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Streit um Martin Kind : Was hinter dem Ärger bei Hannover 96 steckt

  • -Aktualisiert am

Martin Kinds Rolle bei Hannover 96 ist immer wieder Gegenstand von Diskussionen. Bild: imago/Norbert Schmidt

Bei Fußball-Zweitligaklub Hannover 96 spitzt sich der Kampf um die Macht zwischen dem Stammverein und Martin Kind zu. Die erhobenen Vorwürfe gegen ihn wiegen schwer. Nun stellt sich eine Frage.

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          Eigentlich soll alles anders und endlich wieder besser werden. Hannover 96 ist mit einer grundlegend erneuerten Mannschaft in die Saison 2022/23 gestartet. Mit Stefan Leitl hat sich der Fußball-Zweitligaklub einen kommunikativen Trainer gesichert, der einen Hauch von Aufbruchstimmung verbreitet. Doch das Sportliche wird bei den Niedersachsen – wieder einmal – vom Juristischen überlagert.

          2. Bundesliga

          Am 16. August geht es vor dem Landgericht Hannover um die Frage, ob Martin Kind Geschäftsführer der Hannover 96 Management GmbH bleiben darf. Die Differenzen zwischen dem Stammverein und dem ausgegliederten Profibereich belasten seit Jahren das Miteinander bei Hannover 96. Jetzt spitzt sich der Streit zu und kann alles ins Wanken bringen.

          Wer als überzeugter Fan von Hannover 96 verstehen will, worum in diesem Verein fortlaufend gestritten wird, muss sich intensiv mit den Feinheiten des Firmen-, Wirtschafts- und Gesellschaftsrechts befassen. Unter der Regentschaft von Kind ist in den vergangenen Jahren ein extrem komplexes Firmengeflecht entstanden. Bei der Abwägung, ob der millionenschwere Unternehmer Hannover 96 weiterentwickelt oder in Ketten gelegt hat, scheiden sich die Geister.

          „Rechtswidrige Vorgänge“

          Der Vorstand des Stammvereins ist aktuell der Meinung, dass Kind als Geschäftsführer des Profibereichs dringend abgesetzt gehört. „Herr Kind hat persönlich“, heißt es in einem warnenden Schreiben an die Vereinsmitglieder, „die wichtigen Gründe geschaffen, die eine Weiterführung der Geschäftsführung durch ihn nicht möglich machen.“ Zurückhaltung von vereinbarten Spenden und Darlehen, Rechnungstellungen ohne vertragliche Grundlage plus ein Mangel an Kooperation und Kommunikation: Die gegen Kind erhobenen Vorwürfe wiegen schwer und werden vor Gericht geprüft.

          Bis das ansteht, darf der 78-Jährige dank einer gerichtlichen Verfügung die Geschäfte weiterführen. Wer ihn dabei behindert, riskiert sogar ein Ordnungsgeld in Höhe von 250.000 Euro. In einer scharf formulierten Mitteilung, die am Montag Kind öffentlich machen ließ, wird das Handeln des ehrenamtlichen Vorstandes als „rechtswidrige Vorgänge“ und „diskreditierende Behauptungen“ eingestuft. Man kann aus solchen Worten herauslegen: Kind ist stinksauer und wehrt sich mit voller Wucht.

          Martin Kind möchte sich nicht aus Hannover verabschieden.
          Martin Kind möchte sich nicht aus Hannover verabschieden. : Bild: dpa

          Das Tauziehen um die Macht bei Hannover 96 ist in der vergangenen Woche mit Ansage eskaliert. Rückblende in den März 2019: Im Rahmen einer turbulenten Mitgliederversammlung war der bei Hannover 96 seit zweieinhalb Jahrzehnten nahezu alles entscheidende Kind in seinem Wirken gebremst worden. Eine starke Opposition mochte sich nicht mehr damit anfreunden, dass Investoren und Gesellschafter ihren Klub beziehungsweise dessen Profiabteilung nach eigenem Gusto führen.

          Im Aufsichtsrat des Vereins übernahmen Vertreter der Mitglieder und Fans die Macht. Seitdem grummelt es hinter den Kulissen, weil sich höchst konträre Sichtweisen nicht vereinen lassen. Kind folgt dieser Logik: Wer die Kapelle bestellt und bezahlt, sollte auch über deren Musik bestimmen dürfen. Immer mehr Mitglieder und Kind-Gegner empfinden das als anmaßend. Wenn der Zwist in zwei Wochen vor Gericht gipfelt, geht es wieder einmal um die hoch philosophische Frage, wie viel Einfluss Investoren auf die Geschicke eines im Profigeschäft positionierten Fußballvereins haben sollten.

          Verzicht auf Basisdemokratie

          Der Unterschied zwischen den handelnden Personen auf Vereins- und Geldseite könnte in Hannover kaum größer sein. Mit dem früheren Fanbeauftragten Sebastian Kramer hat es ein durchaus vernünftiger Mann an die Spitze des Sportvereins Hannover 96 geschafft, der eher das Normale und Bodenständige vertritt. Wenn der Familienvater mit der S-Bahn zur Arbeit und zu seinem Verein pendelt, grüßt er freundlich. Er versteht sich als Anwalt der rund 21.000 Vereinsmitglieder und will verhindern, dass die Geschicke von Hannover 96 von Geldgebern bestimmt werden und der Stammverein um seine Rechte an der Vereinsmarke gebracht wird.

          Auf der anderen Seite steht der Hörgeräte-Unternehmer Kind, der in schnellen Sportwagen zur Arbeit und zum Stadion fährt und auf Basisdemokratie gerne verzichtet. In seiner Wahrnehmung ist Hannover 96 mehr Marke und Firma als Verein. Kind weiß mit Dirk Roßmann, dem Gründer einer bundesweiten Drogeriekette, einen zahlungskräftigen Gesellschafter an seiner Seite. Beide sind ganz sicher: Es kann doch wohl nicht angehen, dass normale Fans als Mitglieder darüber mitentscheiden, was das von ihnen investierte Geld bewegt und ermöglicht.

          Dirk Rossmann engagiert sich finanziell bei den Hannoveranern.
          Dirk Rossmann engagiert sich finanziell bei den Hannoveranern. : Bild: dpa

          Offen bleibt, wie gefährlich die Zuspitzung der neuesten Grabenkämpfe ist. Der Vorstand des Stammvereins ist der festen Überzeugung, dass Kind mit seinem Handeln der vergangenen Monate gegen Verträge verstoßen habe und mit satzungswidrigen Entscheidungen sogar jene Lizenz gefährde, die Hannover 96 zu einem Teil des Profifußballs macht.

          Kind behauptet das Gegenteil, dringt auf eine gerichtliche Klärung und droht den Vorstandsmitgliedern des Vereins mit zivilrechtlichen Konsequenzen. Konkrete Beweise oder belastbare Zahlen haben beide Seiten bisher nicht vorgelegt.

          Mit jedem weiteren Rechtsstreit wächst die Gefahr, dass Kind angesichts des starken Gegenwindes die Lust an Hannover 96 verliert und sich als Gesellschafter sowie Mäzen zurückzieht. Seine Kritiker sehen den Verein in einem gefährlichen Würgegriff von Kind. Die Abhängigkeit von ihm und das kaum noch zu durchschauende Firmenkon­strukt aufzulösen könnte Jahre dauern und die Existenz des gesamten Vereins gefährden.

          Kind kümmert sich mit einer kurzen Unterbrechung seit 1997 um Hannover 96. Seinem unermüdlichen Engagement ist unter anderem zu verdanken, dass es in Hannover ein modernes Stadion für bis zu 49.000 Zuschauer gibt. Sportliche Höhenflüge bis in die Europa League, zwei Abstiege aus der ersten Liga und kontroverse Auseinandersetzungen waren seine Begleiter. Die Zahl der Mitglieder ist seit der Amtsübernahme stark gestiegen. Die Zahl seiner Kritiker auch.

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