https://www.faz.net/-gtm-7znfj

Reus verlängert bis 2019 : Westfälisches Rührstück

Ein klares Ja zur Borussia und zu Dortmund: Nationalspieler Reus soll nun in seiner Heimatstadt eine Fußball-Ära prägen Bild: AFP

Treue angeblich ohne Hintertürchen: Der BVB setzt in harten Zeiten ein Zeichen und verlängert den Vertrag von Marco Reus bis 2019 - mit einem finanziellen Kraftakt.

          3 Min.

          Gäbe es ein Handbuch der Krisen-PR für Fußballmanager, fände sich mit ziemlicher Sicherheit ein substantieller Eintrag unter dem Buchstaben V. Vertragsverlängerungen sind ein beliebtes Mittel, um, wie es dann so heißt, ein Zeichen zu setzen in ansonsten schweren Zeiten. Oft ist der Trainer derjenige, der mit erweitertem Vertragspapier ausgestattet wird. Doch das ist bekanntlich nicht ohne Risiko – und letztlich bloße Symbolpolitik. Gelingt der Aufschwung nicht, muss meist trotzdem der Chefcoach gehen. Borussia Dortmund hat nun vorgemacht, wie man die „Strategie V“ in Perfektion umsetzt.

          Die Nachricht, dass Marco Reus seinen ohnehin noch bis 2017 gültigen Vertrag bei den Borussen vorzeitig bis 2019 verlängert hat, war das größtmögliche Signal – und somit die passende Antwort auf die größte anzunehmende Krise, die sich bei einem Verein dieses Kalibers einstellen kann. Wobei die Laufzeit als solche noch nicht einmal das wichtigste ist. Der Anlass für Dortmunder Festtagslaune besteht vielmehr darin, dass die Ausstiegsklausel, über die der Bayern-Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge einst gezielt indiskret geplaudert hatte, nach Vereinsangaben nun nicht mehr existent ist.

          Und so ließen die Verantwortlichen des BVB Statements voller Freude und Stolz in alle Welt (und sicher nicht zuletzt Richtung München) verbreiten. „Marco kann in Dortmund eine Ära prägen, so wie es vor ihm Uwe Seeler in Hamburg oder Steven Gerrard in Liverpool getan hat“, sagte Hans-Joachim Watzke, der Geschäftsführer, und fügte hinzu: „Dass sich Marco inmitten einer sportlichen Krise für den BVB entschieden hat, zeigt ein Höchstmaß an Identifikation, auf das wir sehr stolz sind.“ Sportdirektor Michael Zorc ließ sich nicht weniger begeistert zitieren: „Marco Reus hätte zu fast jedem Top-Klub auf der Welt wechseln können. Durch seine Entscheidung hat er gezeigt, dass sein Herz für seine Heimatstadt und für seinen Heimatverein schlägt.“

          In den Äußerungen der wichtigsten Entscheidungsträger klang zugleich der Ton an, der den Paukenschlag der Vertragsverlängerung noch mit einem romantischen Thema untermalte – und das gewiss nicht zufällig.

          Es hatte schon etwas von einem westfälischen Rührstück, wie sich alles um den Begriff der Heimat drehte. Reus ist in Dortmund geboren, er hat bei der Borussia in der Jugend gespielt, und schon sein Transfer aus Mönchengladbach zum BVB im Sommer 2012 für 17 Millionen Euro war mehr als Heimkehr denn als Rückkehr in Szene gesetzt worden. Dementsprechend durfte in den Kommuniqués vom Dienstag auch ein Satz von ihm in diese Richtung nicht fehlen. „Dortmund ist meine Heimatstadt, und die Borussia einfach mein Verein“, sagte Reus. „Es gibt viel zu tun, und da möchte ich kräftig mit anpacken.“

          „Echte Liebe“ also, wie der Marketing-Claim des BVB lautet? Es wird schon ein wahrer Kern dran sein. Aber man darf auch davon ausgehen, dass es nicht nur Luft und Liebe sind, die einen Profi nähren. So wird die Borussia einen ziemlichen finanziellen Kraftakt gewagt haben, um Reus die Verlängerung und vor allem den Verzicht auf eine Ausstiegsklausel schmackhaft zu machen – die Rede ist von bis zu zehn Millionen Euro Jahresgehalt. Ein Interesse an einem Verbleib des Nationalspielers dürfte auch der Ausrüster Puma gehabt haben, der Reus als eines seiner wichtigsten Testimonials im Portfolio führt. Im vergangenen Sommer erst hatte der Sportartikelkonzern angekündigt, mit bis zu fünf Prozent beim einzigen börsennotierten Bundesligaklub einsteigen zu wollen.

          Seit jenen Tagen des Aufbruchs hat sich bekanntlich eine Menge geändert. Und so ist es, gerade unter diesen neuen Vorzeichen, tatsächlich ein beachtliches Zeichen der Stärke und des Behauptungswillens, dass die Borussia Reus halten konnte. Lässt man Folklore und Finanzen gleichermaßen beiseite und richtet den Blick auf die sportliche Seite, dann ist der 25 Jahre alte Nationalspieler ohne Zweifel der wichtigste Mann im Offensiv-Ensemble der Borussia. 34 Tore und 25 Vorlagen in 72 Ligaspielen für den BVB sprechen eine deutliche Sprache. Und so hatte der Absturz bis auf Platz 18 der Tabelle auch damit zu tun, dass Reus infolge verschiedener Verletzungen zur Teilzeitkraft reduziert wurde, in dieser Saison hat er gerade mal die Hälfte der 20 Spiele bestritten.

          Bleib in meinen Armen: Marco Reus (l.)  verlängert beim BVB und Trainer Jürgen Klopp

          Die jüngste Krise hat den BVB aber in mehr als „nur“ Abstiegsgefahr gebracht. Mit jedem Spiel, das die Borussen weiter von den europäischen Plätzen wegbrachte, stieg die Wahrscheinlichkeit, dass sich Profis nach anderen Arbeitgebern umsehen. Denn auch wenn, wie es immer heißt, ein Verein das eine oder andere Jahr ohne internationales Geschäft verkraften kann, bedeutet das noch lange nicht, dass die prominenten und gewiss auch anderweitig begehrten Angestellten die entsprechende Geduld aufbringen. So drohte eine Langzeitwirkung der aktuellen Misere weit über diese Saison hinaus. Nicht zuletzt in diesem Zusammenhang kam das Ja-Wort von Reus zur rechten Zeit, wie auch Sportdirektor Zorc ausführte. Es sei „ein starkes Signal, dass wir auch weiter ambitioniert Fußball spielen wollen“, sagte er. „Ich denke, dass wir noch nicht am Ende unseres Weges sind.“

          Ob Reus’ Beispiel wirklich Schule macht, bleibt freilich abzuwarten. Das gilt auch für das größte der vielen großen Worte, die am Dienstag gesprochen wurden. „Es ist“, sagte Reus, „eine Entscheidung auch fürs Leben.“ Und auch wenn es schwerfällt, daran zu glauben – schön wäre es ja schon, wenn es so etwas wirklich gäbe in diesem Gewerbe: eine Liebesheirat ohne Ausstiegsklausel.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Die Demokratin Nancy Pelosi gerät im Weißen Haus mit Präsident Donald Trump aneinander.

          Trump gegen Pelosi : Da oben ist was nicht in Ordnung

          Syrien, Ukraine – und die eigene Partei: Donald Trump kämpft an mehreren Fronten. Das geht an die Substanz des amerikanischen Präsidenten. Das zeigt auch der heftige Streit mit Nancy Pelosi. Unterdessen verschärft sich die Konfrontation mit dem Kongress.

          Ruinerwold in Aufruhr : Polizei nimmt auch Vater der isolierten Familie fest

          Fassungslos reagieren die Einwohner des niederländischen Dorfes Ruinerwold auf die mutmaßliche Freiheitsberaubung einer ganzen Familie zu der immer mehr Details ans Licht kommen. Nun hat die Polizei einen zweiten Verdächtigen verhaftet.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.