https://www.faz.net/-gtm-15mrj

Niederländische Bundesligaspieler : So viel Oranje war nie im deutschen Fußball

Mark van Bommel (l.) und Arjen Robben kennen sich aus der Nationalmannschaft Bild:

Der Hamburger SV leitete den Holländer-Trend einst ein. Das Spiel an diesem Sonntag beim FC Bayern verspricht den vorläufigen Höhepunkt dieses Trends. Sachlichkeit bleibt in der Bundesliga auch für niederländische Spielkunst der Maßstab.

          3 Min.

          Das Deutsch von Louis van Gaal wird immer besser. Am Donnerstagabend schaute er Fußball gemeinsam mit seiner Frau, man sah Eindhoven gegen Hamburg, den nächsten Gegner des FC Bayern. Für die Art, wie das Team aus seiner niederländischen Heimat spielte und scheiterte, fand van Gaal am Tag danach in der deutschen Fremdsprache ein feines, facettenreiches Adjektiv: „unerwachsen“. Manchmal allerdings rutschen dem Bayern-Trainer noch Vokabeln aus der Muttersprache in seine deutschen Analysen. Und es passiert nicht selten, dass diese Vokabeln dann wortwörtlich in deutschsprachigen Berichten landen: etwa die „Kleiderkammer“ (kleedkamer) für Umkleidekabine oder der „gute Streit“ für die Kampfstärke eines Gegners.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          So viel Holland war nie im deutschen Fußball. Nicht nur in der Sprache, auch im Spiel wird der Einfluss des kleinen Nachbarlandes in der Bundesliga immer deutlicher. Den vorläufigen Höhepunkt dieses Trends verspricht das Spitzenspiel des 24. Spieltages am Sonntag zwischen dem FC Bayern und dem Hamburger SV. Nicht nur der Trainer des FC Bayern ist Holländer, auch der Kapitän, Mark van Bommel, und der neue Star, Arjen Robben, bester Offensivspieler der Saison in der Bundesliga. Der HSV leitete den Holländer-Trend einst mit Spielern wie van der Vaart, de Jong, Boulahrouz und den Trainern Stevens und Jol ein. Heute hat er die Oranje-Nationalspieler Joris Mathijsen, Eljero Elia und Ruud van Nistelrooy (der wie in Eindhoven wegen einer Oberschenkelverhärtung pausiert). Wären alle fit, dann stünde am Sonntag fast eine halbe niederländische Nationalelf auf dem Rasen in München.

          Robben freut sich auf „ein besonderes Spiel“. Er gehört mit 26 Jahren einer Generation an, die die vergifteten Jahre der deutsch-niederländischen Fußballbeziehungen, besonders die EM 1988 (als Ronald Koeman ein deutsches Trikot als Lappen benutzte) und WM 1990 (als Frank Rijkaard Rudi Völlers Dauerwelle bespuckte), nicht bewusst erlebt hat und nur vom Hörensagen kennt. Im Klima jener Zeit schien es fast ausgeschlossen, dass ein holländischer Top-Spieler in die Bundesliga käme. Jahrzehntelang gingen sie lieber nach Spanien, Italien oder England.

          Mittlerweile spielen van Bommel und Robben auch beim FC Bayern zusammen

          „Eine Mannschaft, die auftritt wie eine Mannschaft“

          Und nun? Eine Wende? „Nein“, sagt van Gaal. „Ich denke, dass in Holland die Bundesliga weiter unterschätzt wird.“ Er räumt ein: „Ich muss sagen, dass ich dasselbe auch gedacht habe, als ich in Holland und in Spanien Trainer war.“ Heute kennt er die Stärke der deutschen Liga und hat deshalb das Weiterkommen der Hamburger und Bremer gegen Eindhoven und Twente richtig vorhergesagt. Dass Stars wie van Nistelrooy und Robben nun nach Deutschland gekommen sind, habe auch mit der bevorstehenden WM zu tun. Um in den Kader zu kommen, braucht man Spielpraxis, und dafür hätten sie bei einem Verbleib bei Real Madrid keine Garantie gehabt.

          Und Hamburg? Für van Gaal ist es ein positiver Sonderfall. Er hält die Hamburger Holländer-Vorliebe, mit der der Wiederaufstieg zu einem Spitzenteam begann, für „schlau“. Da stecke „eine Politik, eine Philosophie dahinter“, die sich in der Spielweise dieser „sehr guten Mannschaft“ spiegele: „Sie haben mehrere Spieler, die ein Spiel entscheiden können, und sind zugleich eine Mannschaft, die auftritt wie eine Mannschaft.“ Es ist der Kern des holländischen Fußballideals: so viel Organisation wie nötig, so viel Individualität wie möglich.

          Realistische Sachlichkeit

          Das andere Grundprinzip niederländischer Ballkultur will van Gaal beim FC Bayern verankern: „Es ist immer besser, eigene Spieler auszubilden, als Spieler einzukaufen.“ Er hat mit Thomas Müller und Holger Badstuber zwei Zwanzigjährige aus der eigenen Jugend zu Stammspielern gemacht. Dazu ist in den beiden letzten Spielen Diego Contento gekommen, ein 19-jähriger gebürtiger Münchner, der unter van Gaal in die Profi-Lehre darf. Zum Beispiel hat er bei seinem Bundesligadebüt beim 1:1 in Nürnberg gelernt, dass man manchmal gar nichts tun muss und genau deshalb vom Trainer gelobt wird: „Dass er im langen Spurt gegen den schnellen Diekmeier nur auf der Innenbahn geblieben ist und nichts gemacht hat“, so van Gaal, „dazu habe ich ihm gratuliert“. Contento drängte den Gegner so in eine ungünstige Schussposition - während jeder Versuch, den Ball zu gewinnen, das Risiko eines Elfmeters oder einer farbigen Karte mit sich gebracht hätte.

          Es ist das, was man im holländischen Fußball als deutsche Tugend sieht und „realistisch“ nennt. Diese Sachlichkeit bleibt in der Bundesliga auch für holländische Spielkunst der Maßstab. „Auch der FC Bayern hat eine spezifische Kultur“, sagt van Gaal. „Jeder Spieler muss sich dieser Kultur anpassen, und jeder Spieler muss Deutsch sprechen.“ Ein paar Brocken Niederländisch sind inzwischen in der Bundesliga aber auch ganz nützlich.

          Weitere Themen

          Deutscher Doppelsieg beim Ironman Video-Seite öffnen

          Hawaii : Deutscher Doppelsieg beim Ironman

          Jan Frodeno und Anne Haug durften sich über den Erfolg bei einer der schwersten Sportveranstaltungen der Welt freuen.

          Topmeldungen

          Atemschutzmasken gehörten für viele Chinesen lange zum Alltag.

          Weniger Schadstoffe : China macht ernst mit der sauberen Luft

          Peking macht ernst mit der Luftreinhaltepolitik: Wenn es stimmt, was Forscher berichten, hat die Belastung mit Schadstoffen schon massiv abgenommen – und schneller als geplant.
          Präsident Erdogan erklärt sich gegenüber Journalisten.

          Krieg in Syrien : VW stellt Werk in der Türkei in Frage

          Eigentlich war die Sache in trockenen Tüchern, nahe Izmir wollte VW sein erstes türkisches Pkw-Werk errichten. Doch weil Erdogans Truppen in Nordsyrien einmarschiert sind und dort die Kurden bekämpfen, wachsen die Zweifel an der Standortentscheidung.
          Darf nicht mehr für den FC St. Pauli spielen: Cenk Sahin

          Nach umstrittenem Türkei-Post : Sahin darf nicht mehr für St. Pauli spielen

          Weil er die Vereinswerte mehrfach missachtet habe, werde Fußballprofi Cenk Sahin „zum Schutze aller Beteiligter“ freigestellt, teilt der FC St. Pauli mit. Sahin demonstrierte zuvor seine Unterstützung für die türkische Militäroffensive in Syrien.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.