https://www.faz.net/-gtm-9lna6

Niko Kovac : Immer noch ein Bayern-Trainer auf Probe

Niko Kovac muss in seiner ersten Saison beim FC Bayern allerhand Probleme lösen. Bild: EPA

Vielen galt er als Notlösung. Und die erste Saison von Niko Kovac in München läuft alles andere als reibungslos auf dem kompliziertesten Trainerposten im deutschen Fußball. Das verdeutlichen einige Zahlen eindrucksvoll.

          3 Min.

          Zwei Tage vor dem Spiel des Jahres sprach Niko Kovac über etwas Unangenehmes. Über Gegentore. 43 sind es schon, so viele, wie man vorher „in zwei Jahren zusammen bekam beim FC Bayern“. Die Gründe? „Taktisches Fehlverhalten, individuelle Fehler. Und das ist es, was wir immer wieder ansprechen, immer wieder korrigieren, immer wieder zeigen.“ Dann presste Kovac die Lippen zusammen. Zuckte leicht mit den Schultern. Und sagte abschließend: „Tja.“

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Dieses „Tja“ ist das Wort, das die Situation des Trainers Kovac vielleicht am besten ausdrückt. Es bedeutet: Was soll ich machen? Aber ich mache weiter. Der Mann, der immer noch in einer Art Probejahr beim kompliziertesten Posten im deutschen Fußball ist, hat sich „nicht verbiegen lassen“, wie er findet, und durch die Art, mit der er die „Herbstkrise“ der Bayern überstand, Respekt gewonnen, auch bei Kollegen wie Frank Schmidt. „In seiner authentischen Art die Ruhe zu bewahren, während er komplett auseinandergeschraubt wird, hat mich beeindruckt“, sagte der Trainer des 1. FC Heidenheim – ehe er am Mittwoch den Kollegen um ein Haar in die nächste Krise gestoßen hätte. Mit Glück gewann der Rekordmeister am Ende im DFB-Pokal 5:4 gegen den Zweitligaklub.

          Bundesliga

          Kovac war bedient. „Vier Gegentore, das geht nicht“, schimpfte er. Fand aber einen Tag später zum kommunikativen Geschick zurück, das er in seinen neun Monaten in München entwickelt hat: Fehler öffentlich zu benennen, ohne Schuldzuweisungen. Und das am besten durch rhetorische Fragen: „Das Verteidigen ist das Einfachste, was es gibt. Ist der Spieler bereit, das umzusetzen? Es geht um Verantwortung, Disziplin, Ordnung. Laufe ich mit, mache ich den Doppelpass zu, bin ich bereit, den Zweikampf zu suchen?“ Die Antwort überließ Kovac den Zuhörern. Der stumme Subtext: Ihr seht es ja selbst.

          Vielen galt er als Notlösung, weil die Bayern jüngere Trainer-Stars wie Tuchel oder Nagelsmann nicht bekamen. Er wusste, dass man ihn in einem Klub, der „so viele Weltklassetrainer hatte“, besonders genau beobachten würde, „denn diese Spieler erwarten Lösungen“. Um sie bei Laune zu halten, gab er zu Beginn fast jedem genug Einsätze, merkte aber, dass er es nicht allen recht machen konnte. Immer wieder drang das Mosern von Teilzeitprofis in die Öffentlichkeit, und zu viel Rotation war nicht gut für die Ergebnisse. Seit Dezember setzt er nun auf „einen Kreis von zwölf, dreizehn Spielern, die immer spielen oder eingewechselt werden“. Fragen nach Spielern, die nicht spielen, beantwortet er nicht mehr.

          Aber reicht das für die „Lösungen“, die das Team von Kovac erwartet? Und nun unüberhörbar auch der Präsident? „Am Samstag, 18.30 Uhr, darf es keine Ausreden geben“, sagte Uli Hoeneß nach der Beinahe-Blamage im Pokal. „Da muss gegen Dortmund geliefert werden.“ Eine Forderung, die Kovac nicht belastet: „Der Druck ist immer da. Den meisten Druck mache ich mir selbst. Mit dem kann ich gut leben, schon seit 35 Jahren“ – seit den Fußballkindertagen bei Rapide Wedding in Berlin. Auch in München ist nicht der Druck sein Problem. Als Mensch, als Führungskraft, als Kommunikator hat Kovac die Bayern-Prüfung bestanden. Aber noch nicht als Entwickler, als Erneuerer, als Lösungs- und, ja auch, als Titellieferant.

          An der Säbener Straße war man durch die taktische Brillanz von Pep Guardiola und die Menschenführung von Jupp Heynckes lange verwöhnt. Weniger Rotation, zwei Sechser, dazu die Forderung an die „Künstler“ im Team, sich für das „Handwerk“ des Verteidigens nicht zu schade zu sein – solche Old-School-Ideen klingen da wie ein eher schlichtes Reformprogramm für einen Kader, der sich selbst als Weltklasse empfindet. Nur: Ist er das noch? Oder braucht er gerade jetzt einen Trainer, der die grundlegenden Dinge einfordert?

          Kovac klang nach dem 5:4, als hätte er mehr von diesem Team erwartet, als er es im Sommer übernahm. Ihn verärgert, „dass so viele Nationalspieler das nicht runterspielen, wie es sein müsste“. Die Startaufstellung an diesem Samstag (18.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-Bundesliga und bei Sky) gegen Dortmund dürfte fast identisch sein mit der, die den BVB vor einem Jahr 6:0 schlug – und wirkt doch wie eine ganz andere. In den 27 Ligaspielen mit Heynckes holte sie 70 Punkte, in den 27 bisherigen mit Kovac 61. In den ersten sieben Monaten mit Heynckes kassierte sie in keinem Wettbewerb je mehr als zwei Gegentore – in den ersten sieben Monaten mit Kovac bereits siebenmal. Und eklatant ist die Zunahme verspielter Führungen in der Liga: viermal unter Heynckes, elfmal unter Kovac.

          Der Patient schien zuletzt genesen, glänzte in der Liga seit Dezember, holte die Tabellenführung zurück. Doch zuletzt, in der Bundesliga gegen Freiburg und im Pokal gegen Heidenheim, zeigten sich wieder die riesigen Räume für den Gegner, die einen defensiv denkenden Trainer wie Kovac irritieren. „Man braucht Typen, die das in die Hand nehmen“, sagt er. „Vielleicht fehlt uns der eine oder andere, der da mal zupackt. Aber wir werden ihn suchen.“ Doch auch er selbst hat bisher nicht bewiesen, rasch auf Abweichungen vom erwarteten Spielverlauf reagieren zu können. Gegen Heidenheim verging nach dem Platzverweis von Niklas Süle eine halbe Stunde mit zwei Gegentoren, ehe Kovac erst in der Pause eine Reorganisation gelang.

          „Sind Sie Familienvater?“, entgegnete er einen Tag später auf eine Frage und beschrieb seine Arbeit als die eines manchmal gefrusteten, aber immer geduldigen Erziehungsberechtigten. „Glauben Sie mir, vom ersten Tag bis zum jetzigen, auch morgen und übermorgen, werde ich immer wieder dasselbe erzählen. Und immer wieder aufzeigen, immer wieder. Man muss weitermachen, so schwer es manchmal auch fällt. Der eine versteht es ein bisschen eher, der andere ein bisschen später, aber ich werde nicht aufgeben.“ Tja, was bleibt ihm übrig.

          Weitere Themen

          Der große Wert von Center Kessens

          Fraport Skyliners : Der große Wert von Center Kessens

          Fünf der zurückliegenden acht Partien gewannen die Skyliners. Doch die Lage ist nicht leicht. Ausfälle von Spielern wie Michael Kessens, der der einzige echte Center im Aufgebot ist, können sich die Frankfurter kaum erlauben.

          Topmeldungen

          Demonstranten auf dem Puschkin-Platz in Moskau am Samstag

          Demonstrationen für Nawalnyj : „Putin ist ein Dieb!“

          Zehntausende Menschen protestieren am Samstag gegen den russischen Staatspräsidenten und für die Freilassung Alexej Nawalnyjs. Die Staatsmacht geht hart gegen die friedlichen Demonstranten vor.
          Fertigungsstrecke von Geely in der chinesischen 6-Millionen-Einwohner-Metropole Ningbo.

          Autos aus Fernost : Chinas Einheitsfront gegen VW und Tesla

          Wie von Peking gewünscht, knüpft Milliardär Li Shufu ein Netzwerk mit chinesischen Technologiegiganten, um das Auto der Zukunft zu bauen. Auch Daimler darf helfen beim Projekt Welteroberung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.