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Nuri Sahin im Gespräch : „Das Beste aus beiden Kulturen“

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Die Medien haben sich für mich interessiert, es gab Schulterklopfer, man hat mich auf der Straße erkannt, aber sonst hat sich nicht viel geändert. Wenn meine Mutter zu Hause die Tür zu gemacht hat, war ich einer ihrer beiden Jungs. Wenn ich meinen Eltern heute sage, ich bin jetzt erwachsen, sagt mein Papa immer noch, du bist doch noch ein Kind! So sind Eltern eben.

2007 gab es einen Einbruch in Ihrer jungen Karriere. War es doch zu viel, was auf Sie eingestürzt ist? Sie sagten, Sie seien körperlich und seelisch ausgebrannt gewesen. Was ist damals passiert mit dem Wunderkind?

Es war schwer. Mein Tiefpunkt bei der Borussia war ein Spiel in Wolfsburg. Da haben wir uns vor dem Abstieg gerettet, aber ich habe keine einzige Minute gespielt. Am Abend saß ich zuhause und hatte Tränen in den Augen. Dortmund wollte mich ausleihen, und ich habe mich für Feyenoord Rotterdam entschieden, für Trainer Bert van Marwijk, der mich schon in Dortmund gefördert hatte. Die Konkurrenz bei Feyenoord war groß, das war eine gute Mannschaft mit Spielern wie Giovanni van Bronckhorst und Roy Makaay.

Was hat Ihnen die Zeit in Rotterdam gebracht?

Ich war ziemlich alleine und wusste, das wird ein entscheidendes Jahr. Mir war klar: Wenn ich es in Rotterdam nicht schaffe, habe ich auch bei Borussia Dortmund nichts mehr zu suchen.

Gab es Phasen, in denen Sie gedacht haben, ich schaffe es nicht?

Fußballerisch habe ich mir nie Gedanken gemacht, ich könnte es nicht schaffen. Ohne dass es arrogant klingen soll – dafür bin ich zu talentiert, zu gut. Ein Jahr im Ausland zu leben hat mir aber gut getan, dort allein zurechtzukommen hat meine Psyche gestärkt. Ich war Stammspieler bei Feyenoord und wir sind Pokalsieger geworden. Borussia Dortmund habe ich von außen beobachtet und gemerkt: Nuri, du kannst es auch dort schaffen!

Der Familienrat, der vor wichtigen Entscheidungen zusammenfindet, soll bei Ihnen aus 15 Verwandten bestehen. Welche Bedeutung hat die Familie für Sie?

Mir ist es sehr wichtig, dass die Familie hinter mir steht und dass ich hinter ihr stehen kann. Wir sprechen gern über Fußball. Manche in der Familie haben viel Ahnung, manche denken es nur von sich. Bei uns gehört es einfach dazu, dass wir uns ein paar Mal im Monat zusammensetzen, entweder bei uns, bei meinem Onkel, bei meiner Tante oder bei meinem Cousin. Wir wollen uns nicht aus den Augen verlieren.

Fühlen Sie sich als Türke?

Ja, meine Eltern und meine Familie sind türkisch, deshalb fühle ich mich als Türke. Außerhalb des Elternhauses bin ich aber in der deutschen Kultur aufgewachsen: Mit vier Jahren bin ich in den Fußballverein gegangen, ich war im Kindergarten, in der Grundschule und auf dem Gymnasium, wo nur wenige Türken waren. Mit zwölf habe ich angefangen, mit Borussia Dortmund zu reisen, da habe ich viel mitbekommen von Deutschland und Europa. Ich ziehe das Beste aus beiden Kulturen.

Wie wichtig ist die Sprache für die Integration?

Bei uns zuhause wurde deutsch und türkisch geredet. Eigentlich sogar mehr deutsch. Meine Eltern haben zu uns Kindern immer gesagt, das sind beides sehr wichtige Sprachen für euch, das eine ist eure Muttersprache, das andere ist die Sprache des Landes, in dem ihr lebt, ihr müsst beides möglichst perfekt beherrschen. So sind wir aufgewachsen.

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