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Mesut Özil : Unentschlossen zwischen den Fußball-Kulturen

  • -Aktualisiert am

Geboren in Gelsenkirchen, als Junior schon für Deutschland: Mesut Özil Bild: dpa

Der Bremer Mesut Özil steht vor seiner wichtigsten Entscheidung: Spielt er für Deutschland oder die Türkei? Der 20-Jährige steckt im Konflikt, in den Einwandererkinder oft geraten. Die Nationaltrainer werben unterschiedlich um Özils Zusage.

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          Als Werder Bremen am Donnerstag ins Trainingslager in die Türkei flog, wartete am Flughafen von Antalya ein Übertragungswagen auf das Team. Der türkische Fernsehsender NTV hatte bereits seine Mikrofone aufgestellt und eine Live-Schaltung vorbereitet, um Mesut Özil am besten noch am Kofferband zu fragen, ob er sich nun für die türkische oder die deutsche Fußball-Nationalmannschaft entschieden habe.

          Seit die Bremer gelandet sind an der türkischen Riviera, kursiert dort auch der Scherz, dass Özil womöglich Extra-Törtchen oder andere Privilegien vom Hotelpersonal serviert bekommt, um ihn in dieser Frage zu korrumpieren. Der Einzige, der darüber nicht lachen kann, ist Mesut Özil selbst. Er hat bereits am ersten Tag des Trainingslagers erklärt, sich dazu nicht äußern zu wollen und auch noch keine Entscheidung getroffen zu haben. Der Übertragungswagen von NTV fuhr ohne eine Äußerung von ihm wieder davon.

          „Ich weiß ja nicht, welche Mannschaft mich haben will“

          Özils Nationalmannschaftszukunft ist ein Thema, das eigentlich schon geklärt schien und dennoch wieder diskutiert wird. Im Oktober hatte der 20 Jahre alte Mittelfeldmann gesagt: „Ein anderer Verband als Deutschland kommt für mich nicht in Frage.“ Mitte Dezember sagte er dann: „Ich weiß ja nicht, welche Mannschaft mich haben will. Wenn jemand anruft, entscheide ich mich spontan.“

          Özil ist in Gelsenkirchen geboren und aufgewachsen, aber seine Eltern stammen aus der Türkei. Daher könnte er für beide Länder spielen, und daher rührt auch seine Unentschlossenheit. Für den Boulevard ist längst klar: Özil ist ein „Schnösil“ und tanzt dem Deutschen Fußball-Bund (DFB) auf der Nase herum. Das Argument, er habe die neue Debatte selbst entfacht und genug Zeit gehabt, sich zu entscheiden, ist stimmig. Doch allein darauf lässt sich das Thema nicht reduzieren.

          „Ich werde seine Entscheidung absolut respektieren“

          Özil steckt in einem Konflikt, in den Einwandererkinder häufig geraten: Sie wachsen zwischen zwei Kulturen auf und wissen oft nicht, mit welcher sie mehr verbindet. Bei Özil spitzt sich das nun besonders zu. Schon ein Blick in die Bundesliga zeigt, dass jeder damit anders umgeht: Die Altintop-Brüder spielen für die Türkei, Serdar Tasci für Deutschland. „Mesut steckt in einer Zwickmühle“, sagt Per Mertesacker. „Ich werde seine Entscheidung absolut respektieren.“

          Alle Anzeichen sprechen dafür, dass Özil zur deutschen Mannschaft tendiert. Er hat ja auch im Juniorenbereich alle Auswahlteams des DFB durchlaufen. Ins Grübeln gekommen ist er auch deshalb, weil beide Verbände unterschiedlich stark um ihn werben. Bundestrainer Joachim Löw sagt: „Mesut spielt für uns intern in den Planungen eine Rolle, aber das ist seine Entscheidung. Die kann ihm keiner abnehmen.“ Der türkische Coach Fatih Terim legt sich da mehr ins Zeug. „Wir werden alles tun, damit er für uns spielt“, sagt dieser.

          „Es wäre schade, wenn er der Nationalelf verlorenginge“

          Özils Klub Werder Bremen gibt dem DFB deshalb eine Teilschuld daran, dass der Konflikt noch immer schwelt. „Man muss das Interesse an Mesut auch klar signalisieren. Die anderen machen das“, sagt Sportchef Klaus Allofs. „Es wäre schade, wenn er der Nationalelf verlorenginge. Deshalb sollte der DFB ihm auch sagen, welche Perspektiven er hat. Ich denke, dann ist seine Entscheidung klar.“ Noch ist die Perspektive bei den Türken deutlicher erkennbar: Nationaltrainer Fatih Terim möchte Özil im Februar für ein Länderspiel nominieren. Löw sagt: „Von uns gibt es keine Versprechungen.“

          Im Fall Özil darf man eines nicht vergessen: Er stand vor einem Jahr schon einmal am Pranger. Damals eskalierte ein Streit mit Schalke 04 um seine Vertragsverlängerung, in dem Özil als geldgieriger, vom Vater ferngesteuerter Spieler dargestellt wurde. „Gierig-Profi“ titelte die „Bild“-Zeitung seinerzeit, und wenn Özil sich heute nicht äußert zum Thema Nationalmannschaft, dann hat das noch etwas damit zu tun. Das ist wohl keine Arroganz, sondern nur die Angst davor, wieder etwas Falsches sagen zu können, was ihn in der öffentlichen Auseinandersetzung belasten könnte.

          „Wenn er auf dem Platz steht, kann er alles ausblenden“

          Gemessen an seinem jungen Alter, stand Özil schon häufig unter enormer Beobachtung. Seine Entwicklung hat darunter aber nie gelitten. Bei Werder Bremen wuchs er schneller als geplant und brachte sich in eine entscheidende Rolle hinein. Bei den wichtigsten Siegen dieser Saison (Bayern, Hoffenheim, Mailand, Wolfsburg) war er der beste Mann. „Hier gibt mir jeder Rückendeckung“, sagt Özil. Und Klaus Allofs sagt dazu: „Wenn er auf dem Platz steht, kann er alles ausblenden. Aber wenn man mit dem Druck nicht klarkommt, wird man es auf seinem Level auch nicht schaffen.“

          Was nüchtern klingt, zeugt bei Lichte besehen von Özils Wertschätzung: Allofs sieht ihn zu Höherem, zu internationaler Klasse berufen, „sein Level“ soll einmal Diegos Erbe in Bremen sein. Beide sind leichtfüßig, technisch perfekt, und häufig macht Özil das Spiel schon schneller als der Brasilianer. Bisher hat er Konflikte also gut wegstecken können, was sich von seinen Konfliktpartnern nicht immer sagen lässt: Schalke fehlt jetzt genauso ein Spielertyp, wie man ihn vor einem Jahr mit Mesut Özil abgegeben hat.

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