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Maximilian Arnold im Gespräch : „Der Ehrgeiz zerfrisst mich manchmal ein bisschen“

  • -Aktualisiert am

Maximilian Wolf über das schwierige Wolfsburger Jahr: „Das möchten wir nie wieder erleben“ Bild: Picture-Alliance

In der vergangenen Saison ist Maximilian Arnold mit dem VfL Wolfsburg nur knapp dem Abstieg entronnen. Im Interview spricht das Eigengewächs über schmerzliche Erfahrungen beim VfL und seine Führungsrolle bei der U-21-EM.

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          Einen schöneren Saisonabschluss als den Gewinn der U-21-EM mit Ihnen als Kapitän hätten Sie nicht feiern können. Und das nach einer Bundesligasaison, in der Sie mit dem VfL Wolfsburg erst in der Relegation gegen Braunschweig den Abstieg vermeiden konnten. Wie haben Sie diese Achterbahnfahrt erlebt?

          Nach allem, was uns im Laufe der Saison beim VfL widerfahren ist, fühlten sich auf dem Weg zur EM die ersten Tage im Trainingslager der U 21 schon ein bisschen schwer an, weil ich den Schalter nicht so einfach umlegen konnte. Für mich und meinen Wolfsburger Mannschaftskameraden Yannick Gerhardt war es dann gut, dass unser Trainer Stefan Kuntz speziell auf uns zwei zukam, uns zur Seite genommen und mit uns gesprochen hat, wie es uns nach all den harten Wochen überhaupt geht.

          Mit Beginn des Turniers schien aber alle Last von Ihnen abgefallen, so dass Sie Ihre Kapitänsaufgaben voller Überzeugung und Hingabe angehen konnten. Das sah alles sehr erwachsen und frühreif aus. Wie viel Freude hat Ihnen diese zusätzliche Verpflichtung gemacht?

          Mir ist da sicher meine Bundesliga-Erfahrung (126 Spiele seit 2011, d. Red.) nützlich gewesen, und natürlich habe ich mir im Laufe der Jahre auch das eine oder andere bei vorbildlichen Kollegen abgeschaut. Ich habe zum Beispiel auch mit einem Auge darauf geschaut, wie etwa Marcel Schäfer und Diego Benaglio ihre Rolle als Kapitän des VfL Wolfsburg ausgeübt haben. Ich wollte das in Polen aber nicht kopieren, sondern das Kapitänsamt nach meinem Verständnis interpretieren. Grundsätzlich bin ich jemand, der immer auf der Suche nach dem persönlich bestmöglichen Weg ist und stets die Augen offen hält. Wer mit geschlossenen Augen durchs Leben geht, kommt nicht weiter.

          Titelgewinne zu genießen ist auch für die besten Fußballprofis nur ein kurzes Vergnügen, ehe aufs Neue die Pflicht in den Vereinen ruft und der Kampf um einen Platz in der ersten Elf beginnt.

          Ich habe schon während meines Urlaubs schnell gemerkt, dass auch die schönsten Erfolgserlebnisse ziemlich schnell vergehen. So schade es ist: Die EM ist vorbei, und es zählt nur noch die Gegenwart.

          Kapitän der U21-Europameister: „Die EM ist vorbei, und es zählt nur noch die Gegenwart“

          Die kann aus Wolfsburger Sicht nur besser werden, wenn man auf die vergangene Spielzeit schaut. Noch einmal am Rande des Abgrunds zu balancieren verbietet sich wohl für den VfL?

          Absolut. Das möchten wir nie wieder erleben. Zwar sagen jetzt viele, dass auch eine solche Erfahrung ihr Gutes haben kann, doch ich selbst hätte gern auf diese Erfahrung verzichtet.

          Was kostet eine solche Zeit der Rückschläge und Enttäuschungen an Nerven und seelischer Kraft?

          Mit all den Sorgen und Belastungen, die sich im Laufe der letzten Saison aufgetürmt hatten, geht man abends ins Bett und steht damit morgens wieder auf. Ich bin seit 2009 hier im Verein und konnte, weil ich längst eine ziemlich große Bindung zum VfL habe, nicht einfach mal so abschalten zwischendurch. In so einer Situation zu sagen, egal, was hier drumherum alles passiert, ich mach mein Ding, wäre für mich unmöglich gewesen. Für mich galt es, ein Zwischending zu finden zwischen „ich mach mein Ding“ und „ich mach mir meine Gedanken“. Auf dem Platz habe ich häufiger versucht, jemand anders zu helfen, und hatte dazu meine eigenen Baustellen. Was man macht, macht man in einer solchen Lage verkehrt.

          „Fußballprofi zu sein ist ein ständiger Lernprozess“

          Sie sind inzwischen nach Robin Knoche (seit 2005 beim VfL) der Spieler, der am längsten in Wolfsburg ist, und damit, obwohl erst 23, schon ein Gesicht des Klubs. Was macht für Sie den speziellen Reiz Ihres bisher ersten und einzigen Bundesligavereins aus?

          Es ist das Gesamtpaket. Auf der einen Seite bin ich dankbar, dass ich die Chance bekommen habe, mich beim VfL Wolfsburg zu einem Bundesligaprofi zu entwickeln. Als ich vor acht Jahren von Dynamo Dresden hierherkam, hat mir das familiäre Klima beim VfL sehr zugesagt. Und weil ich jetzt schon so lange hier bin, liegt mir der Verein auch sehr am Herzen. In Wolfsburg mit einem der besten deutschen Nachwuchsleistungszentren gibt es für jeden Spieler exzellente Möglichkeiten, sich weiter zu verbessern. Vergleichbares findet man in der Bundesliga vielleicht noch drei-, viermal. Ich bin hier mit der U 19 zweimal deutscher Meister geworden (2011 und 2013). Auch ein Indiz dafür, welch gute Arbeit geleistet wird.

          Wie lautet Ihr Saisonziel kurz vor dem Bundesligaauftakt des VfL gegen Borussia Dortmund am 19. August?

          Dass die Gegner wieder zum VfL kommen und sich sagen, heute wird es schwer. Insgesamt wollen wir einfach eine bessere, stabilere Saison als zuletzt spielen, ohne uns dabei auf einen Tabellenplatz festzulegen. Ich glaube, dass die Verantwortlichen auf allen Ebenen die richtigen Lehren aus der vorigen Spielzeit gezogen haben. Wie mein Gefühl vor der neuen Saison ist, kann ich noch gar nicht so genau sagen. Ich brauche noch ein paar Wochen zwischen Training und Spielen, um mir ein Urteil erlauben zu können.

          Und was ist Ihr persönlicher Anspruch?

          Wieder in die erste Elf zurückzukehren. Man muss damit umzugehen lernen, wenn man mal beim Anpfiff auf der Bank sitzt, auch wenn es mir schwerfällt. Ich bin eben sehr ehrgeizig, und dieser Ehrgeiz zerfrisst mich manchmal auch ein bisschen.

          „Ich wollte das Kapitänsamt nach meinem Verständnis interpretieren“

          Steht Ihnen dabei Ihre Vielseitigkeit als Mittelfeldspieler auf der Sechs, der Acht oder Zehn eher im Weg, oder ist sie eher von Nutzen?

          Das möchte ich gar nicht bewerten. Ich spiele jedenfalls am liebsten auf der Acht oder der Sechs.

          Das sind Positionen, mit denen viel Verantwortung für das große Ganze verbunden wird. Haben Sie als immer noch junger Spieler mit 23 U-21-Einsätzen und einem A-Länderspiel den Eindruck, reifer geworden zu sein?

          Fußballprofi zu sein ist ein ständiger Lernprozess. Wenn ich aus meiner heutigen Sicht Spiele von mir vor zwei, drei Jahren sehe, denke ich manchmal, was hast du da bloß gemacht? Der junge Profi bin ich jetzt nicht mehr, ich werde langsam zu einem gestandenen, erwachsenen Profi.

          Und können Sie sich auch vorstellen, irgendwann einmal Kapitän des VfL Wolfsburg zu sein?

          Wenn’s kommt, kommt’s, wenn’s nicht kommt, kommt’s nicht. Das Leben geht weiter.

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