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Mainz-Manager Heidel : Der Klassenkämpfer

Eckpfeiler des Mainzer Modells: Christian Heidel Bild: Eilmes, Wolfgang

Christian Heidel ist seit 20 Jahren Manager des FSV Mainz 05. Der einstige Geschäftsführer eines Autohauses hat sich als Fachmann für Abstiegskämpfe profiliert. Die Rheinhessen zählen auf seine Rezepte.

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          Als Jubiläumsgeschenk wird Christian Heidel die aktuelle sportliche Situation von Mainz 05 nicht gerade empfinden, auch wenn er der beste Experte für die Lösung des Problems ist. Rechtzeitig zum zwanzigsten Jahrestag seines Dienstantritts als Manager hat sich sein Team in jene Tabellengefilde manövriert, die Heidel besser kennt als jeder andere Verantwortliche im deutschen Profifußball.

          „Ich habe schon ein Dutzend erfolgreiche Abstiegskämpfe geführt. Wir haben dafür die Rezepte in der Schublade“, sagt Heidel vor dem Auswärtsspiel an diesem Samstag in Bremen. Mainz liegt nur noch drei Punkte vor dem Relegationsplatz: „Ich hätte drauf verzichten können, auch wenn Bundesliga-Abstiegskampf Luxus ist im Vergleich zur Gefahr eines Drittliga-Absturzes.“

          Seit 1. April 1992 verantwortlich für die Profimannschaft

          Tatsächlich hat Heidel in seinen zwei Jahrzehnten deutlich unerfreulichere Situationen erlebt als Rang zwölf in der Tabelle der ersten Liga. Der Anfang wurde nicht gerade von großem Fußball geprägt. Mit einem 4:1 über den FSV Saarwellingen in der Oberliga Südwest stellte Mainz die Weichen für den Sprung in die Zweitklassigkeit. Wegweisender als der Pflichtsieg war aber die Kontaktanbahnung am Rande des Spiels.

          Ein Autohaus hatte für 20.000 Mark sämtliche Eintrittskarten erworben und die Begegnung zu einem Werbeereignis gemacht. Statt 1000 Zuschauern strömten 4500 zum Drittligaspiel. Die Vorstandsmitglieder von Mainz 05 waren beeindruckt. Vor allem von dem erst 26 Jahre alten Autohaus-Geschäftsführer. „Die Verantwortlichen haben drei Tage später gefragt, ob ich nicht im Vorstand mitarbeiten möchte“, sagt Heidel.

          Die Herren in der Chefetage des FSV Mainz hießen schon damals Harald Strutz (Präsident) und Peter Arens (Vizepräsident). Sie bekamen zunächst einen Korb. Ein Jahr später aber war Heidel bereit zur Mitarbeit. Und am 1. April 1992 übernahm er endgültig die Verantwortung für die Profimannschaft, der er bis 2006 ehrenamtlich nachkam. Er war der Motor der Entwicklung eines im Profifußball bedeutungslosen Klubs. Inzwischen zählt Mainz zu den etablierten Vereinen in der Bundesligalandschaft. Und Heidel ist, seit Uli Hoeneß das Präsidentenamt bei Bayern München bekleidet, nun der dienstälteste Manager der Branche.

          FV Budenheim und Fontana Finthen

          „Ich werde mich aber nie mit ihm vergleichen wollen oder können. Das ist eine völlig andere Welt“, sagt Heidel: „Was uns eint: Wir haben oder hatten unsere Laufbahn bei einem einzigen Klub.“ Wie Hoeneß betrachtet Heidel den Einsatz für den Klub nicht als Job, sondern als eine Herzensangelegenheit. Von Kindesbeinen an ist Heidel zu den Spielen der 05er gepilgert. Seine Spielerlaufbahn nimmt sich bescheiden aus. Mit den Vorortvereinen FV Budenheim und Fontana Finthen errang er zwar ähnlich viele Meisterschaften wie Hoeneß - allerdings sechs bis sieben Spielklassen tiefer.

          Dieser Mangel an Stallgeruch weckte Misstrauen in der Branche. Der damalige Schalke-Manager Rudi Assauer bezeichnete Heidel einmal als „Autohändler“. „Auch das ist ein sehr ehrenwerter Beruf“, antwortete der 48 Jahre alte gebürtige Mainzer. „Ich war allerdings Prokurist und für 70 Mitarbeiter verantwortlich. Heute kann ich deshalb das gesamte Vertragswesen alleine abwickeln.“

          Entsprechend wenig hält Heidel von Manager- und Sportdirektoren-Diplomen, wie sie Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff kürzlich ins Gespräch brachte. Stattdessen hat sich Heidel als Autodidakt all das erworben, was er für Mainz 05 brauchte. Im Urlaub las er Fifa-Statuten, während andere Krimis verschlangen. Legendär waren zudem die Stapel an Fußball-Jahresheften in seinem Büro.

          „Alle außer Mainz 05 sind abgestürzt“

          Doch Heidel ist nicht nur der rationale Lenker, sondern auch ein Mann der mutigen Bauchentscheidung. „Er war schon immer ein Macher“, sagt Wolfgang Frank. Der heute 61 Jahre alte Trainer erweckte Mainz 05 mit Heidel aus dem Dornröschenschlaf. Erst rettete Frank den so gut wie abgestiegenen Klub 1996 vor dem Sturz in die Drittklassigkeit. Dann führte er dasselbe Team in der folgenden Saison fast zum Aufstieg. Nebenbei krempelte er den ganzen Klub um und riss dabei Heidel mit, ehe er auf dem Weg zum Bundesligaaufstieg 1997 allzu ungeduldig kündigte.

          „Ich konnte nicht verlieren, Christian aber hatte die Geduld“, erzählt Frank. Und dann sagt er einen Satz, der vermutlich alles aussagt über den „FSV Heidel 05“. „Bei allen Klubs, für die ich in meiner Trainerkarriere bisher gearbeitet habe, wurde bei meiner Verpflichtung viel gesprochen von einem ambitionierten Projekt“, sagt der heutige Trainer des belgischen Zweitligaklubs Eupen. „Alle außer Mainz 05 sind abgestürzt. Heidel und der restliche Mainzer Vorstand haben als Einzige solide gearbeitet.“

          Bevor Heidel den heutigen Trainer Thomas Tuchel vom A-Jugend-Trainer zum erfolgreichen Chef beförderte, schickte er - im tiefsten Abstiegskampf - schon 2001 genauso überraschend den mäßig begabten Rechtsverteidiger Jürgen Klopp als Coach an die Seitenlinie. Klopp reifte in den folgenden siebeneinhalb Jahren an der Seite von Heidel zu jenem Fußballlehrer, der Borussia Dortmund zu Titelgewinnen führt. In Mainz ergänzten sich die „Freunde fürs Leben“ kongenial. 2004 führte er sein Team in die Bundesliga. „Es würde den Trainer Klopp nicht ohne den Manager Heidel geben“, sagt der Meistertrainer.

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