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Zweite Bundesliga : Dursuns langer Schatten in Darmstadt

  • -Aktualisiert am

Mit Wucht: Die „Lilien“-Angreifer Luca Pfeiffer und Phillip Tietz Bild: Huebner

Mit Serdar Dursun verloren die „Lilien“ den torgefährlichsten Angreifer der zweiten Liga. Doch Trainer Torsten Lieberknecht hat einen Plan: Wie Darmstadt 98 den Abgang des Torjägers kompensieren will.

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          Als Serdar Dursun nach seinem letzten Heimspiel für Darmstadt 98, einem 5:1-Heimsieg gegen Heidenheim im Mai, tränenüberströmt über den Rasen stapfte, konnte man bereits ahnen, dass dieser Abschied nicht nur ihm schwerfallen würde. Vier Tore hatte er in den 90 Minuten zuvor erzielt, wie so häufig in der vergangenen Spielzeit war er der entscheidende Mann für die „Lilien“. Sein ablösefreier Abgang stand zu diesem Zeitpunkt bereits fest, längst hatte er sich in Sphären jenseits der finanziellen Möglichkeiten der Darmstädter geschossen. Dursun verabschiedete sich schließlich mit 27 Treffern und als bester Torschütze der Zweitligasaison.

          2. Bundesliga

          Drei Monate später, das Heimspiel gegen den FC Ingolstadt am vergangenen Wochenende: die Startelf der Darmstädter vereint 19 Zweitligatreffer auf sich – insgesamt. Den Fehlstart in die Saison mit zwei Niederlagen gegen Regensburg und Karlsruhe ohne eigenen Treffer sowie dem Aus im DFB-Pokal gegen 1860 München nur am Abgang des Torjägers festzumachen greift gewiss zu kurz. Verletzungen und zahlreiche Corona-Ausfälle hatten dem neuen Trainer Torsten Lieberknecht erst die Vorbereitung erschwert und dann die Spieltags-Kader dezimiert.

          Doch man braucht keine allzu rege Fantasie, um sich vorstellen zu können, dass es mit einem Dursun im Sturm hätte besser laufen können. Dass er ein Tor macht, wo sich so nicht einmal eine Chance ergab. Weil er häufig richtig steht, stark im Abschluss mit Kopf und Fuß ist. Auch mal aus dem Nichts ein Tor machen kann. Aber wie ersetzt man einen Spieler, der so gut ist, dass man sich seine Güteklasse nicht leisten kann?

          „Im Sechzehner eine gewisse Wucht“

          Auf mehrere Schultern will Lieberknecht diese Last verteilen. Funktioniert hat dieses Vorhaben zum ersten Mal gegen Ingolstadt: 6:1 stand es nach einer äußerst überzeugenden Offensivleistung der „Lilien“. Entscheidenden Anteil am Erfolg hatten die beiden Neuzugänge Luca Pfeiffer und Phillip Tietz. Pfeiffer spielte in der Vorsaison noch beim FC Midtjylland in Dänemark und kam ohne Zweitliga-Erfahrung nach Darmstadt. Tietz kam vom Drittligaverein Wehen Wiesbaden und hatte immerhin schon sechs Treffer in Deutschlands zweithöchster Spielklasse erzielt.

          Wie schon zuvor im Pokal schickte Lieberknecht die beiden groß gewachsenen Angreifer nun in der Liga zum ersten Mal gemeinsam auf das Feld, um „im Sechzehner eine gewisse Wucht zu erzeugen“. Der Plan ging auf: Beide trafen gleich zweimal. Und beide gaben dabei Anlass zur Hoffnung, dass ihre ersten nicht die letzten Tore in dieser Spielzeit werden sollten. Besonders Pfeiffers Treffer, zwei überragende Einzelleistungen – erst mit Wucht aus rund zwanzig Metern Entfernung, dann mit Gefühl per Heber –, dürften die Zuschauer in Darmstadt zumindest kurzzeitig den Namen Serdar Dursun vergessen haben lassen.

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          Der hatte seinem ehemaligen Arbeitgeber übrigens noch einen letzten Gefallen getan und Neuzugang Klaus Gjasula vom Hamburger SV „ausschließlich Positives erzählt“ über den Fußballstandort Darmstadt und ihm „zum Wechsel geraten“, wie der neue Mann im defensiven Mittelfeld verlauten ließ. Gjasula – 3 Treffer in 69 Erst- und Zweitligaspielen – ist gewiss nicht für seine Torjägerqualitäten geholt worden, soll aber mit seiner Aggressivität im Zweikampf das von Lieberknecht geforderte schnelle Umschaltspiel initiieren.

          Diese „Umschaltmomente“ habe man gegen Ingolstadt schon „im Griff gehabt“, sagt der Trainer. Und genau diese Umschaltmomente standen auch in der Trainingswoche vor dem Spiel an diesem Sonntag (13.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur zweiten Liga sowie bei Sky) beim Hamburger SV im Fokus. Wahrscheinlich wird auch wieder Neuzugang Gjasula eine Schlüsselrolle zukommen. An Motivation dürfte es ihm nach seinem selten von Erfolg geprägten Intermezzo in Hamburg nicht mangeln.

          Eine Blaupause?

          Offen ist, ob Lieberknecht auch beim Aufstiegsaspiranten wieder auf einen Zwei-Mann-Sturm aus Tietz und Pfeiffer zurückgreift oder ob einer der beiden zunächst auf der Bank Platz nehmen muss. Dabei hat der FC St. Pauli in der Vorwoche vorgemacht, wie man den HSV mit einer Doppelspitze bezwingt. Beim 3:2-Sieg stand mit Simon Makienok und Guido Burgstaller das wohl einzige Sturm-Duo der zweiten Liga auf dem Platz, das Tietz und Pfeiffer in Bezug auf die Körperlänge noch überragt.

          Womöglich eine Blaupause für Lieberknecht und sein Trainerteam. Eine Schwäche beim Verteidigen von Standard-Situationen will man in Darmstadt beim Gegner jedenfalls ausgemacht haben – vielleicht sind zwei kopfballstarke Stürmer also besser als einer. Und vielleicht bekommen Tietz und Pfeiffer so weiterhin die Chance, Dursuns Abgang im Kollektiv vergessen zu machen.

          Auch die Lichtung des vereinseigenen Lazaretts sollte Torsten Lieberknecht bald wieder mehr Möglichkeiten geben. Tobias Kempe könnte wieder eine Option für die Startelf sein – seine Flanken würden sicherlich auch Pfeiffer und Tietz helfen. Einen weiteren Neuzugang wünscht sich Lieberknecht übrigens auch noch. Und hat dabei wohl einen bestimmten Spieler auf dem Zettel. Ob es sich dabei um einen Stürmer handelt, verrät er nicht. Zwei weitere Schultern, um die Last von Serdar Dursuns Abgang zu tragen, könnten sicher nicht schaden.

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