Ablösesummen vernünftig sind. Natürlich sprengt das den Rahmen. Aber solange sich die Vereine nicht völlig überschulden und solange sie die Dinge finanzieren können, kann man nicht sagen, dass das betriebswirtschaftlich alles totaler Blödsinn und hochgefährlich ist. Persönlich finde ich die hohen Ablösesummen nicht schön. Nur gehört das leider zum Geschäft. Trotzdem sollte man vorsichtig sein, alles zu verurteilen.

In welchem Gehaltssegment würde sich ein für Zweitliga-Verhältnisse normal verdienender Profi wie in der Vorsaison beim SV Wehen Wiesbaden in Ihrem Unternehmen wiederfinden?

Auch mit einem Eins-zu-eins-Vergleich zwischen Industrie und Profifußball muss man sehr vorsichtig sein. Für mich ist der Gesamtblick auf die Dinge wichtig. Natürlich haben sie in der zweiten Liga monatliche Durchschnittsgehälter, die deutlich höher sind als die, die sie im Schnitt und in der Masse in der Industrie erhalten. Aber sie haben im Fußball eine Karriere, die von 18 bis 35 Jahren geht, sofern es gut läuft. Und sie haben als Fußballprofi oftmals keine gute Ausbildung genossen. In der freien Wirtschaft sind sie nach entsprechender Ausbildung mit 35 Jahren in ihrer Karriere vielleicht schon die ersten positiven Schritte gegangen. Für die Folgezeit haben sie ganz andere Voraussetzungen aufzusteigen als ein Profifußballer. Dazu kommt die Unsicherheit bei Trainern und Spielern: Im Misserfolg können sie ihren Job schnell verlieren. Das alles spielt bei diesem Thema eine Rolle.

Können Sie verstehen, wenn ein Bundesligaverein eine Landesbürgschaft benötigt oder womöglich Staatskredite in Anspruch nehmen muss?

Ich halte das für eine nicht nachvollziehbare Aktivität gegenüber dem Steuerzahler. Genauso unverständlich sind indirekte Hilfen wie der Erlass von Stadionmieten bei städtischen Stadien. Auch die Öffnung der Insolvenzklausel im deutschen Profifußball finde ich falsch. Es ist zwar gut gemeint. Aber wir haben jetzt eine Situation, die schamlos ausgenutzt wird. Denn für solche Vereine, die über viele Jahre hinweg Misswirtschaft betrieben haben, ist es eine historische Chance, ihre Probleme sozusagen durch die Hintertür zu lösen. Das ist eine massive Wettbewerbsverzerrung und unfair gegenüber allen anderen. Das hat nichts mehr mit vernünftigem Wirtschaften zu tun. Es werden quasi die Vereine bevorzugt und incentiviert, die jahrelang über ihre Verhältnisse gelebt haben. Dafür habe ich kein Verständnis, und das halte ich für höchst problematisch. Das sind Dinge, bei denen wir uns dann nicht wundern müssen, wenn die Menschen kein Verständnis mehr für den Fußball haben.

Muss es in den Vereinen mehr Verantwortliche geben, die nach den Grundsätzen des ehrbaren Kaufmanns handeln?

Jeder Verein und jedes Unternehmen haben die Verantwortung für sich selbst. Wenn das klar wäre und es an dieser Stelle keine Ausnahmen geben würde, wäre das das beste Mittel, um dafür zu sorgen, dass vernünftig gewirtschaftet wird.

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