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Nuri Sahin im Gespräch : „Das Beste aus beiden Kulturen“

  • Aktualisiert am

Nuri Sahin nach einem Länderspiel gegen Deutschland im Jahr 2005 (links Sebastian Deisler) Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Nuri Sahin opferte seine Jugend, um Profi zu werden. Mit Dortmund erlebt er einen Höhenflug, mit der Türkei spielt er am Freitag gegen Deutschland (20.45 Uhr). Im FAZ.NET-Interview spricht Sahin über seinen Traum, den Familienrat und und die Liebe zu Deutschland.

          8 Min.

          Jüngster Bundesliga-Spieler, jüngster Bundesliga-Torschütze, jüngster Nationalspieler der Türkei, jüngster Torschütze der Türkei. Obwohl erst 22 Jahre alt, ist Nuri Sahin schon im sechsten Profijahr. Mit zwölf zu Borussia Dortmund gekommen, wurde er 2005 mit der Türkei U-17-Europameister und zum besten Spieler des Turniers gewählt. Arsenal-Trainer Arsène Wenger nannte ihn damals „das weltweit größte Talent unter 18 Jahren“. In Dortmund übersprang Sahin die A-Jugend und rückte direkt aus der B-Jugend zu den Profis auf.

          Mit 16 Jahren gab er sein Debüt in der Bundesliga. Mit 17 spielte er erstmals für die türkische A-Nationalmannschaft und schoss in Istanbul beim 2:1 gegen Deutschland gleich ein Tor. 2007 sortierte ihn der damalige Trainer Thomas Doll aus, die Borussia verlieh ihn an Feyenoord Rotterdam. 2008 kehrte Sahin nach Dortmund zurück, aktuell zählt er zu den herausragenden Spielern der Bundesliga. Beim 2:0-Sieg gegen den FC Bayern am Sonntag zirkelte er einen Freistoß zum Endstand ins Münchner Tor. Am Freitag trifft Sahin mit der Türkei in der EM-Qualifikation wieder auf die deutsche Mannschaft, diesmal in Berlin (20.45 Uhr / FAZ.NET-Länderspiel-Liveticker).

          Sagt Ihnen der Name Uwe Bein etwas?

          Ein Fußballer, oder?

          Bild: dpa

          Ja, er hatte seine große Zeit, als Sie in den Kindergarten kamen, und er war – wie Sie – ein Spezialist für den tödlichen Pass. Können Sie uns dieses Talent erklären? Warum kann einer auf dem Fußballplatz Räume sehen, die andere nicht sehen?

          Bevor der Ball bei mir ankommt, habe ich meistens schon eine Idee, welchen Pass ich spielen könnte. Das habe ich schon als Kind gekonnt, das ist wohl eine Gabe des lieben Gottes. Abstände richtig einzuschätzen, das hat auch mit räumlichem Sehen zu tun – aber ich bin da kein Experte, andere können das sicher besser erklären. Wenn man versucht, so oft wie möglich den tödlichen Pass zu spielen, ist es aber auch normal, dass der Pass nicht immer ankommt.

          Sie sind mit 16 Jahren Bundesligaspieler geworden und haben gesagt, Sie hätten Ihre Jugend dafür geopfert, sich diesen Traum zu erfüllen. Was macht diesen Traum aus: Ruhm, Geld, Erfolg?

          Mir war von Anfang an klar: Wenn mein Traum vom Fußball in Erfüllung ginge, würde ich auch Geld verdienen. Geld ist wichtig, aber es stand nicht an erster Stelle, als ich Profi werden wollte. Es war für mich einfach ein Traum, in diesen großen Stadien zu spielen und das alles mitzuerleben. Ich erinnere mich noch an mein letztes Spiel als Balljunge in Dortmund, da war ich fünfzehn, da hat Marc-Andre Kruska, den ich ganz gut kannte, von Anfang an gespielt, und ich habe mich gefragt: Wie muss der Junge sich jetzt fühlen? Ein Jahr später durfte ich es selbst erleben. Dafür habe ich einiges geopfert.

          Was zum Beispiel?

          Meine Familie kommt aus Lüdenscheid, und ab zwölf bin ich jeden Tag 76 Kilometer hin- und zurück gependelt, um in Dortmund trainieren zu können. Nach der elften Klasse habe ich das Gymnasium verlassen, weil es einfach nicht mehr ging. Ich konnte auch nicht jede Klassenfahrt mitmachen oder ins Jugendzentrum gehen, wenn meine Freunde sich getroffen haben.

          Mit 15 Balljunge, mit 16 Bundesligaspieler, mit 17 Nationalspieler – wie sehr hat Sie dieser steile Aufstieg verändert?

          Die Medien haben sich für mich interessiert, es gab Schulterklopfer, man hat mich auf der Straße erkannt, aber sonst hat sich nicht viel geändert. Wenn meine Mutter zu Hause die Tür zu gemacht hat, war ich einer ihrer beiden Jungs. Wenn ich meinen Eltern heute sage, ich bin jetzt erwachsen, sagt mein Papa immer noch, du bist doch noch ein Kind! So sind Eltern eben.

          2007 gab es einen Einbruch in Ihrer jungen Karriere. War es doch zu viel, was auf Sie eingestürzt ist? Sie sagten, Sie seien körperlich und seelisch ausgebrannt gewesen. Was ist damals passiert mit dem Wunderkind?

          Es war schwer. Mein Tiefpunkt bei der Borussia war ein Spiel in Wolfsburg. Da haben wir uns vor dem Abstieg gerettet, aber ich habe keine einzige Minute gespielt. Am Abend saß ich zuhause und hatte Tränen in den Augen. Dortmund wollte mich ausleihen, und ich habe mich für Feyenoord Rotterdam entschieden, für Trainer Bert van Marwijk, der mich schon in Dortmund gefördert hatte. Die Konkurrenz bei Feyenoord war groß, das war eine gute Mannschaft mit Spielern wie Giovanni van Bronckhorst und Roy Makaay.

          Was hat Ihnen die Zeit in Rotterdam gebracht?

          Ich war ziemlich alleine und wusste, das wird ein entscheidendes Jahr. Mir war klar: Wenn ich es in Rotterdam nicht schaffe, habe ich auch bei Borussia Dortmund nichts mehr zu suchen.

          Gab es Phasen, in denen Sie gedacht haben, ich schaffe es nicht?

          Fußballerisch habe ich mir nie Gedanken gemacht, ich könnte es nicht schaffen. Ohne dass es arrogant klingen soll – dafür bin ich zu talentiert, zu gut. Ein Jahr im Ausland zu leben hat mir aber gut getan, dort allein zurechtzukommen hat meine Psyche gestärkt. Ich war Stammspieler bei Feyenoord und wir sind Pokalsieger geworden. Borussia Dortmund habe ich von außen beobachtet und gemerkt: Nuri, du kannst es auch dort schaffen!

          Der Familienrat, der vor wichtigen Entscheidungen zusammenfindet, soll bei Ihnen aus 15 Verwandten bestehen. Welche Bedeutung hat die Familie für Sie?

          Mir ist es sehr wichtig, dass die Familie hinter mir steht und dass ich hinter ihr stehen kann. Wir sprechen gern über Fußball. Manche in der Familie haben viel Ahnung, manche denken es nur von sich. Bei uns gehört es einfach dazu, dass wir uns ein paar Mal im Monat zusammensetzen, entweder bei uns, bei meinem Onkel, bei meiner Tante oder bei meinem Cousin. Wir wollen uns nicht aus den Augen verlieren.

          Fühlen Sie sich als Türke?

          Ja, meine Eltern und meine Familie sind türkisch, deshalb fühle ich mich als Türke. Außerhalb des Elternhauses bin ich aber in der deutschen Kultur aufgewachsen: Mit vier Jahren bin ich in den Fußballverein gegangen, ich war im Kindergarten, in der Grundschule und auf dem Gymnasium, wo nur wenige Türken waren. Mit zwölf habe ich angefangen, mit Borussia Dortmund zu reisen, da habe ich viel mitbekommen von Deutschland und Europa. Ich ziehe das Beste aus beiden Kulturen.

          Wie wichtig ist die Sprache für die Integration?

          Bei uns zuhause wurde deutsch und türkisch geredet. Eigentlich sogar mehr deutsch. Meine Eltern haben zu uns Kindern immer gesagt, das sind beides sehr wichtige Sprachen für euch, das eine ist eure Muttersprache, das andere ist die Sprache des Landes, in dem ihr lebt, ihr müsst beides möglichst perfekt beherrschen. So sind wir aufgewachsen.

          Wie wichtig ist die Sprache auf dem Fußballplatz? Es heißt ja, der Fußball habe seine eigene Sprache, und mancher ausländische Profi leitet daraus ab, dass er auf die Landessprache verzichten könne.

          Es ist traurig, wenn einer sechs, sieben Jahre in Deutschland spielt, und die Sprache nicht beherrscht. Ich finde es sehr wichtig, die jeweilige Landessprache zu sprechen. Als ich zu Feyenoord nach Holland kam, konnten alle im Verein Englisch, aber es hat mir nicht gereicht, mit ihnen Englisch zu reden. Am Esstisch nämlich reden die Holländisch, und es war für mich wichtig, dass ich mitreden konnte, dass ich meine Meinung sagen konnte. Die reine Fußballsprache lernst du schnell, aber das reicht nicht. Für mich war es wichtig, dass ich auch mal mit dem Zeugwart reden kann, dass ich ihn fragen kann: Wie geht's dir, was machst du? Man muss in der Lage sein, eine Beziehung zu den Menschen herzustellen, das geht nur über die Sprache. Deshalb habe ich Holländisch gelernt. Wenn ich Trainer wäre, würde ich großen Wert darauf legen, dass die Spieler die Landessprache sprechen. Ich mag es nicht, wenn ein Spieler in der Ecke sitzt und nicht redet, auch wenn er jede Woche seine Leistung bringt, das bringt uns auf dem Platz dann weiter, aber nicht als Team. Ich will wissen, was er denkt, wie er lebt, wie er fühlt. Das zu wissen, verbindet einen.

          Mesut Özil hat sich für die deutsche Nationalmannschaft entschieden und bei der WM großen Erfolg gehabt. Wenn Sie seinen Karriereschub betrachten, bereuen Sie dann manchmal, sich nicht für den DFB entschieden zu haben?

          Ich weiß, dass meine Leistung viel mehr in der Öffentlichkeit stünde, wenn ich mich für deutsche Auswahlmannschaften entschieden hätte. Die öffentliche Präsenz eines Nationalspielers ist natürlich eine ganz andere in dem Land, für das er spielt. Mesut ist mein Freund, und ich denke, dass wir beide die richtige Entscheidung getroffen haben. Er ist auf einem sehr guten Weg, und ich glaube, dass ich auch auf einem sehr guten Weg bin, auch wenn ich auf dem internationalen Niveau wie Mesut noch nicht mitwirken durfte.

          Tatsache ist aber auch, dass Sie und Özil für verschiedene Wege stehen, für unterschiedliche Vorbilder, was junge türkischstämmige Spieler in Deutschland betrifft.

          Ich kenne viele Jugendspieler, die sagen, wir wollen später mal für die Türkei spielen, weil du das auch so gemacht hast. Ich kenne aber auch andere Spieler, die eifern Mesut nach und werden sich für deutsche Teams entscheiden. Man muss beides akzeptieren. Es gibt ja sehr viele Jungs, die sich noch entscheiden müssen. Sie sollen ihr Herz entscheiden lassen, ohne Nebeneffekte wie Karriereplanung. Ich habe mich für die Türkei entschieden, aber das ist kein Sieg für die Türkei. Diese Entscheidung ändert nichts daran, dass ich Deutschland liebe.

          Wann spüren Sie den Deutschen in sich?

          Jeden Morgen. Beim Aufstehen. Du weißt, deine Arbeit beginnt, und du willst pünktlich sein. Wenn du mal keine Lust hast auf Training, dann sagst du dir: Sei diszipliniert! Das bringt dich weiter! Du machst das für dich! Das ist eine Einstellung, die ich an Deutschland sehr schätze. In der Türkei ist es schon mal so, dass einmal keinmal ist, und zweimal auch.

          Was denken Sie, wenn Sie die These von Thilo Sarrazin lesen, muslimische Migranten seien größtenteils weder integrationsfähig noch integrationswillig?

          Ich war ein bisschen schockiert über das, was er sagt. Über unsere Religion, die eine sehr schöne Religion ist, und darüber, dass wir uns nicht integrieren wollten. Die deutsche Nationalmannschaft ist doch das allerbeste Beispiel für Integration. Da schießt ein Türke bei der WM ein Tor, oder ein Tunesier - und ganz Deutschland jubelt.

          Stimmt es, dass Sie sich nach jedem Spiel von den Scouts Werte zu Laufleistung und Zweikampfführung geben lassen?

          Das stimmt. Ich will mich weiterentwickeln, und ich will wissen, was ich richtig und was ich falsch gemacht habe. Nach dem Leverkusen-Spiel zum Beispiel, das wir 0:2 verloren hatten, hatte ich kein gutes Gefühl, irgendetwas hatte nicht gepasst mit meiner Leistung, und dann kamen die Daten, und es war die schlechteste Laufleistung seit meiner Rückkehr nach Dortmund. Die Zahlen zeigten, dass ich zu wenig gearbeitet hatte, dass ich nicht in die Zweikämpfe gekommen war. Diese Daten sorgen für Klarheit und machen Ausreden überflüssig. Seit kurzem bin ich auch am Kopfballpendel. Wenn man ein kompletter Fußballer werden will, gehören auch solche Dinge dazu. Fußball ist mein Beruf, und ich will ihn zu hundert Prozent machen.

          Deshalb auch das Privattraining vor der Saison beim Münchner Fitmacher Schmidtlein?

          Ja, ich war fünf Tage in München, wollte, ehe die Saison losgeht, meinen ersten Muskelkater hinter mir haben. Dadurch erspare ich mir, dass ich ein, zwei Tage verliere, wenn es losgeht. Ich bin körperlich schon weit, aber ich bin keiner, der die Belastung einfach so wegsteckt.

          Warum hat es bislang nicht zum Durchbruch in der türkischen Nationalmannschaft gereicht? Haben die Türken tatsächlich bessere Mittelfeldspieler als Sie?

          Natürlich ist es für mich eine Enttäuschung, wenn ich nicht berücksichtigt werde. Aber ich muss die Entscheidung von Trainer Guus Hiddink akzeptieren. Ich hatte ein sehr gutes Gespräch mit ihm nach dem Belgien-Spiel, das mir Mut macht für die nächsten Monate und die nächsten Länderspiele. Ich muss weiter arbeiten. Mit Reden ist noch niemand in die Nationalmannschaft gekommen, und so wird das auch bei mir sein. Ich muss mich auf dem Platz empfehlen, und es dem Trainer so schwer wie möglich machen, mich draußen zu lassen.

          Kann Borussia Dortmund seinen Hurra-Stil eine Saison lang durchhalten? Oder muss die Mannschaft irgendwann dahin kommen, ihre Auftritte ein wenig zu dosieren?

          Das wird man bei uns nicht hinkriegen können. Wir haben viele junge Spieler, die sind so hungrig nach Siegen und Toren. Als es mittwochs gegen Kaiserslautern 3:0 stand, kam der Co-Trainer zu mir und sagte, wir sollten weiter Fußball spielen, aber wir sollten auch bedenken, dass wir am Samstag schon wieder ein Spiel in St. Pauli hätten. Da schießt Robert Lewandowski das 4:0, und ich sehe, wie Mats Hummel von ganz hinten nach ganz vorn sprintet, um ihm zu gratulieren. Ich dachte, ich kann doch jetzt keinem sagen, mach' mal ein bisschen langsamer, wenn der Mats schon beim Torjubel sprintet wie ein Wahnsinniger.

          Welches sind Ihre Ziele, was wollen Sie in Ihrer Karriere erreichen?

          Ich will erreichen, dass die Leute irgendwann sagen, der Junge hat etwas mit seinem Fußball bewirkt, nicht mit seinem Reden, nicht mit seinem Aussehen, nur mit Fußball. Ich will so gut wie möglich werden, will Spuren hinterlassen und mir mit meinem Fußball einen Namen machen.

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