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Auftakt der Bundesligasaison : Die Bayern-Vormacht

Pep Guardiola und seine Mannen Anfang August in Wolfsburg. Bild: AFP

Bayern München und der HSV bestreiten heute Abend den Auftakt der Bundesligasaison. Doch die Meisterfrage scheint längst beantwortet. Der Liga droht Langeweile – und der klassische Fan im Stadion wird immer unwichtiger.

          Es geht wieder los. Schon wieder?, fragen die einen. Endlich!, seufzen die anderen. Die Bundesliga polarisiert seit ihren Anfängen. Und wie immer ist die Woche vor dem Start an diesem Freitagabend mit dem Spiel des Titelverteidigers Bayern München gegen den Hamburger SV (20.30 Uhr/ live in ARD, Sky und im Bundesliga-Ticker auf FAZ.NET) begleitet von Meldungen beider Art, von Erfolgs- und Schreckensmeldungen.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Die Erfolge betreffen die Ökonomie der zweitgrößten Fußball-Liga der Welt. Laut einer Studie schafft Fußball in Deutschland 110.000 Arbeitsplätze und erwirtschaftet jeden 350. Euro im Land. Nicht messbar, aber ebenso wirksam ist das, was seine gesellschaftliche Bedeutung ausmacht: der Anteil an der öffentlichen Grundversorgung mit Erlebniswert, Gesprächsstoff, Emotionalität.

          Zwei Distanzprobleme

          Den Schrecken erzeugten Übergriffe aus dem Publikum, in dem einzelne die Grenze vom Zuschauer zum Saboteur überschritten. Auf den Bus von Hertha BSC wurde geschossen. Ein Wurfgeschoss verletzte den Schiedsrichter in Osnabrück. Die Bundesliga könnte das als unterklassigen Krawall abtun, weil es im Pokal, bei Zweit- und Drittligavereinen geschah. Und weil sie glaubt, dass ihr Erfolg von allein weitergehe. Klug wäre das nicht. Zwei Dinge werden zunehmend zum Problem für die Liga: die wachsende Distanzlosigkeit von Fans - und die wachsende Distanz der Bayern.

          Bilderstrecke

          Der Rekordmeister hat den vierten Titel nacheinander zum historischen Saisonziel erklärt. Die vergangenen drei gewann er mit durchschnittlich 18 Punkten Vorsprung. Die letzten Herausforderer, wie der Dortmunder Kapitän Mats Hummels, beklagen, dass „zu viele Teams das Spiel gegen die Bayern vorher schon abgehakt haben“. Mit der Bayern-Vormacht ist es wie mit dem Klimawandel. Ihren Leugnern gehen, Jahr für Jahr mehr, die Argumente aus.

          Die fußballökonomische Gleichung besagt, dass sich die Vormacht eines wirtschaftlich überlegenen Klubs von allein fortsetzt, ja vergrößert: Geld = teure Mannschaft = Titel = Champions League = mehr Einnahmen = noch teurere Mannschaft. Und so weiter. So entstand eine Kaste europäischer Spitzenklubs, unerreichbar für die nationalen Konkurrenten, außer für die, die selbst Teil der Kaste sind. Die Bundesliga ist die einzige Liga, in der nur ein solcher Klub spielt.

          Selbst die Finanzkraft der englischen Premier League, die durch die Milliarden aus dem neuen TV-Vertrag Preise treibt und den Spielermarkt dominiert, begünstigt die Bayern. Sie sind stark genug, ihre Stars zu halten, während ihr zuletzt gefährlichster Gegner, der VfL Wolfsburg, um seinen Besten, Kevin De Bruyne, bangen muss. Die englischen Avancen sollen ihm „den Kopf verdreht“ haben.

          Der Liga droht Langeweile. Die Alleinstellung eines Klubs bringt ein System, dessen Geschäftsgrundlage die Spannung ist, an seine Grenzen. Das ist nicht die Schuld der Bayern. Es ist die von Klubs wie ihrem Auftaktgegner an diesem Freitag. Der Hamburger SV besaß einmal genauso gute Voraussetzungen für den Erfolg, hat sie aber stümperhaft verspielt. Bei den drei letzten Auftritten in München gab es zwanzig Gegentore. Diese Woche wurde der Rucksack des Sportdirektors mit Gehaltslisten und vertraulichen Dokumenten in einem Hamburger Park gefunden.

          Schon vergeben? Pep Guardiola scheint die Meisterschale nicht hergeben zu wollen

          So trägt der HSV wenigstens ungewollt zum Unterhaltungswert bei. Fußball ist auf dem Markt der Zerstreuungen der große Gewinner, das einzige Entertainment, das global und lokal, bei Alt und Jung, Mann und Frau, in jeder Sprache und jeder Kultur gleichermaßen funktioniert. Während Europas Spitzenvereine längst den Weltmarkt bedienen, bilden Mittelständler mit regionaler Kundschaft weiter das Gros der Bundesliga. Wie sollen sie die Bayern, den Liebling der Sponsoren und Dax-Giganten, der das Zehnfache der Gehälter der Kleinen der Liga zahlt, noch ärgern?

          Anders als der nordamerikanische Sport, der zur Erhaltung der Spannung Gehaltsgrenzen und den Erstzugriff auf Top-Talente durch die schwächsten Klubs festlegt, ist Europas Fußball nicht darauf eingerichtet, sportliche Dynastien zu verhindern. Die Bundesliga fängt nie bei null an, sie fängt immer mit dem über Jahrzehnte kumulierten Vorsprung der Bayern an. Der wächst immer schneller, wegen der Explosion der Einnahmen des Fußballs im 21. Jahrhundert und deren ungleicher Verteilung.

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          Früher blieb der Vorsprung, den ein Verein sich erarbeiten konnte, überschaubar, weil die Haupteinnahmequelle der echte, der physische Zuschauer war. Heute leben große Klubs immer mehr von Fans, die nie in ihrem Leben ein Spiel im Stadion sehen, aber als TV-Abonnent, als Trikotkäufer, als Werbekunde zum Umsatz beitragen, egal wo auf der Welt. Der Fan, der aus regionaler Verbundenheit einen Verein unterstützt, ist nur noch Folkloreelement in den Stadien wie das Klatschpublikum in Fernsehshows. Außer, er benimmt sich daneben.

          Deshalb muten die Bayern ihrem Team im Sommer strapaziöse Reisen zur Sponsorenpflege und Fan-Akquise in Märkten wie Asien oder Nordamerika zu. Dort, in Los Angeles oder Schanghai, nicht in Hoffenheim oder Hannover, werden die deutschen Meisterschaften der Zukunft gewonnen. Es ist die saubere Zukunft des Fußballs, weit weg vom deutschen Problem-Fan.

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