https://www.faz.net/-gtm-7h8g6

Philipp Lahm : Der Musterschüler lüftet die Maske

Ein souveräner, selbstbewusster Kapitän: Philipp Lahm Bild: dpa

Vor seinem 100. Länderspiel am Freitag gegen Österreich zeigt sich Kapitän Philipp Lahm von einer ganz anderen Seite: locker, humorvoll und voller Selbstironie.

          3 Min.

          In seinen nun knapp zehn Jahren in der Nationalmannschaft war Philipp Lahm lange so etwas wie der Musterschüler des neuen deutschen Fußballs. Bei seinen öffentlichen Auftritten konnte man dabei leicht den Eindruck gewinnen, dass sich Lahm auch so gab wie ein deutscher Musterschüler, so, wie er sich offenbar den perfekten Profi vorstellt. Einer, der sich nicht nur durch Leistung unangreifbar macht, sondern auch mit seinen geschliffenen und wie gestanzten Sätzen, an denen sich niemals jemand reiben konnte, weil alles immer so korrekt, seriös und wohltemperiert klang.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Als Persönlichkeit aber konnte man Lahm so lange nur auf dem Platz wahrnehmen, auf der rechten und linken Abwehrseite, wo es seit zehn Jahren keinen besseren in Deutschland gibt. Ausgerechnet aber vor seinem 100. Länderspiel an diesem Freitag gegen Österreich in München, auf der DFB-Bühne im Duett mit dem unschlagbar unterhaltsamen Thomas Müller erlebte man einen bald dreißig Jahre alten Familienvater, der so locker und gelöst auftrat, ja fast schon blödelnd, wie man Lahm in seiner Nationalelfkarriere kaum erlebt hat.

          „Ziele sind etwas anderes“

          Es war, als habe Lahm für den Moment eine Maske gelüftet, und zum Vorschein kam dabei für den Augenblick ein sympathischer deutscher Kapitän, der nicht nur über enorme Spielintelligenz verfügt, sondern auch über Humor und Selbstironie. „Es ist etwas Schönes, wenn man sein 100. Länderspiel vor der Haustür machen kann. Das Wichtigste ist natürlich, dass man gewinnt. Mein 100. Länderspiel ist eine schöne Nebensache“, sagte der deutsche und bayerische Kapitän vor dem Duell gegen Österreich, ohne dass es sich bei seinem Heimspiel in München aufgesetzt anhörte.

          Denn hundert Länderspiele seien ja auch kein Ziel, ebenso wenig wie 150. Länderspiele, der Rekord von Lothar Matthäus. „Ziele sind etwas anderes: Titel gewinnen - am liebsten 2014“, sagt Lahm. Aber jetzt gehe es erst mal darum, gegen Österreich nach den allzu vielen Gegentoren auch eine Abwehrleistung zu zeigen, die „bei den Stürmern anfängt und beim Torwart endet“. Lahm vertraut aber darauf, dass aus der zuletzt nur noch bedingten Abwehrbereitschaft spätestens bei der WM mit entsprechender Vorbereitung wieder eine stabile Sache wird.

          Als alles anfing: Lahm bei seinem Debüt 2004 gegen Kroatien
          Als alles anfing: Lahm bei seinem Debüt 2004 gegen Kroatien : Bild: picture-alliance / dpa

          Es ist in diesen Wochen und Monaten, als fiele dem Verteidiger alles wie von selbst zu. Das Triple mit den Bayern gewann Lahm in einer Saison, in der er so gut spielte wie nie. 19 Tore bereitete er vor, und der Fußball machte ihm dabei Spaß wie noch nie. Und die schönsten Komplimente, auch wenn sie nicht in den Wahlen zum Fußballer des Jahres in Deutschland und Europa zum Ausdruck kamen, die seine Bayern-Kollegen Schweinsteiger und Ribery gewannen, sammelte er auch ein. „Er ist für mich der intelligenteste Spieler, den ich je in meiner Karriere trainiert habe.

          Ich bin froh, hier zu sein, nur weil ich ihn trainieren darf“, schwärmte zuletzt Pep Guardiola, der frühere Messi-Iniesta-Xavi-Trainer, nach dem Supercup-Sieg am Wochenende. „Er ist ein absolutes Vorbild an Seriosität und Einsatz. Auf ihn kann sich ein Trainer immer verlassen“, schwärmte Bundestrainer Joachim Löw. Und Lahms Förderer Hermann Gerland, der es sich verbittet, als sein Entdecker bezeichnet zu werden, weil dessen Talent unübersehbar gewesen sei, stellte dieser Tage fest: „Philipp Lahm war schon mit 17 Jahren perfekt - nur den wollte keiner haben.“

          Immer in der Startelf

          Seit knapp einem Jahrzehnt ist er nun aus der Nationalelf nicht mehr wegzudenken. Schon in seinem ersten Länderspiel im Februar 2004 gehörte er zur Startelf, „dabei war ich sieben Monate vorher noch Amateurspieler“. Weit erstaunlicher als sein Aufstieg in den Hunderter-Klub mit 29 Jahren ist allerdings, dass Lahm seitdem immer in der Startelf stand, kein einziges Mal in 99 Einsätzen saß der hochbegabte Techniker und Taktiker beim Anpfiff auf der Ersatzbank.

          Neben dem Fußballtechniker Lahm gab es hinter den Kulissen in den vergangenen Jahren aber auch den Techniker der Macht, der an die Spitze strebt. Im Jahr 2009 warf Lahm dem FC Bayern in einem nicht genehmigten Interview ganz berechtigt vor, dass der Klub keine fußballerische Identität besitze und sich darum auch nicht kümmere. Lahm bekam eine Rekordstrafe von 50 000 Euro aufgebrummt, aber das war gut angelegtes Geld für die Profilbildung im Profigeschäft. Ein Jahr später machte sich Lahm bei vielen im Fußball unbeliebt, als er dem verletzten Michael Ballack die ausgeliehene Kapitänsbinde nicht mehr zurück geben wollte - und es auch nicht getan hat.

          Wiederum ein Jahr später schrieb er eine Autobiographie und verdarb es sich dabei mit den früheren Bundestrainern Jürgen Klinsmann und Rudi Völler. Am Freitag war es Lahm ein Leichtes, seinem ehemaligen Trainer zu danken und seinem Vorgänger, der in München offiziell verabschiedet wird, ein paar nette Worte hinterher zu rufen. „Großen Dank an Rudi Völler“, sagte Lahm lächelnd über das Vertrauen, dass der einstige Teamchef dem Neuling sofort und dann auch dauerhaft geschenkt hatte.

          Und Lahm hob dann auch die Verdienste von Ballack für den deutschen Fußball hervor, ohne dass man dem Glauben verfallen wäre, es nun mit allerbesten Freunde zu tun zu haben. „Wir werden uns nicht bekriegen“, sagte Lahm locker. Als er zum Schluss gefragt wurde, ob er vielleicht noch so lange Fußball spielen wolle, bis ihn auch sein kleiner Sohn im Stadion sehe, entgegnete Lahm: „Samstag um halb vier in der Bundesliga war er schon im Stadion. Ich könnte also aufhören.“

          Weitere Themen

          „Der Eishockeystandort Köln wackelt gewaltig“

          Die Haie auf Eis : „Der Eishockeystandort Köln wackelt gewaltig“

          Wenn die Deutsche Eishockeyliga am 11. November in ein Vorbereitungsturnier starten will, tut sie das wahrscheinlich ohne die Kölner Haie. Der Klub sieht Spiele ohne Fans als ein finanziell „massives Risiko“ und bittet deswegen um einen symbolischen Beitrag.

          Topmeldungen

          Warnschild in Ludwigsburg

          Debatte im Bundestag : Wer der Feind ist

          Kritik ist berechtigt und nötig. Eine „Corona-Diktatur“ ist Deutschland aber nicht. Auch die Opposition sollte in diesen Zeiten nicht überreagieren.
          Der Umsatz mit den iPhones verfehlt die Erwartungen. Tim Cook ist trotzdem optimistisch.

          Amazon, Apple & Co. : Den Tech-Konzernen geht es glänzend

          Amazon schafft einen weiteren Rekordgewinn, und Facebook beschleunigt sein Wachstum. Apple muss auf das nächste Quartal vertrösten – hat aber guten Grund zum Optimismus.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.