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Michael A. Roth : Der Patriarch tritt ab

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Der größte Erfolg in Roths Amtszeit: Der Pokalsieg 2007 Bild: picture-alliance/ dpa

Mit Michael A. Roth verlieren die Fußball-Bundesliga und der 1.FC Nürnberg eine ihrer schillerndsten Persönlichkeiten. Der Teppichunternehmer führte den „Club“ fast zwei Jahrzehnte, durch Höhen und Tiefen. So groß seine Verdienste sind - seine Zeit war vorbei.

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          Als sich Präsidium und Aufsichtsrat des 1. FC Nürnberg am Montagabend zur routinemäßigen Sitzung trafen, ahnte keiner, dass damit eine Ära zu Ende gehen würde. Die Versammlung hatte kaum begonnen, als Michael A. Roth ums Wort bat - ein paar Minuten später war er nicht mehr Präsident des Vereins, den er, in zwei Amtszeiten, über zwanzig Jahre lang führte. „Er hat uns kalt erwischt“, sagte der bisherige Vizepräsident Franz Schäfer, jetzt Roths kommissarischer Nachfolger bis Oktober 2010. „Völlig überrascht“ zeigte sich der Aufsichtsratsvorsitzende Klaus Schramm. Am Dienstag dann, als die Nachricht in einem Nürnberger Hotel öffentlich gemacht wurde, bekam Roth - nebst Blumen für die Gemahlin - allerhand salbungsvolle Worte mit auf den Weg in den Funktionärs-Ruhestand. Mit fast 74 Jahren, sagte er, wolle er sich mehr ins Privatleben zurückziehen und sich auf die Arbeit in seiner angeschlagenen Firma konzentrieren. Roth, der Teppich- und Textilunternehmer, hat in Person für diesen Verein gestanden. Als er ihn 1994 ein zweites Mal übernahm, schien der „Club“ am Ende. Keine Bank wollte dem tief gefallenen Altmeister noch einen Pfennig geben, als der Schuldenstand auf über zwanzig Millionen Mark angewachsen war und der sportliche Sturz in die Drittklassigkeit bevorstand. „Unsere Bank war Herr Roth“, sagte Aufsichtsratschef Schramm nun. Im Grunde war Herr Roth sogar der ganze „Club“. Ohne ihn wäre der Verein in Konkurs gegangen, im Hause Roth lief alles zusammen. Der Chef kümmerte sich um die fränkischen Bocksbeutel für die Vereinsjubilare, um Parkscheine für prominente Gäste, um die Handwerker fürs Klubgelände, eigentlich um alles. Selbst die Verwaltung wurde in den Nürnberger Schleifweg verlegt. Dort steht Roths Firmenimperium Aro. Jahrelang war alles dasselbe: Aro, der 1. FCN und Roth.

          Roth konnte alles sein, sogar Fanatiker

          „Es ist unheimlich schwer, einen Bundesliga-Verein zu führen“, sagte der im unterfränkischen Kitzingen in eher kleinen Verhältnissen aufgewachsene Roth, der es mit Mut, Tatkraft und ungeheurem Fleiß zum Selfmade-Millionär brachte. Aus dem Altmetallhändler wurde der Teppich-Mogul, und nach dem Umzug des Unternehmens nach Nürnberg rief bald der traditionell klamme „Club“ auf der üblichen Suche nach Wohltätern. Michael Adolf Roth, kein ehemaliger Hobbykicker, sondern begeisterter Motorsportler, fühlte sich geschmeichelt und auch herausgefordert als Geschäftsmann, der beim Fußball ein zweites Imperium aufbauen wollte.

          Eine jahrzehntelange Verbindung: Der „Club” und Michael A. Roth

          Roth bürgte für diesen Klub, half mit Privatdarlehen aus, trat als Trikotsponsor auf und erfuhr schmerzlich, „wie völlig unkalkulierbar dieses Geschäft ist“, wie er es wiederholt ausdrückte: „Weil es einen Millionenunterschied machen kann, ob ein Ball an den Pfosten geht oder ins Tor.“ Er musste lernen, an diesem Spiel zu leiden - und an diesem Verein, der sich allem geschäftsmäßigen Kalkül immer wieder entzog. Roth konnte alles sein: Chef, Fan, sogar Fanatiker, der Profis mit Pistolenschüssen drohte. „Wenn der ,Club‘ Ruhe will, soll er sich einen Präsidenten im Altersheim suchen“, sagte er einmal. Sein Ehrgeiz brachte ihm den Ruf des Trainerkillers, des Patriarchen, des Diktators ein. Von allem war er ein bisschen, aber vor allem war er ein Fleißarbeiter, dessen Einsatz auch seine Gegner bewunderten.

          „Das ist nicht mehr mein Verein“

          Ihm glückte es, den Schuldenberg völlig abzubauen, und nach der sechsten Rückkehr in die Bundesliga im Jahr 2004 schienen die Rechnungen des Chefs endlich aufzugehen: Nürnberg gewann nach 39 Jahren wieder einen Titel, den DFB-Pokal - und stieg ein Jahr später ab. Dieser neuerliche Fall traf Roth härter als alles andere in zwei Jahrzehnten Amtszeit. So tief saß der Frust, dass er nach dem verpatzten Neustart in der zweiten Liga verbal heftig austeilte, die sportliche Leitung öffentlich rügte, damit aber erstmals auf Widerspruch stieß. „Die Art und Weise, wie man da mit mir als dem Präsidenten umgegangen ist, hat mir nicht gefallen“, sagte er in Erinnerung an den Herbst 2008, als Präsidium und Aufsichtsrat ihn ermahnten, sich zurückzuhalten. „Das ist nicht mehr mein Verein“, sagte Roth damals - nachdem sie ihm genau das klargemacht hatten. Der „Club“, saniert und neu aufgestellt, war nicht mehr der FC Aro, sondern ein eigenes Unternehmen auf dem Weg in eine Zukunft ohne Roth. Im Herbst 2010 soll eine Satzungsänderung greifen, nach der es einen berufenen Vorstand, keinen ehrenamtlichen Präsidenten mehr gibt.

          Eine seiner letzten Amtshandlungen war es, den Vertrag mit Sportdirektor Bader bis 2012 zu verlängern. Vielleicht, sagte Roth, hätte er schon nach dem Pokalsieg abtreten sollen - aber damals wollte er sein spätes Glück beim „Club“ noch auskosten, nach dem Abstieg hinderte ihn sein Pflichtbewusstsein am Rückzug. „Aber jetzt“, erklärte er, „habe ich mit dem Aufstieg einen tollen Abschluss gehabt.“ Seine Zeit, sagte er, sei vorbei. So war es.

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