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Kölner Maskottchen : „Hennes ist kein Sündenbock“

Mit Hipsterbärtchen voll im Trend: Hennes der Neunte Bild: Picture-Alliance

Theologe Johannes Schröer über das eigenwillige Maskottchen des 1. FC Köln, die dunkle Seite des Geißbocks – und die Frage nach einer Ziege als Nachfolgerin.

          3 Min.

          Sie haben eine große Biografie über Geißbock Hennes vorgelegt, den Schutzheiligen des 1. FC Köln. Ist Fußball in Köln eine besonders religiöse Angelegenheit?

          Reiner Burger
          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Es gibt in Köln etwa 125 verschiedene religiöse Gemeinschaften. Sie kamen alle von außen in den Kölschen melting pot. Es gibt aber nur eine einzige religiöse Gemeinschaft, die in Köln entstanden ist. Das ist der 1948 gegründete 1. FC Köln. Fußball ist in Köln Religion.

          Wieso kam der 1. FC Köln zwei Jahre später ausgerechnet auf eine bockige Ziege als Maskottchen?

          Der Bock passt zu Köln, weil er die ambivalente Kölner Seele spiegelt. Der 1. FC Köln wird ja auch immer als launische Diva bezeichnet. Der Bock ist eigenwillig, hat einen starken Charakter. So ein Löwe bei 1860 München oder ein Fohlen bei den Gladbachern, das sind ganz hehre Stars. Dagegen einen Ziegenbock zu setzen, hat etwas Augenzwinkerndes, sehr Kölsches.

          Wie kam der FC konkret zum Bock? Ein bisschen zufällig war das doch schon...

          In der Tat. In der Karnevalszeit 1950 feierte der Klub in einem Zirkuszelt seinen zweiten Geburtstag. Die Zirkusinhaberin Carola Williams dachte sich: Ich muss dem 1. FC ein Geburtstagsgeschenk machen. Also schob sie gemeinsam mit ihrem Zirkusdirektor einen Bock auf die Bühne. Die Fußballer hielten das zunächst für eine Schnapsidee. Aber Franz Kremer, der erste Präsident des FC, hatte ein feines Gespür. Er wusste, dass der junge Verein ein Markenzeichen brauchte. Der Geißbock wurde schnell zum ganz großen Symbol und kam auch in das Vereinsemblem.

          Bundesliga

          Hennes gibt es sogar als steinernen Wasserspeier am Kölner Dom. Wie schaffte er das?

          Im Jahr 1962 gewann der Klub seine erste Meisterschaft. Damals war es noch populärer als heute, die Stadt oben am Dom abzubilden. Hinzu kommt: Wasserspeier wehren Dämonen ab. So wehrt der steinerne Bock vielleicht die ein oder andere Niederlage des 1. FC Köln ab.

          Zur dunklen Seite des Bocks. Stimmt es, dass der Vater von Hennes I. – fürchterlich für die Kölsche Seele – ausgerechnet ein Düsseldorfer war?

          Es spricht viel dafür. Wenn man zurückrechnet, findet man heraus, dass die Mutter von Hennes I. mit dem Zirkus Williams zur fraglichen Zeit in Düsseldorf auf den Rheinwiesen gastierte. Es ist sehr wahrscheinlich, dass sie dort von einem Bock geschwängert wurde, denn in den Schrebergärten wurden in der Nachkriegszeit viele Kleintiere gehalten.

          Bis heute hält sich die Erzählung, Hennes II. sei 1970 von Gladbach-Fans aus Rache für den knappen Kölner Pokalsieg „ermordet“ worden. Was ergab Ihre investigative Recherche zu diesem Kriminalfall?

          Dass es sich dabei um eine Legende handelt. Das Gerücht vom Giftmord tauchte sehr schnell auf, als Hennes II. – eine niedliche Zwergziege – eines Morgens tot im damals unbewachten Stall lag. Es gab aber eine Obduktion, die belegt: Hennes wurde totgebissen. Vermutlich von einem streunenden Schäferhund. Gladbach-Fans waren es nicht.

          Die Religionsgeschichte lehrt: Zwischen „Hosianna!“ und „Kreuzigt ihn!“ liegen oft nur ein paar Tage. Warum ist Geißbock Hennes bisher noch nie zum Sündenbock geworden?

          Wenn Köln schlecht spielt oder in den Abstiegsstrudel gerät, dann rufen die Fans: „Trainer raus!“ oder „Vorstand raus!“ Aber „Hennes raus!“, das hat noch nie jemand gerufen. Hennes ist kein Sündenbock, sondern Identifikationsfigur. An Hennes kann ich als Fan meine Sorgen und Nöte herantragen, Hennes versteht mich, Hennes hält zu mir, deswegen hängt mein Herz an Hennes. Als Hennes VIII. im April eingeschläfert werden musste, gab es eine Kondolenz-Internetseite, auf der Tausende Fans ihre Gedanken niedergeschrieben haben. Das dokumentiert, was Hennes den Fans bedeutet. Er würde niemals für eine Niederlage verantwortlich gemacht werden.

          Bleibt das auch so, wenn sich an diesem Samstag zeigt, ob sich der FC in der ersten Liga halten kann? Gegen Absteiger Schalke 04 wollen sich die Kölner doch keinen Bock leisten, oder?

          Nein, ganz bestimmt nicht! Und Hennes kann wegen Corona immer noch nicht im Stadion sein. Er kann also gar keinen direkten Einfluss nehmen. Hennes bleibt Hennes, komme was wolle. Hennes VII. ist vier Mal mit dem FC abgestiegen. Er ist vier Mal nicht geschlachtet worden. Auch Hennes IX. wird das nicht passieren. Selbst wenn – was niemals kommen möge – der 1. FC Köln eines Tages wie Kaiserslautern in die dritte Liga absteigen würde, würde das an der Liebe der Fans zu Hennes nichts ändern. Die Fans würden ihm nie die Schuld zuschieben, es sind die Spieler, die es verbocken.

          Der aktuell amtierende Hennes IX. ist ein stattliches, nicht kastriertes Tier und soll anders als seine Vorgänger selbst für die Nachfolge sorgen. Bisher hat er aber nur Töchter gezeugt. Was wird es früher geben: Eine DFB-Präsidentin oder eine Ziege als Maskottchen des 1. FC Köln?

          Weil alle bisherigen Hennese kastriert waren, ist das eine gar nicht so einfach zu beantwortende Frage. Denn was ist eigentlich ein kastrierter Bock? Da kommen wir sehr schnell in die Diversitätsdiskussion. Also ein hundertprozentiges Männchen jedenfalls nicht. Er verliert ja aus hormonellen Gründen sogar seinen Hipsterbart. Hennes IX. aber ist noch lange im besten zeugungsfähigen Alter. Falls es trotzdem nicht mit männlichem Nachwuchs klappten sollte, wird es aber bestimmt eine Diskussion geben. Aber selbst wenn es dann eine Ziege werden sollte, würde auch sie den Namen Hennes tragen. Eines steht aber so oder so fest: Es gibt von nun an eine Erbfolge, eine Hennes-Dynastie. Als das verkündet wurde, rief das weltweit Aufsehen hervor. Sogar die Washington Post berichtete. Hennes ist eben das wichtigste und beliebteste Maskottchen der Fußball-Bundesliga.

          Johannes Schröer: Patron Hennes. Die Geißbocklegende des 1. FC Köln. Greven Verlag Köln, 240 S., 18 Euro

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