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Notlage beim FC Bayern : Wer san mia denn jetzt?

Mia san mia, oder? Die Bayern um Hasan Salihamidzic, Niko Kovac und Karl-Heinz Rummenigge (von links) sind derzeit auf Identitätssuche. Bild: Reuters

Die Bayern 2019 sind die rätselhaftesten des Jahrzehnts: Sie kassieren frühe Rückstände, verspielen Vorsprünge, verschleudern Chancen, beschenken unterlegene Gegner, und auch das Sieger-Genom wirkt nicht mehr. Was ist nur los?

          3 Min.

          An diesem 19. Oktober waren die Ober-Bayern ungewohnt schweigsam. Frage an den Präsidenten: „Herr Hoeneß, haben Sie Zeit für ein Gespräch?“ Antwort: „Leider nicht.“ Dieselbe Frage an den Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge. Leicht variierte Antwort: „Ich habe Zeit, aber ich rede nicht.“ Sage also niemand, man sei nicht lernfähig im Dachgeschoss der Säbener Straße 51. Dorthin kehrte der deutsche Serienmeister am Samstag mit einem 2:2 aus Augsburg von der kürzesten Auswärtsreise des Jahres heim – und der bittersten, nicht nur wegen der schweren Verletzung von Innenverteidiger Niklas Süle, der mit einem Kreuzbandriss bis ins Frühjahr hinein ausfallen wird. Das Ergebnis war vom Spielverlauf und von der fortgesetzten Irritation über sich selbst für die Bayern erschütternder als manche Niederlage.

          Bundesliga
          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Es fühlte sich jedenfalls wie eine an, wie man aus Serge Gnabrys Klage heraushörte: „Vergeigt“ habe man es und stehe nun am Ende „mit leeren Händen da“. Dabei hatten die Münchner ja, anders als zuvor beim 1:2 gegen Hoffenheim, immerhin einen Punkt geholt. Doch während die überraschende Heimniederlage noch als Ausrutscher durchgehen konnte, befördert durch die etwas übertriebene Hochstimmung nach dem 7:2 bei den formschwachen Tottenham Hotspurs, gab es für den Punktverlust in Augsburg keine simplen Erklärungsmuster mehr.

          Die Bayern 2019 sind die rätselhaftesten des Jahrzehnts. Sie kassieren frühe Rückstände, verspielen Vorsprünge, verschleudern Chancen, beschenken unterlegene Gegner und scheitern daran, Kontrolle und Konzentration neunzig Minuten aufrechtzuerhalten. Schaffen es also, bei all dem guten Fußball, den sie dabei trotzdem immer wieder zu zeigen vermögen, nicht, dem zu entsprechen, was die sogenannte Bayern-DNA ausmachen soll, diesem geheimnisvollen Genom für Siege und Titel. „Heute haben wir den Charaktertest nicht bestanden“, fand Gnabry.

          Diese Mannschaft ist, wie es scheint, gerade sogar denen ein Rätsel, die sie zusammengestellt haben. Deshalb war es für Binnenklima wie Außendarstellung des FC Bayern wohl klug von Hoeneß und Rummenigge, diesmal zu schweigen – anders also als genau ein Jahr zuvor, als nach ihrer als Befreiungsschlag gedachten Pressekonferenz, Artikel eins des Grundgesetzes zitierend, die Herbstkrise an der Säbener Straße erst richtig begann.

          Wie soll man das auch erklären: dass eine Mannschaft von dieser Qualität nach 28 Sekunden noch im verspäteten Mittagsschlaf zu liegen scheint und in Rückstand gerät, dann neunzig Minuten das Spiel dominiert, zwei Tore schießt, vier, fünf weitere verpasst – um schließlich in der Nachspielzeit dilettantisch den Ausgleich herzuschenken. Hellwach zu sein, fordert Trainer Niko Kovac seinen Spielern ab. In dieser Saison ist ihnen das noch nicht über eine ganze Spieldauer gelungen. Die Schlafbilanz am Samstag in Augsburg: eine Minute zu spät aufgewacht, eine zu früh eingenickt.

          Enttäuschte Gesichter auch auf dem Platz: David Alaba (links) und Leon Goretzka nach dem Spiel gegen Augsburg

          Was ist nur mit den Bayern los? Ihr Mittelstürmer ist derzeit der beste der Welt, ihrem Torwart fehlt auch nicht mehr viel, es wieder zu sein. Doch ohne die zwölf Tore von Robert Lewandowski stünden sie nun rechnerisch auf Platz zwölf der Tabelle und ohne die Glanzparaden von Manuel Neuer noch weiter hinten. So abhängig von zwei Solitären schienen die Bayern seit Urzeiten nicht. Trotz deren Topform haben sie so wenige Punkte wie seit 2010 nicht und so viele Gegentore wie seit 2008 nicht. Neuer findet das „nicht Bayern-like“. Dabei kommen die schweren Gegner erst noch. Die Hälfte ihrer Spiele bestritten die Bayern gegen die vier bisher schwächsten Teams der Liga.

          Als im August nach dem geplatzten Sané-Transfer mit Philippe Coutinho doch noch eine große Neuverpflichtung gelang, begann sich das sommerliche Narrativ, wonach die Bayern auf dem Transfermarkt von Dortmund abgehängt erschienen, in der öffentlichen Meinung zu drehen. Superkader, hieß es plötzlich wieder. Doch Coutinho tut sich noch schwer. In Augsburg vergab er eine der vielen großen Gelegenheiten zum dritten Tor mit einem jener fahrigen, unplazierten Abschlüsse, mit denen die Bayern Tomas Koubek, den bis dahin schwächsten und umstrittensten Bundesliga-Torwart, nach der Pause zum Helden des Tages machten.

          In der Nachspielzeit musste Koubek dann gar nicht mehr eingreifen, als der von den Bayern-Fans geforderte und in der Schlussphase eingewechselte Thomas Müller frei vor ihm auftauchte. Müller verfehlte das Tor deutlich – worauf im Gegenzug der Ausgleich fiel. „Wir hatten einen geilen Start, ein geiles Ende – und zwischendrin einen sehr geilen Torwart“, fasste Rani Khedira einen Samstag zusammen, der in Augsburg gute Laune machte und 65 Kilometer weiter den Sonntag verdarb.

          Das Momentum durch den Coutinho-Transfer scheint verpufft. Torgefahr aus dem Mittelfeld ist auch durch ihn nicht gewonnen worden. Überhaupt kommt da außer Lewandowski nicht viel. Nimmt man das 6:1 gegen die wehrlosen Mainzer aus, hatten die Bayern bisher nur vier Torschützen. Keiner außer Lewandowski hat in der Liga mehr als zwei Treffer erzielt.

          Schlimmer für einen Trainer wie Kovac, der zum zweiten Mal zuversichtlich aus der Sommerpause kam und schon im Oktober ein Getriebener der Ergebnisse und Erwartungen wird, ist aber das Defensivproblem, das nun durch den Ausfall Süles noch verschärft wird. Lucas Hernández, der für 80 Millionen Euro gekauft wurde und Süles Position übernahm, verlor vor dem späten Ausgleich durch Alfred Finnbogason das entscheidende Laufduell mit Sergio Cordova. Deshalb dürfte der am Samstag schweigsame Uli Hoeneß still und heimlich doch ganz froh sein, dass Jérôme Boateng nicht auf ihn gehört hat. Der Innenverteidiger blieb, obwohl der Präsident empfahl, sich einen anderen Klub zu suchen. Es sieht aus, als könnten die Bayern ihn nun doch noch gut gebrauchen.

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