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Mainz 05 im Abstiegskampf : Beierlorzers Scheinriesen

  • -Aktualisiert am

Guter Rat ist teuer: Mainz 05 braucht eine Überraschung in Dortmund. Bild: dpa

Viel Aufwand, kein Ertrag: Nur noch drei Punkte trennen die 05er von einem Abstiegsplatz – und nun geht es nach Dortmund.

          2 Min.

          Manche Fußballspiele wirken live im Stadion schlimmer, als sie tatsächlich sind. Das 2:3 des FSV Mainz 05 gegen Union Berlin in der Hinrunde der laufenden Bundesligasaison beispielsweise fiel in diese Kategorie. Andere Begegnungen wiederum halten in der Nachbetrachtung nicht dem positiven Eindruck stand, den sie zunächst erweckten. Dazu zählt die 0:1-Niederlage der Mainzer gegen den FC Augsburg am Sonntag.

          Richtig bleibt zwar, was Florian Müller unmittelbar im Anschluss an die Partie sagte, dank derer sich die Berliner ihrer Sorgen weitestgehend entledigten: „Wir haben das Spiel nicht nach 45 Sekunden verloren.“ Erstens nämlich hatte der ehemalige Mainzer Florian Niederlechner das letztlich entscheidende Tor bereits nach 43 Sekunden erzielt. Und zweitens wirkten die Mainzer weder nach dem Gegentreffer noch nach dem Aus des nach einer Kollision mit Felix Uduokhai kurzzeitig bewusstlosen Taiwo Awoniyi schockiert, sondern willens, das Ergebnis zu korrigieren.

          Richtig bleibt auch, was Daniel Brosinski sagte: „Wir hatten das Spiel im Griff.“ Zur Wahrheit gehört aber auch, dass der 66-prozentige Ballbesitzanteil, die vielen eroberten zweiten Bälle und die in beiden Halbzeiten vorhandenen Powerplay-Phasen zwar mit 17 Torschüssen einhergingen. Ernsthaft gefordert wurde der Augsburger Torwart Andreas Luthe lediglich in der Schlussphase der ersten Halbzeit dreimal, hatte Glück, dass der frei vor ihm auftauchende Jean-Philippe Mateta nicht direkt abschloss, dass Karim Onisiwo ihn anschoss. Und er reagierte stark bei einem Mateta-Kopfball nach Brosinski-Ecke. Im Umkehrschluss lässt sich auch die Effektivität der Mainzer Angreifer bemängeln. „Wir waren in der Box zu kompliziert“, räumte Sportvorstand Rouven Schröder ein. „Schießen ist erlaubt“, sagte er im Hinblick auf das nun anstehende Auswärtsspiel in Dortmund an diesem Mittwoch (20.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-Bundesliga und bei Sky).

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          Doch es war mehr als das. Es war die gesamte Herangehensweise. Mochte man auch aus jeder Pore jedes einzelnen Spielers den unbedingten Willen spüren, das Spiel zu drehen, wie Trainer Achim Beierlorzer betonte, so war die Wahl der Mittel häufig ungeeignet. Automatismen, mit denen sich die nach ihrer Blitz-Führung tiefstehenden Augsburger auseinanderreißen ließen, waren nicht zu erkennen, die fußballerischen Elemente kamen zu kurz. Robin Quaison, der schon seit sieben Spielen auf seinen dreizehnten Treffer wartet und spätestens seit Beginn der Geisterspiele dadurch auffällt, dass er über weite Strecken einer Partie gar nicht auffällt, spielte vor der Pause zweimal geschickt in die Spitze, was zu den ersten beiden Torchancen führte.

          Nur mühsam beherrscht

          Nach dem Seitenwechsel und mit der Einwechslung Jean-Paul Boëtius’ gab es solche Ansätze etwas häufiger, der bis dahin durchsetzungsschwache Levin Öztunali kam zudem mal über die rechte Grundlinie. Die zahlreichen langen und hohen Bälle bereiteten der Hintermannschaft der Schwaben jedoch keine Probleme. Je genauer man das Ganze betrachtete, desto weniger blieb von dem Druck übrig, den die 05er entwickelten, desto mehr erinnerte ihr Auftreten an „Tur Tur“ aus Michael Endes Kinderbuch „Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer“ – an jenen Scheinriesen, der aus der Entfernung wie ein Gigant wirkte, aber, je näher man ihm kam, nach und nach auf Normalmaß schrumpfte.

          Und diesen Scheinriesen-Fußball praktizierten die Mainzer zu ausgiebig, um den Fehler aus der ersten Minute, als Moussa Niakhaté nicht auf den in seinem Rücken befindlichen Niederlechner geachtet hatte, auszugleichen.

          Der Trainer wirkte hinterher nur mühsam beherrscht. Er verlor sich in Nebenschauplätzen wie in der Forderung nach einem Elfmeter für Awoniyi, reagierte unwirsch auf die Frage, ob der Nigerianer nach dem Zusammenprall seine Zunge verschluckt und Schiedsrichter Marco Fritz Schlimmeres verhindert habe. Beierlorzers Hinweis, bei aller Enttäuschung über die Niederlage nicht die Realität aus den Augen zu verlieren, war im Übrigen unvollständig. „Wir sind immer noch drei Punkte und das bessere Torverhältnis vorne dran“, sagte er. Das war richtig. Allerdings sind es jetzt nicht mehr nur drei Punkte vor Relegationsplatz-Inhaber Düsseldorf, sondern auch auf Bremen. Und damit auf einen Abstiegsplatz.

          Zweite Überraschung?

          Achim Beierlorzer ist ohnehin ein Optimist. Auch jetzt, da Mainz 05 drei Spieltage vor Saisonende bei nur drei Punkten vor einem Abstiegsrang am Abgrund steht, wiederholt er sein Mantra: „Es gibt keine Alternative zum Optimismus“, sagt er. Zur Grundhaltung des Trainers des Fußball-Bundesligaklubs Mainz 05 passt, dass er mit dem kommenden Gegner seit jungen Tagen als Spieler gute Erinnerungen verbindet. 1990 erzielte er bei der Pokalsensation mit dem Viertligaklub TSV Vestenbergsgreuth den Führungstreffer gegen den BVB, dessen aktuelles Team Mainz 05 am Mittwoch fordert.

          Aber nicht nur daraus speist sich die Zuversicht trotz einer scheinbar aussichtslosen Ausgangsposition vor dem Duell des Tabellen-Fünfzehnten beim Zweiten. Mainz ist es in der Vorbereitung auf die Rückrunde immerhin gelungen, den BVB im Wintertrainingslager in Marbella 2:0 zu besiegen. „Auch wenn es nur ein Vorbereitungsspiel war, so ist das zumindest etwas, das Mut macht“, sagt Beierlorzer. Auch deshalb weist er Gedankenspiele von sich, möglicherweise einzelne Spieler mit Blick auf das Kellerduell am Samstag gegen Werder Bremen auch wegen drohender Gelbsperren zu schonen. „Wenn wir Spieler neu ins Team bringen, dann um frische Kräfte zu bringen“, sagt er. (dme.)

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