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Pal Dardai : Klaglos ins zweite Glied bei „seiner“ Hertha

  • -Aktualisiert am

Dann halt Nachwuchstrainer. Pal Dardai hat kein Problem mit dem Rückzug. Bild: dpa

Ehrgeizig ja, eitel nein: Pal Dardai muss als Chefcoach bei Hertha BSC gehen. Der Ungar bleibt aber seiner fußballerischen Liebe treu und will beginnend mit dem Heimspiel gegen Hannover einen ehrenhaften Abschluss.

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          Wenn alles vorbei ist, Ende Mai, wird Pal Dardai sich zurücklehnen und die eine oder andere Flasche Wein aufmachen. Einen schweren Roten, den er so liebt, von einem befreundeten Winzer aus Ungarn. Als Begleitung zu einem Fleischgericht, Gulasch etwa, zubereitet von Ehefrau Monika, die als hervorragende Köchin gilt. Ein Asket wie die Trainerkollegen Thomas Tuchel oder Pep Guardiola ist Dardai nicht. Sein Kommentar dazu: „Man lebt nur einmal.“

          Dardai macht einiges anders als die meisten in dieser von Eitelkeiten nicht freien Branche. Nach seiner Amtsenthebung unter der Woche hat er angekündigt, ein Jahr pausieren zu wollen, um dann 2020 wieder als Trainer zu arbeiten. Nicht in Wolfsburg, nicht in Bremen oder sonstwo in der Republik, sondern in Berlin. Bei Hertha BSC, im Nachwuchs. Man stelle sich vor, Florian Kohfeldt würde eines Tages nach seiner Demission als Bundesliga-Trainer wieder klaglos ins zweite Glied rücken. Ein eher unwahrscheinlicher Gedanke.

          Zugegeben: Um Dardai ist nie ein Hype entstanden wie um seinen jungen Bremer Kollegen, aber der Ungar trainierte die Berliner viereinhalb Jahre lang. Länger ist nur der Freiburger Christian Streich bei einem Klub in der höchsten Spielklasse an der Seitenlinie. Dardai hat nachgewiesen, dass er ein respektabler Trainer auf diesem Niveau ist, und mit großer Wahrscheinlichkeit würde er problemlos irgendwo anders unterkommen von Hamburg bis München. Nur hat er daran wohl kein Interesse. Die Verbissenheit vieler Kollegen ist ihm fremd, obwohl er sein ganzes Leben im Profifußball verbracht hat (Vater Pal Senior war auch schon Trainer), konnte er sich ein gesunde Distanz bewahren.

          Kurz vor Entlassung sprach er ein paar Sätze, die viel über ihn aussagen: „Ich habe vor viereinhalb Jahren die Mannschaft übernommen, weil der Verein mich darum gebeten hatte. Ich wollte es erst nicht, aber ich habe es dann gern gemacht. Jeden Tag. Wenn der Verein jetzt das Gefühl hat, ich blockiere die Entwicklung, ist es Zeit zu gehen. Ich habe eine wunderschöne Frau, drei gesunde Kinder, ich werde nicht verhungern. Mein Leben hängt nicht davon ab, ob ich weiter Trainer bin.“ Ehrgeizig ja, eitel nein.

          Beliebt bei den Fans

          Dardai wohnt unweit des Olympiastadions, ein Umzug in eine andere Stadt, nur des Jobs wegen, würde für ihn kaum in Frage kommen, zumal seine hochtalentierten Söhne alle im Nachwuchs des Berliner Bundesligaklubs spielen. Der älteste, Palko, durfte schon öfter in der Bundesliga ran. Neben all der Romantik kennt Dardai auch seinen Stand im Verein. Seit er 1997 nach Deutschland kam, war er nur für Hertha aktiv. Kein Fußballer hat öfter in der Bundesliga das blau-weiße Trikot getragen (286), kaum einer ist bei den Fans beliebter.

          Beim ersten Training nach Bekanntgabe der Trennung wurde er gefeiert. Eine erste Probe wird es an diesem Sonntag (18 Uhr/ F.A.Z.-Liveticker zur Bundesliga und Sky) geben, wenn Hertha den Letzten Hannover 96 empfängt. Anders als Manager Michael Preetz, mit dem Dardai lange die Kabine, selten aber dieselbe Meinung teilte, gilt er als Mann des Volkes, als einer, der die Berliner Seele besser versteht als der gebürtige Rheinländer Preetz. Dardai hat in seiner Zeit als Profitrainer vieles auf sich zugeschnitten. Die Nachwuchstrainer Ante Covic, Michael Hartmann und „Zecke“ Neuendorf gelten als enge Vertraute, alle gehören zur erfolgreichen Hertha-Generation um die Jahrtausendwende. Mit ihnen arbeitete er gut zusammen, unter keinem anderen Trainer wurden die eigenen Talente so sehr gefördert wie unter Dardai.

          Arne Maier, Maximilian Mittelstädt oder Sohn Palko machte er zu Bundesliga-Spielern, andere stehen auf dem Sprung. Wie es für sie unter dem neuen, noch nicht benannten Trainer weitergeht, ist ungewiss. Im kommenden Jahr möchte Dardai ein wenig reisen, bei anderen Trainern hospitieren und sich weiterbilden. Wenn er danach zu seiner Hertha zurückkehrt, wird er intern weiter eine starke Position innehaben. Wohl wissend, dass er bei einem möglichen Misserfolg der Profimannschaft stets eine Option wäre. Natürlich nur dann, wenn die Hertha mal wieder dringend gerettet werden muss.

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