https://www.faz.net/-gtm-9sx25
Bildbeschreibung einblenden

1:5-Debakel des FC Bayern : Die knifflige Lage des Niko Kovac

Niko Kovac erlebt mit dem FC Bayern in Frankfurt eine Demontage. Bild: dpa

Der Münchner Trainer wirkt nach dem schlimmen 1:5 von Frankfurt angeschlagen, aber kämpferisch. Beim FC Bayern gibt es nach dem Debakel einige Baustellen. Die Verantwortlichen reagieren vielsagend.

  • -Aktualisiert am
          4 Min.

          Auf den Knall folgte das Schweigen. Nach dem 1:5 des FC Bayern beim Bundesligaspiel in Frankfurt stellten sich nur zwei Münchner: Trainer Niko Kovac und Kapitän Manuel Neuer. Der Rest war Stille. Präsident Uli Hoeneß und der Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge, die das Debakel mit betretenen Mienen von der Tribüne aus verfolgt hatten, verließen den Ort der Niederlage genauso kommentarlos wie Sportdirektor Hasan Salihamidzic. Auch Neuers Mitspieler redeten nicht. Joshua Kimmich? Robert Lewandowski? Thomas Müller? Die heftig Geschlagenen blieben stumm.

          Bundesliga
          Tobias Rabe
          Verantwortlicher Redakteur für Sport Online.

          Dabei gibt es doch genügend Gesprächsbedarf. Ein ähnlich schlimmes Ergebnis hatten die Bayern zuletzt vor mehr als zehn Jahren beim 1:5 in Wolfsburg hinnehmen müssen. Seinerzeit war Jürgen Klinsmann Trainer, Michael Rensing stand im Tor, Lukas Podolski spielte vorne. Immerhin vor dem Gang zu den Fans drückten sich die aktuellen Spieler nicht. David Alaba, Müller und Co. suchten nach Abpfiff direkt den Kontakt zu den Anhängern. „Wir haben uns gestellt, das ist auch richtig so. Wir wollen unsere Wertschätzung zeigen“, sagte Neuer. „Wir müssen uns Gedanken machen.“

          Das ist zuallererst Aufgabe des sportlich Erst-Verantwortlichen. Kovac machte am frühen Samstagabend an seiner früheren Wirkungsstätte in Frankfurt einen angeschlagenen Eindruck. „Das ist ärgerlich, das ist enttäuschend, aber das ist die Realität“, sagte er. Angesprochen auf seine Zukunft antwortete Kovac im ZDF ungehalten: „Das weiß ich nicht, das wissen Sie wahrscheinlich besser. Wie soll ich das nach dem Spiel wissen?“ Später war er gesprächiger: „Ich weiß, wie das Geschäft läuft, ich bin nicht naiv und blauäugig.“ Bei Sky sagte er, dass sein Gefühl, wie es mit ihm als Münchner Trainer weitergehe, nicht wichtig sei. „Die, die das entscheiden, sind die, die gefragt werden müssen.“ Doch die, die entscheiden, schwiegen – und gaben auch so ein vielsagendes Statement ab.

          Die Münchner mussten in Frankfurt einen „herben Schlag“ (Kovac) hinnehmen, wie man ihn bis vor gut einem Jahr kaum mehr für möglich gehalten hatte. Zu stark, zu souverän war der deutsche Dauermeister für die nationale Konkurrenz. Doch im vergangenen Herbst bekam die Fassade erste Risse. Der Bayern-Krise erstaunte. Doch Kovac überstand letztlich die schwere Zeit und wurde mit seiner Mannschaft Meister und Pokalsieger. Die Erinnerung daran gibt ihm auch nun Hoffnung. „Ich habe im letzten Jahr nicht aufgegeben. Und ich werde auch jetzt nicht aufgeben. Ich gebe nie auf. Einfach kann jeder.“

          Die Demontage in Frankfurt wurde eingeleitet durch die frühe Rote Karte von Jérôme Boateng. Der Weltmeister von 2014 hatte sich erst bei einem Pass verschätzt und foulte dann Gonçalo Paciência dicht vor dem Strafraum. „Nach acht Minuten wurde alles, was wir uns vorgenommen haben, über den Haufen geworfen“, klagte Kovac. „Wenn du über 80 Minuten in Unterzahl spielst, ist das hier in Frankfurt schwierig. Wir machen zu viele Fehler.“ Das 1:3 kurz nach der Halbzeit sei der vorentscheidende Wirkungstreffer gewesen. „Wir kommen raus (aus der Pause) und es klingelt nach vier Minuten. Damit war alles gelaufen.“

          Neuer war noch bester Münchner und verhinderte mit einigen Paraden ein völliges Desaster. Trotz der frühen Unterzahl „darfst du keine fünf Dinger bekommen“, sagte der Torwart. „Wir hatten auch Torchancen, die wir nicht genutzt haben. Wir sind nicht konsequent in der Verteidigung.“ Eintracht Frankfurt sei nicht Estland. Mit der Nationalmannschaft hatte Neuer zuletzt in der EM-Qualifikation ähnlich früh dezimiert weiterspielen müssen. Gegen den drittklassigen Gegner reichte es dennoch zu einem 3:0-Sieg. In Frankfurt nicht. Nun würden die nächsten Tage in München „sehr unruhig“.

          Und dann legte Neuer, der schon zuletzt Klartext geredet hatte, noch nach: „Es ist jetzt kein riesiges Wunder, was hier passiert ist. Es hat sich ein bisschen angebahnt.“ Detaillierter wurde er nicht. Doch die Baustellen der Bayern im Herbst 2019 sind offensichtlich. Bis auf Neuer und Robert Lewandowski, der auch im zehnten Bundesligaspiel in Serie traf, sehenswert nach einem kraftvollen Solo noch dazu, ist keiner der Bayern in (Best)-Form. Der Pole erzielte in seiner 300. Partie in der höchsten deutschen Fußballliga seinen 14. Treffer in dieser Saison. Doch ein Torjäger allein reicht bei weitem nicht.

          In Frankfurt griffen mit Lewandowski, Serge Gnabry und Thomas Müller an. Gnabry war bis auf eine frühe Chance unauffällig, Müller misslang in seinem 500. Münchner Spiel fast alles. Die ernüchternde Bilanz: kein Torschuss, nur 21 Prozent gewonnene Zweikämpfe. In der Bundesliga wartet Müller, den Kovac zuletzt ungeschickt als Notnagel eingestuft hatte, seit 1146 Minuten auf ein Tor. Philippe Coutinho, die Leihgabe aus Barcelona, ging mit unter, zumal er nach Boatengs Platzverweis defensiver agieren musste. Nach 57 Minuten wurde er von Kingsley Coman abgelöst. Doch da war das Spiel sowieso schon gelaufen.

          Noch größer ist das Problem in der Defensive. Kovac gehen allmählich die Verteidiger aus. Mats Hummels wurde nach Dortmund verkauft, weil er verzichtbar erschien. Boateng blieb zwar, aber fehlt in der Bundesliga nach seinem Platzverweis erstmal. Niklas Süle und Lucas Hernández sind verletzt. In Frankfurt mussten die Außenverteidiger David Alaba und Benjamin Pavard aushelfen, später kam Javi Martinez. Auf der Bank saß als letzte Option noch Lars Lukas Mai. „Wir werden uns etwas ausdenken müssen“, sagte Kovac mit Blick auf seine wenigen Optionen. „Wir dürfen nicht immer so viele Gegentore kassieren.“ 24 in 16 Partien in dieser Saison sind es schon.

          In der Champions League am Mittwoch gegen Olympiakos Piräus (18.55 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Champions League und bei Sky) ist Boateng spielberechtigt. Dann möchten die Münchner die Qualifikation fürs Achtelfinale vorzeitig sichern, bevor es zum brisanten Bundesliga-Topspiel gegen Borussia Dortmund am Samstag kommt. „Das wird schwer“, sagte Kovac. Eine weitere Niederlage gegen den BVB vor der zweiwöchigen Pause wegen der Länderspiele würde das Krisengerede um Kovac und Co. verstärken. Womöglich reichen dann Maßnahmen wie nun nach dem 1:5 von Frankfurt nicht mehr aus: Die Bayern sagten das geplante öffentliche Training am Sonntag kurzfristig ab.

          Weitere Themen

          Zeichen in eigener Sache

          Dahouds Platzverweis : Zeichen in eigener Sache

          Schiedsrichter Aytekin hat genug vom „ständigen Abwinken“ und schickt den Dortmunder Dahoud mit einer gelb-roten Karte vom Platz. Doch der Gestus des Erziehers kommt nicht bei allen gut an.

          FC Bayern empfängt Dynamo Kiew Video-Seite öffnen

          Champions League : FC Bayern empfängt Dynamo Kiew

          Mit Blick auf das kommende Gruppenspiel zeigt sich Bayern-Trainer Nagelsmann zuversichtlich. Abgesehen von Tolisso, Ulreich und Coman steht ihm sein gesamter Kader zur Verfügung.

          Es tut richtig weh

          Bedrohliche Perspektive für BVB : Es tut richtig weh

          Borussia Dortmund bangt vor dem Champions-League-Spiel gegen Lissabon weiter um Erling Haaland und Marco Reus. Ausfälle könnten den BVB hart treffen, denn die wenigen Alternativen kämpfen mit eigenen Problemen.

          Topmeldungen

          Hatte einmal mehr keinen leichten Tag: Armin Laschet

          Laschet und die Union : Machtprobe

          Ein turbulenter Tag für die Union: CSU-Chef Söder spricht Scholz die besten Chancen aufs Kanzleramt zu – und Laschet verhindert eine Kampfkandidatur in der Fraktion.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.