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Nach dem 1:0 über Paderborn : Auf Schalke gibt’s für alle Gegenwind

  • -Aktualisiert am

Schwerer Gang: nach der Partie stellen sich die Schalker den Fans – und werden beschimpft Bild: AP

Nach dem mehr als glücklichen Sieg über Paderborn bekommt nicht nur die Schalker Mannschaft die Wut der Fans zu spüren. Auch Manager Heldt gerät unter Druck. Mittlerweile geht selbst „Big Boss“ Tönnies auf Distanz zu ihm.

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          Vor kurzem hat Clemens Tönnies den FC Schalke04 mit einer „Wohlfühloase“ verglichen. Der Vorsitzende des Aufsichtsrats spielte auf die Arbeitsbedingungen der Fußballprofis an und wollte mit seinem Hinweis zu verstehen geben, dass er unzufrieden sei mit dem Ertrag, den die verwöhnten, zuweilen verhätschelten Spieler erzielen. Die Teilnahme an der Europa League war nun wirklich nicht das, was Vorstand, Aufsichtsrat und Mannschaft sich gemeinsam zum Ziel gesetzt hatten.

          Insofern hatte das Bild von der Wohlfühloase einen kritischen Hintergrund. Es werde alles dafür getan, es den Spielern so angenehm wie möglich zu machen, sagte Tönnies, „aber das darf nicht dazu führen, dass sich manche in eine Hängematte legen“. So aber haben sie in der Rückrunde zumeist gespielt. Und die Wohlfühloase mutierte zu einem Platz, auf dem scharf geschossen wird. Im Gelsenkirchener Getümmel merkt auch Horst Heldt, dass die Einschläge näher kommen.

          Auf Distanz zum Protegé

          Also holte der Manager eine besonders robuste Kopfbedeckung aus der Requisite, um sich vor Angriffen zu schützen: „Wir müssen jetzt den Stahlhelm aufsetzen und da durchgehen“, sagte er vor dem Heimspiel gegen den SC Paderborn, das die Königsblauen mit Ach und Krach und durch ein Eigentor mehr als glücklich in vorletzter Minute für sich entschieden. Er sollte Recht behalten. Die Schalker haben es sich mit ihren Fans längst verspielt, was nach dem Abpfiff gegen Paderborn mehr als deutlich wurde.

          Inzwischen spürt Heldt auch aus der Richtung seines Förderers Tönnies Gegenwind. Tönnies hatte Großes vor mit dem Manager und lobte dessen Arbeit bei jeder Gelegenheit. Doch inzwischen geht der Chef des Aufsichtsrats ein wenig auf Distanz zu seinem Protegé. „Ich stelle ihn nicht in Frage, aber ich spreche ihn auch nicht heilig“, sagte Tönnies der „Westdeutschen Allgemeinen Zeitung“.

          Abwesend: Manager Horst Heldt erträgt auf der Tribüne stillschweigend den Unmut der Fans Bilderstrecke

          Es ist zu viel schiefgelaufen in dieser Saison, als dass der oberste Kontrolleur, der sich gerne einmischt, Heldt komplett aus der Schusslinie nehmen könnte. An der Basis und in den Medien wird die Arbeit des Managers zunehmend kritisch beurteilt, auch wenn Schalke dreimal nacheinander in der Champions League das Achtelfinale erreicht hat. Heldts Transferbilanz ist nicht besonders gut. Auch beim Besetzen des Trainerpostens hatte er wenig Fortune.

          Der aktuelle Trainer Roberto Di Matteo ist der vierte in vier Jahren. In dieser Zeit hat nur Ralf Rangnick, der aus gesundheitlichen Gründen kündigte, den Eindruck hinterlassen, ein klares Konzept und eine Spielidee vermitteln zu können. Unter Di Matteo, der im Oktober Jens Keller abgelöst hatte, ging es so steil bergab, dass sogar Heldt „den Tiefpunkt“ erreicht sah. Also versuchte der Manager in dieser Woche, sich Respekt zu verschaffen und die Mannschaft einzuschüchtern.

          Er stellte zwei Spieler frei, von denen er sich ursprünglich viel versprochen hatte: den exzentrischen Mittelfeld-Star Kevin-Prince Boateng, der als Leader vorgesehen war, und den früheren Nationalspieler Sidney Sam, der auf Schalke nie richtig angekommen ist. In beiden Fällen begründete Heldt den Rauswurf damit, dass es an der Vertrauensbasis fehle, die für eine gedeihliche Zusammenarbeit nötig sei. Dazu suspendierte er - wegen angeblich mangelnder Loyalität - Marco Höger, einen fleißigen Fußballspieler, der Boateng „Bruder“ nennt.

          Hier wird durchgegriffen, lautete die Botschaft aus der Vorstandsetage. Tönnies nahm sie wohlwollend auf, hatte aber dennoch etwas zu mäkeln. „Ich hätte ich es schon viel eher gemacht“, sagte er. Auch nicht sonderlich schmeichelhaft für Heldt erscheint dieses Detail, das Tönnies an die Öffentlichkeit brachte. „Ich habe Horst Heldt eine kleine SMS geschrieben. Darin habe ich ihm geschrieben, was ich machen würde“, sagte er und tat im Nachsatz so, als wäre es ein eher unverbindlicher Hinweis gewesen. „Es war nicht meine Empfehlung. Ich habe gesagt: Du bist der Boss. Triff deine Entscheidung!“ Heldt steht mehr denn je als Boss da, der einen „Big Boss“ über sich hat, dessen „Rat“ im Zweifel als Weisung zu deuten ist.

          Heldt spürt nicht mehr bloß den Druck der Basis, die ihm schon länger misstraut, sondern sieht sich gezwungen, auch Tönnies gegenüber an Profil zu gewinnen. Also steckte er vorsorglich schon einmal die Kompetenzen ab für den Fall, dass die Diskussionen um den Trainer sich zuspitzen sollten, unter dessen Regie die Mannschaft eine überaus enttäuschende Rückrunde spielt. Tönnies hatte angekündigt, der Verein werde an Di Matteo festhalten. Das mag auch Heldts Absicht sein. Dennoch hält er es für geboten, klarzustellen, wer hier (formal) das letzte Wort hat: „So eine Garantie kann Clemens Tönnies im Grunde gar nicht geben, weil er es nicht entscheidet.“

          Eines Tages wird der Aufsichtsrat mit Tönnies an der Spitze jedoch darüber entscheiden, ob und wie lange Heldt bleiben darf. Der Manager spricht in diesen Tagen viel von Verantwortung und Veränderung und zeigt Verständnis für die Haltung der Fans. Lange hat er sich so durch unwegsames Terrain laviert - mehr vom Selbsterhaltungstrieb gesteuert als von guten Ideen. Das wird auf Dauer nicht reichen. Wenn Heldt sich beim FC Schalke halten soll, muss sich nicht nur die Mannschaft steigern.

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