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Der „neue“ Mario Götze : Wieder einmal Zuversicht

  • -Aktualisiert am

Wiedergewonnene Leichtigkeit: Mario Götze macht Hoffnung auf ein zurück in die Zukunft Bild: dpa

Die Erwartungen an Mario Götze sind hoch. Seit seiner Rückkehr zum BVB konnte er sie nur selten erfüllen. Die Amerika-Reise des Klubs gibt Anlass zu Hoffnungen auf alte Klasse.

          3 Min.

          Gut drei Stunden lang ist die Dokumentation, geteilt in vier Folgen. Die letzten Minuten sind mit dramatischer Musik unterlegt. Joachim Löw schreitet die Treppen des Fußballmuseums in Dortmund herab. Es ist der 15. Mai 2018. Der Bundestrainer gibt seinen vorläufigen Kader für die Weltmeisterschaft bekannt. Der Name von Mario Götze fehlt. Die Geschichte ist bestens bekannt, daher wird in der Doku auf einen begleitenden Text verzichtet. Nachdem sich Bundestrainer Löw in Superzeitlupe in einen Sessel gesetzt hat, beginnt der Abspann mit einer anderen Musik. Die erste Zeile des Liedes heißt übersetzt: „Ich hoffe, es geht dir bald besser.“ Aljoscha Pause, mit einem Grimme-Preis dekorierter Filmemacher, nannte die Dokumentation „Being Mario Götze“. Der Wunsch, dass es diesem außergewöhnlichen Fußballer bald wieder bessergeht, wieder so wie in den ersten Jahren im Rampenlicht, gehört zu Mario Götze wie das Tor, das Deutschland 2014 zum Weltmeister machte.

          Jetzt ist wieder die Zeit der Zuversicht gekommen. „Ich bin sehr, sehr guter Dinge“, sagte Götze, als er mit Borussia Dortmund in den Vereinigten Staaten auf Marketingtour war, die auch zur sportlichen Vorbereitung genutzt werden musste. Es gab einen Sieg über Manchester City, den Götze mit einem Elfmetertor sicherstellte, ein 2:2 gegen Benfica, bei dem Götze beide Treffer vorbereitete. Beim ersten spielte er einen perfekt dosierten Doppelpass, beim zweiten nahm er den Ball mit der Brust an und lupfte ihn elegant über den Innenverteidiger. Das sah nach Götze aus, diesem leichtfüßigen Fußballer, einst das größte Versprechen in Deutschland, bei dem sich seit Jahren die Frage stellt: Wird er diese Leichtigkeit, die Dynamik, die Torgefahr, die außergewöhnliche Klasse wieder verlässlich zeigen können?

          Vor der abgelaufenen Saison stieg Götze nach seiner langen Pause wegen einer Stoffwechselkrankheit verspätet in die Vorbereitung ein. Er war zuversichtlich, dass es nun wieder bergauf gehen würde. In der Winterpause kehrte er nach längerer Verletzungspause zurück. Götze fühlte sich bereit, eine wichtige Hilfe zu sein, um den schwächelnden BVB in die Spur zu bringen. Die Dortmunder schleppten sich mit biederem Ergebnisfußball in die Champions League, profitierten von der Schwäche der Konkurrenz. Und Götzes kurzes Hoch war zu wenig, um sich in den Kader für die WM zu retten.

          Mario Götze gibt wieder Gas: Ob er noch mal beständig auf hohem Niveau spielen kann?

          So ergab sich ein langer Urlaub. „Das war mal eine längere Pause im Sommer. Ich habe sie intensiv genutzt, um mal abzuschalten und mich dann intensiv auf die neue Saison vorzubereiten“, sagte er in Amerika. Der neue Trainer der Dortmunder, Lucien Favre, bekam ein Kompliment: „Ich finde es überragend, wie er die Dinge angeht.“ Ähnliches war vor zwölf Monaten über Peter Bosz zu hören, ein halbes Jahr später über Peter Stöger, dem Götze zum Abschied jedoch die Leviten las. „Es war definitiv nicht richtig, sich einen rauszupicken und mich quasi hinzustellen und zu sagen, ich sei ein personifizierter Misserfolg“, waren Götzes Worte, verewigt in der Dokumentation. Mario Götze – Weltmeister, fünfmal deutscher Meister, viermal Pokalsieger – ist im Juni 26 Jahre alt geworden. Zumindest ein WM-Zyklus bleibt ihm noch, um auf hohem Niveau Fußball zu spielen. „Ich fühle mich sehr gut“, sagt Götze vor der Saison, die den Sympathisanten des BVB die Zeile entlockt: „Ich hoffe, es geht dir bald besser.“

          Der Anschlag, die schmutzige Trennung von Thomas Tuchel, streikende Profis, der Absturz unter Bosz – die Umstände für Götze und seine Kollegen waren in den vergangenen Jahren schwierig. Die Vereinsführung gab schon vor Monaten bekannt, dass einige personelle Änderungen notwendig seien, um ruhigere Zeiten einzuleiten, die sportlich erfolgreich sein sollten. Es wurde so oft von einem „Umbruch“ geredet, dass es sich nach einem kompletten Austausch des Kaders anhörte. Noch bleiben die Änderungen aber im Rahmen einer üblichen Sommertransferperiode.

          Für Innenverteidiger Sokratis kam Abdou Diallo aus Mainz, für André Schürrle Marius Wolf von Eintracht Frankfurt. Der erst 19 Jahre alte Achraf Hakimi von Real Madrid soll der Außenverteidiger sein, als der sich Jeremy Toljan nicht erwies. Thomas Delaney, der von Werder Bremen kommt, ist als zentraler Mittelfeldspieler vorgesehen, der die Kollegen führt, sie mitreißt, antreibt. Ein solcher Typ war Mario Götze nie, wollte es auch nie sein. Seine Position in der neuen Mannschaft des neuen Trainers wird davon abhängen, wie Favre den BVB ausrichtet. Es deutet einiges auf ein 4-1-4-1 hin, das in ein 4-2-3-1 und ein 4-3-3 gleitet. „Ich kann mehrere Positionen spielen, es hängt vom System ab. Dass mir das Zentrum am liebsten ist, ist klar“, sagte Götze.

          Er galt sogar einmal als jemand, der sich als „Falsche Neun“ wohl fühle. Doch der Platz als spielgestaltender Stürmer, der dann auch häufig zum Abschluss kommt, fordert einen Typen, der Götze nicht mehr ist. Mario Götze ist jemand, der den Ball beschleunigt, der freie Räume erkennt, der auch mit ganz wenig Raum und ganz wenig Zeit gut zurechtkommt. Wenn er diese Stärken konstant ausspielt, ist er einer, der Mesut Özils Nachfolger in der Nationalmannschaft werden könnte. Mario Götze zu sein heißt vor allen Dingen auch, mit hohen Erwartungen leben zu müssen.

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