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Mainz 05 : Schwarmbildung am Genfer See

Eingeübte Bewegungen im Kollektiv: Mainz 05 arbeitet an der Feinabstimmung Bild: dpa

Mainz 05 arbeitet weiter an den alten Idealen: Das Defensivspiel soll sich künftig am Bewegungsverhalten von Fischen orientieren. Zudem will der Klub mit der Saisoneröffnung auf dem Domplatz wieder näher an die Mainzer rücken.

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          Niko Bungert ist in den Tagen des Trainingslagers im französischen Kur- und Badeort Évian-lès-Bains ein schöner Satz herausgerutscht. „Wir haben fünf Sterne, die Nationalmannschaft nur vier“, sagte Bungert vor der Rückkehr nach Deutschland am Donnerstag. Der designierte Kapitän von Mainz 05 ist nun nicht etwa größenwahnsinnig geworden, und er siedelt seine Bundesligamannschaft auch nicht in der sportlichen Hierarchie über dem viermaligen und deshalb mit vier Sternen gekennzeichneten Weltmeister an.

          Daniel Meuren
          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Der 28 Jahre alte Innenverteidiger, vor Julian Baumgartlinger der Favorit für das Spielführeramt, beschrieb lediglich ganz sachlich die Wohnsituation im Luxusresort oberhalb des Genfer Sees: Dort hat Mainz 05, quersubventioniert durch eine jener Agenturen, die heutzutage Trainingslager durch Vermittlung von Testspielen finanziert, im noblen Hotel Royal gewohnt, während sich Bundestrainer Joachim Löw und sein Team im kommenden Jahr im Falle der noch nicht gesicherten Qualifikation während der Europameisterschaft in Frankreich mit der zum selben Komplex zählenden Vier-Sterne-Herberge Emeritage begnügen wollen. Das kleinere Nachbarhaus erscheint dem DFB für seine Mannschaft als geeigneter als das stilvolle Stammhaus, weil das Team dort unter sich und abgeschottet vom Rest der Gästeschaft wohnen kann.

          Defensive im Schwarm

          Für Mainz 05 war die Unterkunft der Ort der spielerischen Findungsphase, nachdem Trainer Martin Schmitt in den Wochen vor dem Ausflug in die nahe seiner Walliser Heimat gelegenen Savoyer Alpen an der körperlichen Leistungsfähigkeit seines Teams gearbeitet hatte. Die Grundlagen waren also schon gelegt, „damit wir in der kommenden Saison möglichst immer mehr laufen als der Gegner“, wie Schmitt eines der klassischen Mainzer Leistungsziele definiert.

          Der Klub hält also an seinem Pressing- und Gegenpressingfußball fest, das Intermezzo des im Verlauf der vergangenen Saison entlassenen dänischen Trainers Kasper Hjulmand mit seinem Ballbesitzfußball ist also erst einmal ad acta gelegt. Statt Begriffen wie Positionsspiel und Ballstaffetten hat Schmitt nun den Begriff Schwarmbildung in den Mainzer Sprachgebrauch eingeführt.

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          Alle Spieler des Kaders, vor allem auch die bislang sechs Neuzugänge, sollen das Pressingverhalten im Verbund so verinnerlichen, dass sich das Team im Defensivspiel immer wie ein Schwarm Fische, also mit einer gewissen räumlichen Beweglichkeit, aber zugleich steter Kompaktheit bewegen soll. Dafür hat Schmitt im Trainingslager in den taktischen Übungen kontinuierlich am Zusammenspiel von Zweier-Kleinverbünden gearbeitet, die die Grundlage bilden für jede Verteidigungsstrategie. In jeder Pressingsituation muss sich der attackierende Spieler darauf verlassen können, dass er einen Kollegen hinter sich weiß, der ihn absichert. Aufbauend auf Spielen Zwei-gegen-Zwei steigerte Schmitt die taktische Feinarbeit beispielsweise am Dienstag über Vier-gegen-Vier und Sechs-gegen-Sechs bis hinauf zum abendlichen Trainingsspiel Elf-gegen-Elf. Durch die akribische Arbeit will Schmitt wieder nahe an das von Thomas Tuchel ausgelobte Ideal des Mainzer Spiels gegen den Ball herankommen.

          Ran an die Mainzer

          Ein anderes Ideal will der Klub derweil am Sonntag wieder beleben - und auch dabei geht es gewissermaßen um Schwarmbildung: Zur Saisoneröffnung verlässt der Klub anders als in den Vorjahren das Stadion vor den Toren der Stadt und kommt von 12 Uhr an ins Herz der City auf den Domplatz. Mainz 05 will mit Volksnähe ein Zeichen setzen im Werben um die Anhänger. „Die Mainzer haben den Eindruck gewonnen, dass wir als Klub nicht mehr so nahbar sind wie noch vor ein paar Jahren“, sagt Manager Christian Heidel, der in diesem Jahr nach den Großtransfers von Johannes Geis und Shinji Okazaki immerhin einen Etat von fast 100 Millionen Euro verwalten dürfte. „Ob das stimmt oder nicht, ist zweitrangig, das Gefühl der Leute ist entscheidend. Wir wollen wieder klarmachen, dass wir der Klub der Stadt sind.“

          Tonangeber: Trainer Martin Schmidt soll auch die Bindung zu den Mainzern verbessern
          Tonangeber: Trainer Martin Schmidt soll auch die Bindung zu den Mainzern verbessern : Bild: dpa

          Dafür scheint Trainer Martin Schmitt, ein bekennender Innenstadtbewohner und Café-Besucher, genau die richtige Führungskraft zur richtigen Zeit. So wie Schmitt für ehrlichen Fußball auf dem Platz steht, so ist er auch für eine enge Verbindung zu den Mainzern zu gewinnen. Entsprechend ist er in der Werbung des Klubs um Dauerkartenkäufer deutlich präsenter als der stets auf Distanz bedachte Tuchel.

          Mainz spricht Deutsch

          Schmitt verlangt auch in einem anderen Punkt Integrationsarbeit: Nachdem Mainz 05 in den vergangenen Jahren zunehmend von seiner Linie abgekommen war, vornehmlich des Deutschen mächtige Spieler zu verpflichten, will der Klub nun ein besonderes Sprachprogramm in Angriff nehmen, um die Verständigung im Team zu verbessern: Das gute Dutzend an fremdsprachigen Spielern von den Asiaten Joo-Ho Park oder dem aus Tokio neu verpflichteten Yoshinori Muto über den Argentinier Pablo de Blasis oder den Spanier Jairo bis hin zum Bulgaren Todor Nedelev soll künftig perfekt Deutsch beherrschen. Die Neuzugänge Maximilian Beister, Leon Balogun, Danny Latza, Fabian Frei und Florian Neiderlechner beherrschen die Sprache ohnehin schon.

          „Das haben wir zuletzt etwas schleifen lassen. Das hat ein wenig dem Gruppengefühl geschadet“, gesteht Heidel eine gewisse Nachlässigkeit ein. Beim Testspiel gegen Lazio Rom mit dem deutschen Stürmerstar Miroslav Klose am Mittwochabend (19.30 Uhr) soll sein Team nun beweisen, dass es nicht nur sprachlich besser klappt als beim letzten Test im Trainingslager. Dort ging Mainz 05 in einer Regenschlacht in Genf gegen den Spitzenklub AS Monaco 1:5 unter. Der Schwarm hatte im Regen offenkundig ein wenig die Orientierung verloren.

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