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Mainz 05 : Volle Dosis Mainzer Fußball-Pathos

  • -Aktualisiert am

Trainiert aus seiner Sicht eine verschworene Versammlung von Gleichgesinnten: Jürgen Klopp Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Das ganz große Gefühl war weg in den letzten Partien. Verloren in der Routine, der Vorsicht, dem Kalkül. Der FSV Mainz 05 hatte nur noch seinen Stiefel heruntergekickt. Und nun hat Trainer Klopp die Notbremse gezogen.

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          Das ganz große Gefühl war weg in den letzten Partien. Verloren in der Routine, der Vorsicht, dem Kalkül. Der FSV Mainz 05 hatte nur noch seinen Stiefel heruntergekickt, es war nicht mehr viel zu sehen von der großen Leidenschaft, dem Herzblut in jeder Szene, die dem Verein und der Mannschaft in den letzten Jahren so viele Sympathien eingebracht hatte. Es war ein bißchen, als habe der Alltag die Mainzer eingeholt, und der Alltag in der Fußball-Bundesliga ist viel öfter von Langeweile bestimmt als dies die hohen Zuschauerzahlen und die überdrehten Fernsehberichte vermuten lassen.

          Klar, es gab Gründe für die schwachen Mainzer Auftritte und die daraus resultierenden Niederlagen: Die Mannschaft hat in dieser Saison mit da Silva, Thurk, Abel, Zidan und Auer wichtige Systemspieler verloren, und niemand durfte erwarten, daß die personelle Neuorientierung ohne Bruchstellen vonstatten gehen würde. Und doch waren die vergangenen Auftritte in Bielefeld und gegen Aachen ernüchternd. Ernüchternd deshalb, weil man nicht nur die neuen Problemzonen sah, sondern auch die alten Tugenden vermißte. Die Spieler bemühten sich nur noch, aber sie kämpften nicht mehr über neunzig Minuten bis an die Grenze des Zumutbaren und darüber hinaus.

          Ein Essen und ein Film

          Der Mainzer Fußball-Expreß war aus den Schienen gesprungen, er holperte nur noch dahin - und nun, nach dem deprimierenden 0:1 in Bielefeld, hat Trainer Jürgen Klopp die Notbremse gezogen. Stopp. Kurze Besinnung. Neustart. Und wieder volle Fahrt voraus.

          Die Art und Weise, wie Klopp diese Woche organisiert hat, ist typisch für ihn und den Verein. Es wurde hart trainiert, es wurde viel gesprochen - und es wurde allen Beteiligten eine ordentliche Dosis Mainz 05 verpaßt, den neuen Spielern vor allem. Nachdem Klopp am Montag die Mitglieder auf der Vereinsversammlung leidenschaftlich auf die gemeinsame Sache eingeschworen hatte, lud er tags darauf die Spieler und deren Frauen oder Freundinnen zu einem gemeinsamen Essen. Es wurde Gemeinschaft zelebriert, ohne große Reden diesmal, ohne einen Tropfen Alkohol. Es war, so Klopp, „der beste Mannschaftsabend seit fünfzehn Jahren“, eine verschworene Versammlung von Gleichgesinnten.

          Das war die Basis, und dann hat Klopp einen Film gezeigt. Einen aufwühlenden Zusammenschnitt der Mainzer Vereinsgeschichte. „Ich wollte den neuen Spielern verdeutlichen, wie besonders unsere Geschichte ist.“ Er zeigte ihnen die beiden dramatisch verpaßten Aufstiege, die Tränen, die in Berlin und Braucnschweig flossen, die jeweilige Heimkehr der Gescheiterten nach Mainz und die dort erlebte Zuneigung einer ganzen Stadt. Und dann zeigte er den Aufstieg im dritten Versuch, für Klopp so etwas wie der Beweis, „daß der Glaube Wunder bewirken kann.“ Die volle Dosis Mainzer Fußball-Pathos ließ keinen kalt, auch jene nicht, die damals nicht dabei waren. Und nun sieht Klopp die Basis geschaffen, um wieder anders auftreten zu können in den letzten Bundesligapartien, so kämpferisch wie einst, so leidenschaftlich, so unbeugsam. Der Anfang soll an diesem Freitag gegen den Tabellenführer der Bundesliga, gegen Werder Bremen, gemacht werden.

          Es könnte ein großer Abend werden...

          Bremen, das ist für Klopp „die derzeit beste deutsche Mannschaft, ein Team von ganz außerordentlicher Qualität“, und deshalb will er dem Mainzer Publikum auch keinen Sieg oder auch nur Punktgewinn versprechen, nur für eines will er garantieren: „Wir wollen ein besonderes, ein emotionales Spiel liefern, wir wollen alles aus uns herausholen. Es kann sein, daß auch das gegen Bremen nicht reicht, aber wir werden uns reinbeißen, wir werden Leidenschaft zeigen, wir geben keine Ergebnisgarantie, aber eine Einsatzgarantie. Wenn wir keine Punkte rausziehen sollten aus diesem Spiel, dann werden wir trotzdem Stärke rausziehen. Wir werden zeigen, auf welchem Weg wir weitergehen wollen.“

          Ein großer Abend, sagt Klopp, könne diese Partie gegen Bremen werden. Von seinen Spielern fordert er den Mut, munter drauf los zu spielen. Den lähmenden Respekt vor dem Bundesliga-Primus, der zuletzt Bochum in ein 0:6-Desaster führte, wollen die Mainzer gleich in der Kabine lassen. Klopp liefert seinen Spielern das leuchtende Beispiel in dieser Woche: Er wirkt zu allem entschlossen - wie noch nie in dieser Saison.

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