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Nationalmannschaft : Die sportliche Stunde null

„Wenn die Spieler durch den Gang laufen, dann dürfen sie nicht mehr wissen, für welchen Verein sie spielen” Bild: dpa

Vor dem WM-Qualifikationsspiel gegen Russland schlägt Bundestrainer Löw härtere Töne an. Der Konkurrenzkampf soll ein Comeback erleben. Zudem fordert Löw volle Konzentration auf die Nationalmannschaft - bis hin zur Vereinsvergessenheit

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          Joachim Löw liebt den Fußball. Das merkt man immer wieder, wenn der Bundestrainer darüber spricht. Er gerät dann wie von selbst ins Schwärmen über traumwandlerischen Kombinationsfußball und technisch exzellente Profis, die auch in vertrackten Situationen immer nach der besten Lösung suchen.

          Michael Horeni
          Fußballkorrespondent Europa in Berlin.

          Er schwärmt selbst dann, wenn niemand damit rechnet. So war nach dem verlorenen Endspiel der Europameisterschaft nicht einmal eine Stunde vergangen, als der Bundestrainer der internationalen Presse sichtlich beeindruckt die Stärken des Siegers darlegte. Er sprach darüber so locker und leicht, dass man kaum glauben konnte, dass seine eigene Mannschaft gerade das Finale verloren hatte.

          Respekt vor Russlands Kombinationskunst

          Vor der wegweisenden WM-Qualifikationsbegegnung an diesem Samstag in Dortmund gegen Russland ist der bekennende Fußballfan Löw wieder auf die Bühne getreten. Er lobte und pries die Stärken des Gegners mit den schönsten Worten. „Ich habe selten eine Mannschaft gesehen, die so schnell umschalten kann von Ballgewinn bis zum Abschluss im Strafraum“, sagte der Bundestrainer mit großem Respekt. Sogar „bis in den Fünfmeterraum“ kombinierten die Russen.

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          Nationalmannschaft : Die sportliche Stunde null

          Der Genosse Trend ist für Löw seit dem Amtsantritt seines Kollegen Guus Hiddink vollkommen eindeutig: „Eine ganz klare Entwicklung zur Spitze. Jetzt ist dort Struktur, Organisation und System zu sehen.“ Spanien, Argentinien, Holland, Russland – das ist für Löw eine Liga.

          Der harmoniebetonte Bundestrainer schlägt härtere Töne an

          Schade nur, dass man solche Lobeshymnen vom Bundestrainer zuletzt immer seltener über seine eigene Mannschaft gehört hat. Die systematische Weiterentwicklung des deutschen Teams ist seit knapp einem Jahr ins Stocken geraten, nach der Europameisterschaft hat ein schleichender Umbruch eingesetzt. Man kann sagen, dass eine andere Zeit angebrochen ist. Löw hat sich daher vor dem ersten Höhepunkt der WM-Qualifikation vorgenommen, diese Entwicklung mit dem nötigen Schwung und auch der nötigen Konsequenz voranzutreiben.

          Der harmoniebetonte Bundestrainer schlägt nun härtere Töne an. Eine Einsatzgarantie wollte er diesmal ausdrücklich keinem seiner 21 Auserwählten zugestehen, nicht einmal Kapitän Michael Ballack. Löw kündigte an, in den zahlreichen Trainingseinheiten diesmal ganz genau zu beobachten, welche Spieler den besten Eindruck auf ihn machen – und von diesen Beobachtungen tatsächlich die Aufstellung abhängig machen. „Ich will von jedem Spieler sehen, dass er körperlich und mental für dieses Spiel bereit ist. Sonst wird er am Samstag nicht spielen“, kündigte Löw an.

          Konkurrenzkampf erlebt Comeback

          Keine Einsatzgarantie und Trainingseindrücke als entscheidende Qualitätskontrolle – auf dem Weg nach Südafrika beginnt so etwas wie die sportliche Stunde null der Nationalelf. Der Bundestrainer erhöht den Druck, zumindest rhetorisch. Das bekommen nicht zuletzt auch die Rückkehrer Ballack, Frings, Mertesacker und Friedrich vor dem Doppelspieltag mit der zweiten Partie am kommenden Mittwoch gegen Wales vom Bundestrainer zu hören.

          Ihre Einsatzbereitschaft kommentierte Löw nur lakonisch mit dem Hinweis auf seine nun „grundsätzlich größeren Möglichkeiten“. Das Signal ist spätestens seit dem Verzicht auf Christoph Metzelder eindeutig: Der Konkurrenzkampf soll mit Blick auf die WM 2010 sein Comeback erleben; eine Lehre aus der EM, bei der alte Verdienste im Zweifel mehr zählten als aktuelle Eindrücke.

          Selbst Torwartfrage ist offen

          Die kurz vor dem Turnier aussortierten jungen Hoffnungen wie Helmes und Jones sind nun wieder mit dabei – der Mittelbau um Rolfes, Hitzlsperger und den zuletzt starken Trochowski macht sich immer größere Hoffnungen auf ein Plätzchen bei Löw, im Sturm ist die Konkurrenz ohnehin groß.

          Selbst in der Torwartfrage wollen sich Löw und sein Stab die Entscheidung noch ein bisschen offenhalten und die Trainingseindrücke auf sich wirken lassen. Enke habe zwar leichte Vorteile durch seine drei Einsätze nach der EM, sagte Löw, aber Adler habe sich nach seiner Verletzung schon wieder sehr gut entwickelt. Am Freitag werde sich das Trainerteam zusammensetzen und über jeden Spieler und über jede Trainingseinheit ein Urteil fällen: „Wenn zwei, drei Spieler die Form nicht haben und geistig und körperlich das Tempo nicht mitgehen können, dann werden wir gnadenlos bestraft.“

          „Die Spieler dürfen nicht mehr wissen, für welchen Verein sie spielen“

          Der Bundestrainer ist vor der wegweisenden Begegnung so erkennbar wie lange nicht bemüht, die Konzentration der Spieler ganz alleine auf die „Partie mit der größten Spannung und größten Brisanz“ zu lenken. „Es interessiert mich in dieser Woche nicht, was in Schalke, Bremen oder München los ist. Ich werde mit keinem Spieler über seinen Verein sprechen. Wenn die Spieler am Samstag in Dortmund durch den Gang laufen, dann dürfen sie nicht mehr wissen, für welchen Verein sie spielen und welches Auto sie fahren. Es gilt, die absolute Konzentration an den Tag zu legen“, forderte der Bundestrainer.

          Am Tag der Warnungen an sein Team und des Lobes für die russischen Aufsteiger wollte Löw seine Mannschaft dann aber auch nicht kleiner machen, als man einen EM-Zweiten machen muss. Schon gar nicht, als ein russischer Reporter wissen wollte, ob er sich nicht vor den Spielern aus St. Petersburg fürchte, die in der letzten Saison Bayern München (4:0) und Bayer Leverkusen zu Hause (4:1) auseinandergenommen hatten. „Wir haben keine Angst“, konterte der Bundestrainer, „bei uns spielen nicht van Buyten und Lucio.“ Zumindest diese Aufstellungsfrage in der Nationalelf wäre also geklärt.

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