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Bayern-Trainer auf Bewährung : Die Probleme des Niko Kovac

Wird Niko Kovacs Einwirken von den Spielern nicht mehr beachtet? Bild: dpa

Die Position des Bayern-Trainers ist nach wenigen Monaten eine solche, in der sich nur noch ein Spiel im Voraus planen lässt. Vor allem ein Symptom der Krise macht Niko Kovac zu schaffen.

          Der Bayern-Fan in Block E, Reihe drei, litt geradezu körperlich. Schreiend, mit verzerrtem Blick, warf er drei Mal den mächtigen Oberkörper vor und zurück. Saß dann wie versteinert da, das Gesicht, vom rot-weißen Schal gerahmt, mit leerem Ausdruck. „Ich dachte, die Welt geht unter“, sagte Uli Hoeneß, nun wieder gefasst und ohne Fan-Schal, ganz Präsident im Angesicht der schweren Lage, eine Stunde später über diese schockierende Sekunde.

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          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Wie konnte das sein, dass ein einziger langer Ball, von Rouwen Hennings aus der Drehung per Dropkick nach vorn gefeuert, die Bayern-Abwehr in dieser letzten Minute der Nachspielzeit zerschnitt wie ein Stück Leberkäs? Dass Niklas Süle ohne Ball langsamer war als Dodi Lukebakio, der 21 Jahre alter Belgier, auf dem Weg zu seinem dritten Tor? Dass die Abwehrkollegen Jerome Boateng und Mats Hummels nicht mal in der Nähe auftauchten? Und dass Manuel Neuer auch in dieser Eins-zu-eins-Situation überwunden wurde, als wäre er gar nicht da? Es war, im zwölften Spiel, das 17. Gegentor des viermaligen „Welttorwarts“ – so viele wie 2016 am Ende der ganzen Saison.

          So getroffen, ja niedergestreckt in letzter Sekunde wie nach dem 3:3-Ausgleich hatten die Bayern im eigenen Stadion zuletzt beim „Finale dahoam“ ausgesehen, der dramatischen Niederlage im Endspiel der Champions League 2012. Aber damals, das war gegen Chelsea, nicht gegen Düsseldorf, das war gegen Drogba, Lampard, Ćech, nicht gegen Kaminski, Zimmer, Zimmermann. „Am Ende“, sagte Thomas Müller, damals der einzige Torschütze der Bayern und nun sogar mit zwei Treffern der Mann des Tages, bis die späte Hirnleere seiner Hintermänner alles verdarb: „Am Ende stehst du da wie ein geprügelter Hund.“

          Der geprügelste Hund ist branchenüblich der Trainer, und der schien das zu ahnen. „Ich kann das gar nicht in Worte fassen“, sagte Niko Kovac mit brüchiger Stimme. „Die Worte habe ich gar nicht, die mein Inneres ausdrücken können.“ Die wichtigere Frage ist, ob er wenigstens die Worte hat, diese Mannschaft noch zu erreichen. Kovacs Problem ist nicht nur die Saturiertheit einer alternden Truppe; ist nicht nur das Pech, dass er auf die wenigen, die Frische und Tempo ins Spiel bringen könnten, am Samstag verzichten musste – neben Kingsley Coman, bald zurückkehrend, auch Serge Gnabry, kurzfristig ausgefallen. Es ist vor allem der ewige Vergleich mit den Vorgängern Pep Guardiola und Jupp Heynckes, großen Trainern, die dem Team für fast jedes Problem Lösungen aufzeigen konnten, wie sie Kovac, der Neuling auf dem Top-Level, nun nicht findet.


          Seine Autorität bei der Mannschaft wirkt angegriffen. Das zeigen die vielen Indiskretionen aus der Kabine, das zeigt das halböffentliche Murren einzelner Spieler, das zeigt die zunehmende Indifferenz des Teams seinen Anweisungen gegenüber. In der Schlussphase war eine Positionskorrektur der bei Ballbesitz viel zu weit vorn plazierten letzten Abwehrreihe dringend geboten; viel zu offen für lange Bälle auf den schnellen Lukebakio, das einzige offensive Mittel des braven, aber limitierten Aufsteigers. Sie blieb aus. Weil Kovacs Einwirken nicht mehr beachtet wird? „Wenn wir das umgesetzt hätten, was der Trainer uns vorgegeben hat“, behauptete Neuer, „wären wir mit einem 5:0-Sieg nach Hause gefahren.“

          Doch „zu null“ haben die Bayern seit acht Partien nicht mehr gespielt. Dabei hat sich ihr Abwehrverhalten auf ein Level rückentwickelt, das Präsident Hoeneß „nur aus Slapstick-Filmen“ kannte. Sogar der gegnerische Trainer beteiligte sich, was ungewöhnlich ist, an der öffentlichen Fehlersuche. „Wenn ich sehe, wie Boateng beim zweiten Tor auf Abseits spielt“, sagte Friedhelm Funkel, „mein lieber Mann, das war schon dramatisch.“


          Tags darauf nahm der Veteran die Szene als Beispiel, um den jungen Kollegen Kovac zu stützen: „Es kann kein Trainer der Welt etwas dafür, wenn Boateng auf Abseits spielt, weil er vielleicht zu bequem ist, hinterherzulaufen. Das darf einfach nicht passieren.“ Boatengs Leistung passe nicht zu den Ansprüchen der Bayern, fand Funkel: „Das hat man auch in Dortmund gesehen. Man weiß im Moment, dass man gegen Bayern im Konter Tore erzielen kann, dass die Mannschaft nicht stabil steht.“

          Solche „individuellen Fehler“, behauptete der ohnmächtige Kovac, könne „kein Trainer der Welt“ verhindern. Vielleicht wird es dennoch bald ein anderer versuchen. Denn was Hoeneß nach dem Spiel preisgab, war alles andere als ein Treueschwur für die Trainerlösung, auf die er im April angeblich durch ein zufälliges Treffen beim 60. Geburtstag seines kroatischen Chauffeurs gekommen war. „Das kann ich jetzt im Moment nicht sagen“, antwortete Hoeneß auf die Frage, ob Kovac gescheitert sei. „Wir müssen beim FC Bayern jetzt alles hinterfragen. Wir können nicht sagen, dass es schon werden wird. Das ist nie die Position des FC Bayern gewesen.“

          Die Position des Bayern-Trainers ist inzwischen eine solche, in der sich nur noch für ein Spiel im Voraus planen lässt. „An diesem Dienstag“, so Hoeneß, „in der Champions League gegen Benfica wird Niko Kovac unser Trainer sein. Wir haben uns vorgenommen, in aller Ruhe darüber zu schlafen, und müssen uns übers Wochenende alle Gedanken machen, wie wir aus dieser Situation herauskommen. Und dann müssen wir uns schon noch mal zusammensetzen, wie es weitergehen soll.“ In aller Ruhe darüber schlafen? Das wird in der Nacht auf Sonntag nicht vielen Bayern gelungen sein.

          Selbst Thomas Müller, der nach seinen Toren zum 2:0 und 3:1 „über weite Strecken des Spiels dachte, dass ich heute ziemlich zufrieden ins Bett gehen kann“, kam am Ende ins Grübeln in Bezug auf die Nachtruhe. „Der eine oder andere“ werde wohl nicht so gut schlafen, vermutete Kapitän Neuer. Der eine vielleicht, weil er zu viele Chancen verschwendete? Der andere, weil er nun grübelt, ob er noch eine bekommt? Und mancher bestimmt einfach deshalb, weil er die Tiefschlafphase schon auf dem Fußballplatz vorweggenommen hatte.

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