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Fall Clemens Tönnies : Schalke und die Chance zum Schnitt

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Schalkes mächtiger Aufsichtsrat Clemens Tönnies bei der Mitgliederversammlung des Klubs im Juni 2019 Bild: dpa

Nicht nur wegen seiner rassistischen Aussagen fordern zahlreiche Schalke-Fans das Aus von Clemens Tönnies. Tatsächlich böte sich dem Revierklub mit einem Abschied des mächtigen Aufsichtsrates eine besondere Chance.

          Immer wieder hat David Wagner in den zurückliegenden Wochen über „Kontinuität“ als zentralen Baustein für Erfolge im Fußball gesprochen. Der neue Trainer des FC Schalke 04 hat darauf hingewiesen, dass der Klub, dessen Team er in eine bessere Zukunft führen soll, in dieser Hinsicht während der vergangenen Jahre nicht immer vorbildlich aufgestellt gewesen sei. Trainer, Spieler und Sportvorstände kamen und gingen, allein zehn verschiedene Chefcoaches waren es im laufenden Jahrzehnt, munter rochiert wurde aber auch auf der sportlichen Managementebene. Die große Konstante in diesem Dauerumbruch ist: Aufsichtsratschef Clemens Tönnies. Und hier liegt das Problem, glauben Oppositionelle, die über die Jahre immer wieder versucht haben, den Multimillionär loszuwerden. Nach Tönnies’ rassistischer Äußerung wittern die Kritiker nun eine neue Chance.

          Die symbolischen Roten Karten und „Tönnies raus“-Banner, die am Samstag bei Schalkes Pokalspiel in Drochtersen (5:0) den gesamten Gästeblock einhüllten, sind nicht nur eine Reaktion auf dessen umstrittenen Sätze. Sie sind der Auftakt eines weiteren Versuchs, ein Schalke der Zukunft ohne Tönnies zu erschaffen. Im Hintergrund vollzieht sich gerade der Zusammenschluss unterschiedlicher Gruppierungen, die lange wenig voneinander wissen wollten, das Ziel: die Neuerfindung des FC Schalke. Längst kursieren Überlegungen, ob eine außerordentliche Mitgliederversammlung angeschoben werden sollte, um den 63 Jahre alten Großmetzger abwählen zu können, nicht nur, weil manche der Kritiker nun glauben, er sei ein Rassist, sondern weil sie die Nase voll haben von einem Verein, dessen ganze Unternehmenskultur von Tönnies geprägt ist.

          An der Schalker Basis wird seit Jahren darüber diskutiert, ob die Neigung des Klubpatrons zum Eingriff in sportliche Belange sowie die engen persönlichen Verbindungen, die er zu einem Spielerberater und zu einem einflussreichen Boulevardjournalisten haben soll, sich destruktiv auf die Entwicklung des Vereins auswirken. Alle bisherigen Versuche, Tönnies loszuwerden, sind jedoch gescheitert. Die Klubführung bekämpfte die Widerständler mit taktischen Winkelzügen, und es gab immer auch viele Mitglieder, die Tönnies schätzen, die gerne so einen hemdsärmeligen Mann an der Spitze sehen, einen Macher, der einspringt, wenn es finanziell klemmt, und der durchgreift, wenn es nicht läuft.

          Die von Wagner gewünschte Kontinuität konnte so allerdings nicht entstehen. Immer wieder war Tönnies, dessen genuine Aufgabe im Kontrollieren liegen sollte, die treibende Kraft hinter oftmals unglücklichen Personalentscheidungen. Zum Beispiel bei der Einstellung der Manager Felix Magath oder Christian Heidel. Auch bei Trainerwechseln wirkt er mitunter so, als habe auch er und nicht die für solche Vorgänge zuständige Vorstandsebene die Entscheidung mit geprägt.

          Tönnies ist der Star unter den Aufsichtsräten der Bundesliga, die anderswo kaum bekannt sind. Gut tut diese eigenwillige Interpretation des Jobs dem Verein nicht. Ganz unabhängig von der Rassismus-Debatte, die den Klub derzeit aufwühlt, liegt in dieser Situation tatsächlich eine besondere Chance. Jedenfalls, wenn es den kritischen Kräften gelingt, die Stimmung dieser Tage in eine überzeugende Kampagne zu überführen, in deren Mittelpunkt weniger die Aufregung um ein zweifelhaftes Weltbild steht als die Zukunft des FC Schalke.

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