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Paolo Guerrero : Kleiner Krieger mit Problem

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José Paolo Gonzalez Guerrero: Er sorgt selbst dafür, dass man sich an seine bösen Szenen erinnert Bild: dpa

Paolo Guerreros Ruf ist nach seinem üblen Foul endgültig ruiniert. In Hamburg mögen sie ihn noch immer, weil sie ihn brauchen. Doch macht der HSV im Umgang mit der Sperre keine gute Figur.

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          Er lachte viel, wirkte auch mal nachdenklich und sah dabei richtig nett aus. Fast brav. Er sagte: „Wenn ich trainiere, dann schaue ich auf meine Mitspieler. Die sind 19, ich 28. Ich bin einfach älter und ein Vorbild für diese jungen Spieler, das muss ich zeigen und korrekter werden.“ Anfang Februar saß Paolo Guerrero im „Sportclub“ des NDR; der Hamburger SV hatte 1:1 gegen den FC Bayern gespielt. Das selbsternannte Vorbild steckte nach einer starken Vorrunde seine Ziele für die nächsten Jahre beim HSV ab.

          Glaubwürdig wirkte das schon, aber wer Guerrero über die Jahre beobachtet hat, fragte sich, ob er sein hässliches Gesicht würde ablegen können, um in Zukunft ohne Skandale und Skandälchen durch die Bundesliga zu stürmen. Flugangst, Flaschenwurf, Vertragspoker - damit verbindet man José Paolo Gonzalez Guerrero eher als mit Toren und Dribblings. Nur vier Wochen später sind die hohen Selbstanforderungen Schall und Rauch. Ein Tritt hat genügt, um den Ruf des Peruaners endgültig zu ruinieren. Zumindest außerhalb Hamburgs.

          Es ist ein trüber Morgen am Übergang zwischen Winter und Frühling, das übliche Training auf den Plätzen neben der Arena mit ein paar mehr kleinen Zuschauern als sonst. In Hamburg sind Schneeferien, und wer nicht weggefahren ist, schaut schon mal mit den Kindern beim HSV vorbei. Sollte die Anzahl der Autogramme eine Maßeinheit für Beliebtheit sein, gehört Guerrero zu den besonders geschätzten Profis.

          Er unterschreibt oft und schweigt dazu. Manchmal gibt es leise Aufmunterung. Böse Worte fallen nicht. Guerrero kritzelt und schweigt. Hinterher zeigen sich die jungen Fans die Signatur mit einem Gesichtsausdruck, als hätten sie ein seltenes Tier gestreichelt: Immerhin stand der böse Bube der Bundesliga neben ihnen, das kann man nach den Ferien in der Schule erzählen.

          Flugangst, Flaschenwurf, Vertragspoker - die Liste der Skandale und Skandälchen ist lang
          Flugangst, Flaschenwurf, Vertragspoker - die Liste der Skandale und Skandälchen ist lang : Bild: dpa

          Eine aktuelle Umfrage unter den Fans anderer Bundesliga-Klubs würde mit großer Wahrscheinlichkeit ergeben, dass dieser Guerrero bestimmt schon fünf, sechs Mal vom Platz geflogen ist. Nicht nur die Bilder des Tritts gegen den Stuttgarter Torwart Sven Ulreich liegen ja längst musikalisch aufbereitet bei Youtube vor, inzwischen sind auch die Fakten übermittelt: 56 Meter Anlauf nahm Guerrero und war 31,28 Kilometer in der Stunde schnell, ehe er Ulreich niederstreckte. Es war der schnellste Sprint eines Hamburger Profis im gesamten Spiel.

          All das spricht gegen ihn, all das spricht für das Bild vom brutalen Treter. Stimmt auch, bezogen auf diese Szene. Allerdings ist Guerrero in 159 Bundesligaspielen und 66 Partien der Regionalliga Süd nie vom Platz gestellt worden. Nicht Rot, nicht Gelb-Rot, und auch 28 von 29 Einsätze für sein Heimatland Peru hat Guerrero ohne Feldverweis überstanden. Nur einmal musste er vorzeitig duschen.

          Nachsetzen, grätschen, foulen, provozieren

          Trotzdem: Für die Gästefans ist Guerrero mit seiner aggressiven, einschüchternden Art schon immer Zielscheibe all ihrer Abneigung gewesen. Nachsetzen, grätschen, foulen, provozieren, mit dem Schiedsrichter diskutieren - das beinhaltet seine Spielweise. Die Hamburger Sicht ist eine andere. Im Verein und bei den Fans sehen sie in Guerrero einen, der für den Klub alles gibt.

          Im Gegensatz zum Sturmkollegen Mladen Petric etwa, der sich lieber versteckt, wenn es schlecht läuft. Das kann man so sehen, man kann auch Frust über die schlechte Leistung gegen den VfB hinter dem Tritt mit Anlauf vermuten. Das kann aber weder Erklärung noch Entschuldigung sein, und weil der HSV und sein Spieler in den Tagen danach durchgehend die falsche Taktik wählten, ist aus Guerreros Foul und der Acht-Spiele-Sperre ein Kommunikations-Fiasko für den HSV geworden.

          Er wollte Vorbild sein - und ist nun Feindbild
          Er wollte Vorbild sein - und ist nun Feindbild : Bild: dpa

          Die Reaktion des Spielers am Sonntag kann intern niemals abgestimmt gewesen sein. Sinngemäß sagte Guerrero, es sei doch nicht so schlimm gewesen, Ulreich sei schließlich gleich wieder aufgestanden. Und das, was Vorstand, Sportchef und Trainer vorbrachten, um sich hinter ihren Spieler zu stellen, sorgte bundesweit für Kopfschütteln.

          Erst der Protest gegen den Bann bis fast zum Saisonende. Dann verstieg sich Trainer Thorsten Fink am Dienstag zu der Behauptung, Guerreros Optik habe die Strafe beeinflusst: „Vielleicht muss man lieber aussehen, um besser wegzukommen. Aber Guerrero ist der kleine Krieger, der hat ein paar Narben im Gesicht. Man will ein Exempel statuieren.“

          Dieser Tritt mit Anlauf hat seinen Ruf endgültig ruiniert
          Dieser Tritt mit Anlauf hat seinen Ruf endgültig ruiniert : Bild: dpa

          Guerrero steht beim HSV bis 2014 unter Vertrag, sie benötigen ihn als Stürmer, der den Gegner anläuft, der anspielbar ist, der Tore schießen kann. Petric wird im Sommer gehen, und für Guerrero ist die Rolle des gereiften Profis neben den stürmischen Grünschnäbeln Töre, Son und Arslan vorgesehen. Es ist ziemlich durchschaubar: Sie brauchen ihn noch. Selbst wenn er das Gemüt eines jähzornigen Kindes hat.

          Die Akte Guerrero ist dick. So einer sollte seinen 135.000 Euro teuren Porsche nicht in der City auf einem Behindertenparkplatz abstellen, um bei Starbucks einen Café zu trinken. Geschehen vor anderthalb Jahren. Der Boulevard schrie: Skandal. Dass Guerreros Auto den Parkplatz damals nur mit den Vorderreifen berührte, wurde lieber unterschlagen. Die Geschichte passte zu gut.

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