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Mainz 05 : René Adlers Jungbrunnen

Trainingslust: René Adler ist begeistert von Mentalität und Qualität bei Mainz 05 Bild: dpa

René Adler blüht bei Mainz 05 auf: Der Abschied vom kommenden Gegner HSV hat dem früheren Nationaltorwart gut getan. Ihm fehlt nur das eigene Bett beim prominenten Vermieter in Mainz.

          3 Min.

          Natürlich hat René Adler schon nahezu jede Situation erlebt, die einem Torwart begegnen kann. 262 Spiele in der Fußball-Bundesliga hat der 32 Jahre alte Keeper von Mainz 05 bestritten, dazu kamen 12 Länderspiele, Einsätze in Champions League und Europa League mit Bayer Leverkusen und, was für den Erfahrungsschatz eines Torwarts vielleicht noch bedeutungsvoller ist, fünf von Krisen geprägte Jahre beim Hamburger SV, den er mit seinem neuen Klub an diesem Samstag (15.30 Uhr) zum Bundesligaduell empfängt. „Die Erfahrung hilft mir, weil ich jede Spielsituation schon vielfach erlebt habe“, sagt Adler.

          Daniel Meuren
          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Und dennoch steigert sich der vor der Saison nach Mainz gewechselte Adler an diesem Trainingsmorgen in die Analyse einer alltäglichen Situation hinein. Robin Quaison hatte ihn aus spitzem Winkel mit einem Schuss ins lange Eck auf dem falschen Fuß erwischt. „Das ist so ein Klassiker, an dem man die nötige Detailarbeit erklären kann. Er dribbelt nach außen, der Verteidiger deckt das lange Eck ab, weswegen ich das Gewicht ins kurze Eck verlagere. Wenn ich das nicht mit der perfekten Bewegung mache, dann habe ich zu viel Gewicht auf dem rechten Fuß und neige dazu, nach hinten zu fallen und kann nicht mehr an den Schuss ins lange Eck kommen“, sagt Adler. „An diesen Nuancen muss man Woche für Woche arbeiten.“

          Ein Vorbild für die jungen Spieler

          Diese Arbeit an der Routine geht er mit erstaunlich frischem Ehrgeiz an. Der Wechsel vom großen HSV zum eher kleinen FSV scheint ein Jungbrunnen für den seit mehr als einem Jahrzehnt in der Bundesliga als Stammkraft tätigen Keeper. Adler wirkt befreit von der Last der schweren Jahre in Hamburg, wo er als einer der erfahrenen Spieler nahezu Woche für Woche die Dauerkrise erklären und Abstiegskämpfe und Relegationsduelle überstehen musste.

          Am Bruchweg geht es nun grundsätzlich gleichfalls gegen den Abstieg. Aber in Mainz kann Adler in Ruhe arbeiten. „Mich begeistern die Qualität und Mentalität im Training, das Trainingsniveau ist hier unglaublich stark“, sagt er. In der Zusammenarbeit mit Torwarttrainer Stephan Kuhnert, nach mehr als 30 Jahren im Klub eine Vereinslegende, scheint der Schlussmann aufzublühen. Seine Rolle als Nummer eins und auch als Vorbild für die jungen Kollegen Jannik Huth, Florian Müller und Robin Zentner hat ihm nach eigener Einschätzung einen Schub gegeben. „Das ist doch generell in jedem Beruf so, dass ein Wechsel gut tut. Man muss sich neu beweisen, man bekommt neuen Input, nachdem sich vorher Strukturen und Beziehungen abgenutzt haben“, sagt Adler.

          Antreiber: René Adler soll in Mainz Vorbild sein
          Antreiber: René Adler soll in Mainz Vorbild sein : Bild: dpa

          Das Ergebnis kann sich bislang sehen lassen. Er ist vom ersten Tag an zum erhofften Rückhalt des Tabellendreizehnten geworden. „Wir wollten bewusst einen Akzent für unser Mannschaftsgefüge setzen. René ist für uns nicht nur ein herausragender Torwart, sondern mit seiner Erfahrung auch einer, der vorneweg geht und Impulse an junge Spieler geben kann“, sagt Sportdirektor Rouven Schröder.

          Darum haben sich Schröder und Trainer Sandro Schwarz, der Adler als „besessenen Profi, sehr fleißig, sehr gewissenhaft“, beschreibt, so intensiv um den Schlussmann bemüht, nachdem dessen Vertrag beim HSV ausgelaufen war. Nach dem unglücklichen Einjahresintermezzo des Dänen Jonas Lössl im Mainzer Tor hofften sie auf mehr Stabilität. Und Adler entschied sich bewusst für den Neuanfang, statt möglicherweise auf eine Rolle als Ersatzmann bei einem Topklub zu spekulieren. Die Rolle als Nummer eins in Mainz könnte ihn nun eventuell sogar noch einmal zurück in den Fokus des Nationalteams befördern.

          Dort war Adler einst nach dem Suizid von Robert Enke zur Nummer eins aufgestiegen, eine Verletzung verhinderte aber die Teilnahme an der WM 2010, wodurch der Weg für Manuel Neuers Weltkarriere geebnet war. Adler bestritt 2013 noch ein Länderspiel, aber auch die WM 2014 verpasste er verletzt.

          Einen endgültigen Abschied vom Nationalteam hat er indes nie vollzogen. „Ich halte es für dumm, wenn man als aktiver Spieler seine Karriere in der Nationalmannschaft aus irgendwelchen Eitelkeiten heraus beendet“, sagt Adler. „Es kann die aberwitzigsten Entwicklungen geben, in denen man plötzlich gebraucht wird. Wenn Jogi anrufen würde, würde ich selbstverständlich kommen.“

          Am vergangenen Wochenende war Adler passend zum bevorstehenden Gegner in Hamburg. Der Torwart und seine Frau Lilli Hollunder haben ihr Haus behalten, in das sie nach der Fußball-Karriere wieder zurückziehen wollen. „Es war einfach gut, mal wieder im eigenen Bett zu schlafen, im eigenen Haus zu sein, wo ich mit meiner Frau bis zur Türklinke alles selbst ausgesucht habe“, sagt der an Kunst und offenbar auch an Innenarchitektur interessierte Fußballprofi. In Mainz wohnt er ebenfalls in einer eleganten Wohnung. Aber eben nur zur Miete bei einer Klubikone, die derzeit vornehmlich in Liverpool lebt. Adler ist Untermieter des in Mainz zum Startrainer gereiften Jürgen Klopp.

          Zehrende Jahre: Adler hat beim HSV viel durchgemacht
          Zehrende Jahre: Adler hat beim HSV viel durchgemacht : Bild: dpa

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