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Der HSV zu Gast in Mainz : Lasst die Jungs einfach machen!

Hamburger Tristesse: Der Traditionsverein steckt mal wieder mitten im Abstiegskampf Bild: Imago

Der Hamburger SV steht wie kein anderer Klub für Faszination und Fehler von Traditionsvereinen – und treibt vor dem Aufeinandertreffen mit Mainz (15.30 Uhr) dem Abstieg entgegen. Als kleiner Klub zeigen die 05er zeigen, wie man es besser macht.

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          Bruno Labbadia sieht blendend aus. Er könnte gerade vom Segeln kommen. Leicht gebräunt und ohne jede Sorgenfalte nimmt er federnden Schrittes die Stufen zum Podium der Pressekonferenz. Neben dem HSV-Führungspersonal mit seinen müden, grauen Gesichtern wirkt Labbadia in diesen Tagen, als hätte er aus einer anderen Welt beim HSV festgemacht. So unverschämt erholt und unverbraucht sieht er aus.

          Michael Horeni
          Fußballkorrespondent Europa in Berlin.

          Der Trainer sitzt neben dem Medienchef des Klubs, der in seinen zwölf Dienstjahren achtzehn Trainer und ein halbes Dutzend Sportdirektoren erlebt hat. Ein Journalist fragt ihn, wie er es nun eigentlich schaffen will, dass die Mannschaft nach dem ersten Sieg nicht sofort wieder zurückfällt ins alte Grau. „Eine gute Frage“, sagt Labbadia. „Jeder Sieg bei uns bedarf eines wahnsinnigen Kraftakts. Das spürt man. Die Anstrengung für einen Sieg ist extrem.“ Und wenn man Rafael van der Vaart nach dem Spiel gegen Augsburg gehört habe, so Labbadia weiter, dann meine man, der HSV habe gerade die deutsche Meisterschaft gewonnen und nicht das erste Spiel seit Monaten. „Das sagt viel aus.“ Und nun fürchtet er, dass sein Team nach dem riesigen Kraftakt an diesem Sonntag gegen Mainz (15.30 Uhr / Live bei Sky und im Bundesliga-Ticker auf FAZ.NET) schon wieder schlappmacht. Das will Labbadia verhindern. Irgendwie.

          Das Piratenschiff mit der Totenkopffahne

          Der HSV ist ein erschöpfter Klub, das sieht man seinen Fußballspielern und seiner Führung an. Ein Klub, der dahintreibt wie ein Schiff ohne Segel. Alle Hoffnung ruht jetzt allein auf dem sommerfrischen Labbadia, dass er doch noch ein kleines Segel setzt beim HSV, um dem Piratenschiff mit der Totenkopffahne zu entkommen. Dass es so weit gekommen ist, liegt an zwei Fehlentwicklungen. Einer langfristigen, die auch andere Traditionsklubs wie Stuttgart oder Frankfurt unter ihre Möglichkeiten drücken, und einer kurzfristigen - beide hängen in diesem Fall zusammen. Und mit Thomas Tuchel.

          Labbadia hätte beim HSV bekanntlich gar nicht auf Rettungsmission sein sollen. Tuchel war der Trainer, der den HSV in eine bessere Zukunft führen sollte. Tatsächlich führte er ihn vor. Das muss man sich noch einmal klarmachen. Der frühere Mainzer Trainer hatte dem HSV vor wenigen Wochen schon seine Zusage für die Bundesliga gegeben, wenig später übermittelte er zudem seine Bereitschaft, in der kommenden Saison auch in der zweiten Liga zu arbeiten. Mehrmals hatten sich beide Seiten während der Rückrunde getroffen. Nun schien alles klar, auch mit seinem Trainerteam. So dachte der HSV.

          Bild: F.A.Z.

          Doch wenige Stunden vor dem entscheidenden Treffen verschob Tuchels Berater den Deal per SMS auf unbestimmte Zeit. Der HSV-Vorstandsvorsitzende Dietmar Beiersdorfer kochte. Er sagte dem Trainer ab, den er nicht mehr kriegen konnte. Und verpflichtete sofort den Trainer, den er kriegen konnte: Labbadia. Ein paar Tage später gab Dortmund die Verpflichtung Tuchels bekannt. Der HSV stand bedröppelt da, wie so oft in den vergangenen Jahren.

          Es war eine tiefe Sehnsucht, die den HSV dazu verleitet hatte, in der Rückrunde alles auf die am Ende falsche Karte zu setzen. Die Hanseaten hatte mit Tuchel unbedingt an die schönen Zeiten anknüpfen wollen. Ruhig, solide und konstant sollte es zugehen, so wie früher. Oder wie seit Jahren bei Mainz 05. Jenem kleinen Klub, der dem HSV und anderen Traditionsklubs wie dem VfB Stuttgart und Eintracht Frankfurt seit Jahren vormacht, wie man etwas aus seinen Möglichkeiten macht. Mehr, als es die Umstände eigentlich zulassen. Und nicht umgekehrt.

          Mainz hängt den HSV in jeder Beziehung ab. Auf lange und auf kurze Sicht. Die lange Version: Seit der Rückkehr in die Bundesliga im Jahr 2009 stand der selbsternannte Karnevalsverein an nun 200 Spieltagen nicht einen einzigen Tag auf einem Abstiegsplatz. Im Schnitt rangiert Mainz seitdem auf Tabellenplatz Platz 7,8. Die Rheinhessen sind damit genau zwei Plätze besser als der HSV (9,8), fast vier als Eintracht Frankfurt (11,4) und der VfB Stuttgart (11,5). In diesen Zahlen spiegelt sich eine strukturelle Mainzer Überlegenheit.

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