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Mainz-05-Vorstand Jan Lehmann : „Die Bundesliga bleibt immer ein gelebter Traum“

Mainz 05 gibt den Fans erstaunlich viel Mitsprache: Das Leitbild haben Sie schon angesprochen. Beim Trainingsauftakt durfte der Vorsänger der Ultras zur Mannschaft sprechen. Kritische Stimmen aus dem Altvorstand bemängeln, dass der Verein den Ultras überlassen wird. Wie weit wollen Sie als Klub gehen?

Es ist natürlich nicht so, dass der Verein den Ultras überlassen wird. Es geht immer um ein Geben und Nehmen und das war auch früher schon so. Solange unser Vertrauen nicht missbraucht wird, sehe ich keinen Anlass, nicht alle ins Boot zu holen. Unsere Ultras sind zu einem sehr großen Teil kluge Leute, mit denen man vernünftig reden kann. Das heißt nicht, dass wir alles akzeptieren, was die aktive Fanszene tut. Es wird Grenzüberschreitungen geben, die wir nicht akzeptieren. Aber wir sollten offen sein für Gespräche. Und wir stellen ja auch fest, dass das beiderseitig so gesehen wird: Die Fanszene hat unser Vereinsmotto „Unser Traum lebt“ eins zu eins übernommen. Das war vor einem Jahr noch undenkbar, da gab es zwei konkurrierende und nicht abgestimmte Abstiegskampf-Mottos.

Klare Erwartung an Trainer Sandro Schwarz und sein Team: „Man muss eben so spielen, wie Mainz 05 es sich auf die Fahnen schreibt.“
Klare Erwartung an Trainer Sandro Schwarz und sein Team: „Man muss eben so spielen, wie Mainz 05 es sich auf die Fahnen schreibt.“ : Bild: dpa

Leitbilder können auch schnell in Schubladen oder irgendwo in den Untiefen der Homepage verschwinden. Warum soll das bei Mainz 05 anders sein?

Die Gefahr sehe ich nicht, weil wir gemeinsam mit den Fans arbeiten und weil wir einander zuhören. Wir reden auch mit Trainer und Mannschaftsrat über das Leitbild, auch mit der Nachwuchsabteilung haben wir schon gesprochen, weil alle mitgestalten sollen. Es war vielleicht ein Versäumnis, ein solches Leitbild vorher nicht ernsthaft erarbeitet zu haben. Der Verein hatte seine Identität und Geschichte, aber manchmal muss man so etwas niederschreiben, damit es nicht in Vergessenheit gerät. Unser Leitbild wird nichts Künstliches, sondern etwas, hinter dem alle stehen. Wir überhöhen es nicht, schaffen aber eine Grundlage für alles, was wir künftig tun, von der Gestaltung der Geschäftsstelle bis hin zur externen Kommunikation.

Das „alte“ Mainz 05 war überzeugt, dass man das Image am besten beeinflusst durch die Geschichten im Sport. Die beiden Nichtauftstiege in den Jahren 2002 und 2003 waren das Fundament für die Geschichte vom gallischen Dorf und Karnevalsverein. Warum braucht das „neue“ Mainz 05 jetzt Impulse von außen?

Mainz 05 hat sich in den vergangenen Jahren mit sehr vielen Dingen beschäftigen müssen, die den Blick vielleicht von der Selbstvergewisserung abgelenkt haben. Wenn ein Leitbild nicht nur irgendwelche austauschbaren Claims produziert, dann ist es hilfreich. Es gibt genug Beispiele in der Bundesliga, wo Klubs etwas geschaffen haben, das klare Richtung vorgibt. So etwas hilft dann auch in sportlich schwierigen Zeiten. Was fußballerisch passiert, bleibt natürlich das am meisten Prägende – wie in Mainz ebendiese Bereitschaft, nach misslungenen Aufstiegsversuchen es noch einmal zu probieren. Man braucht es aber vor allem für Phasen, in denen man keinen Erfolg hat.

Wo sind für Sie die Grenzen des Vermarktens?

Erst einmal ist jedem bewusst, dass man Geld verdienen muss, wenn man in der Bundesliga mitspielen will. Das akzeptiert auch jeder Fan. Die Entwicklung unserer Marke, eine Identität herzustellen wird akzeptiert. Aber dabei ist wichtig, dass wir die Bedürfnisse der Zielgruppe berücksichtigen. Man entwickelt ja nicht eine Marke für den Klub oder zu seinem Selbstzweck, sondern weil man damit die Fans erreichen und mitnehmen will. Nur dann ist man auch interessant für Sponsoren, die ja über uns unter anderem auch die Fans erreichen wollen.

Große Einnahmen, aber auch viele Steuern: „Bei einem Transfer wie dem von Abdou Diallo können das durchaus mal sechs oder sieben Millionen sein.“
Große Einnahmen, aber auch viele Steuern: „Bei einem Transfer wie dem von Abdou Diallo können das durchaus mal sechs oder sieben Millionen sein.“ : Bild: dpa

Bei der Nationalmannschaft merkt man gerade, dass die Fans sehr sensibel reagieren, wenn die Marketingsprache den Boden der Realität verlässt. Wie stellen Sie sicher, dass Sie es nicht übertreiben?

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