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Neuzugänge : Bremer Abkehr vom Star-Prinzip

  • -Aktualisiert am

Bei der EM für Tschechien am Ball: Theodor Gebre Selassie Bild: dpa

Werder-Trikots mit Symbolkraft: Keine großen Namen, aber interessante Einkäufe - und vor allem Teamgeist. Ein bisschen Egoismus ist aber auch im neuen Bremer Gemeinschaftswerk erlaubt.

          3 Min.

          Am Anfang einer Saison, wenn alles frisch und unbenutzt vor einem liegt, ist noch jede Menge Platz für Symbolik. Ob sich Thomas Schaaf dessen bewusst war? Zusammen mit vier neuen Spielern stand Schaaf auf dem Rasen des Weserstadions. Fototermin. Schaaf geht in seine 14. Spielzeit als Werder-Trainer, er kennt hier jeden Grashalm. Den Sinn fürs Detail hat er sich bewahrt: „Moment!“, rief er dem Dutzend Fotografen zu und schritt zur Tat: Damit die Bremer Trikots faltenfrei abgelichtet werden konnten, legte der Chef selbst mit Hand an und strich das Hemd des neuen Torhüters Richard Strebinger glatt - der war wegen seiner dicken Handschuhe gehandicapt. Erst dann konnte es losgehen. Schaaf grinste.

          Bei Werder Bremen müssen in dieser Saison alle mit anpacken, damit es für den Klub von der Weser wieder bergauf geht. „Gemeinsam stark“ könnte das Bremer Motto für die anstehende Spielzeit heißen, ein Motto, das sich sogar in der veränderten Trikotgestaltung wiederfindet: oben über der Rückennummer steht nicht mehr der Spielername, sondern der Vereinsname. Eine Kleinigkeit? Nein, es ist das Kennzeichen des neuen Bremer Grundsatzes: der Abkehr vom Prinzip Star. „Das Gemeinschaftsgefühl soll bei uns stärker in den Fokus gerückt werden“, sagt Vereinschef Klaus Allofs zur Symbolkraft des grünen Jerseys, „die klare Botschaft ist: Teamerfolg steht über allen Einzelinteressen.“

          Große Namen sucht man vergebens

          Etwas anderes bleibt den Bremern auch nicht übrig, um den schlechten Eindruck der vergangenen Rückrunde zu verwischen. Die zweite Spielzeit nacheinander ohne Teilnahme am europäischen Wettbewerb zwingt Werder aus finanziellen Gründen dazu, beim Umbruch Ernst zu machen. Claudio Pizarro (FC Bayern), Tim Wiese (Hoffenheim) und Marko Marin (Chelsea) haben die Grünweißen verlassen. Große Namen sucht man nun vergebens bei dem Klub, der sich im letzten Jahrzehnt immer auch über Stars definiert hat: Ailton, Klose, Micoud, Diego, Özil, Mertesacker. Pizarro. „Mich schreckt das nicht“, behauptet Schaaf, „selbst nach der Meisterschaft 2004 hat sich unsere Mannschaft verändert. Wir wollen mehr aus jedem einzelnen rausholen. Und das konstant.“ Doch so krass wie in diesem Sommer war der Bremer Umbau in der vergangenen Dekade nie.

          Und so fragt sich mancher Werder-Fan, wie das mit diesem jungen, unerfahrenen Kader gutgehen soll. Versinkt Werder endgültig im Mittelmaß - oder gerät in Abstiegsgefahr? „Ich freue mich darauf, das neue Gebilde zusammenzusetzen“, sagt Schaaf und nennt die internationalen Ränge als Saisonziel. Der Optimismus der Bremer Macher speist sich aus einigen interessanten Transfers. Tatsächlich sind Schaaf und Allofs bei der Komposition des Werder-Jahrgangs 2012/2013 schon sehr weit. Für die Neuzugänge Nils Petersen, Assani Lukimya und Theodor Gebre Selassie sind Stammplätze vorgesehen. Während der vom FC Bayern ausgeliehene Stürmer Petersen und der ehemalige Düsseldorfer Innenverteidiger Lukimya schon mit ins Lauftrainingslager nach Norderney gereist sind, weilt EM-Teilnehmer Gebre Selassie noch im Urlaub. Den tschechischen Außenverteidiger mit äthiopischen Wurzeln eiste Allofs von Slovan Liberec los.

          „Die Verträge sind nicht unterschrieben“

          Die Bremer Defensive nimmt Konturen an, vorn wünschen sich Schaaf und Allofs Verstärkungen - vor allem eine: den Niederländer Eljero Elia, bis Sommer 2011 für den Hamburger SV im Einsatz. Der Transfer steht kurz vor dem Abschluss, die Ablöse soll rund 6,5 Millionen Euro betragen, im Gespräch ist ein Vierjahresvertrag. Am Sonntag soll Elia in Bremen den Medizincheck absolviert haben, am Montag ist er ins Trainingslager auf Norderney gereist. „Die Verträge sind nicht unterschrieben. Es fehlt noch eine Vereinbarung zwischen dem Spieler und Juventus Turin“, sagte Allofs. „Da geht es um materielle Dinge.“ So lange eine Einigung nicht erzielt wird, ist Elia das Training mit den Bremern untersagt.

          Ein bisschen Individualismus und Egoismus sind also auch im neuen Bremer Gemeinschaftswerk erlaubt. Dafür stehen auch die Namen Mehmet Ekici und Marko Arnautovic. Von beiden erwarten Schaaf und Allofs deutlich mehr als zuletzt - vor allem von Ekici, der mit der Nummer 10 des Spielmachers in die Saison geht. Schaaf sagt: „Wenn er seine Wehwehchen ablegt, wird er uns weiterhelfen. Er bringt alles mit, was ein Mittelfeldspieler braucht.“ Davon sollte dann auch einer profitieren, der auf seiner zweiten Erstligastation alle Zurückhaltung ablegen will.

          „Ich möchte ein wichtiger Teil des Bremer Umbruchs sein“, sagt Petersen. „Wenn man mich holt, ist es klar, dass man Erwartungen hat. Ich möchte hier Tore schießen und eine Führungsposition übernehmen.“ Große Worte eines Spielers, der seine Bundesligatauglichkeit beim FC Bayern nicht nachweisen konnte. Ein spannendes Projekt ist diese völlig neue Bremer Mannschaft allemal: Petersen sprach am Donnerstag schon von der „Wundertüte Werder“. Keiner weiß, was drin steckt.

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