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Mainz 05 : Schulterschluss am Nullpunkt

Zusammenhalt soll stark machen: Mainz 05 und Trainer Sandro Schwarz (Mitte) bauen auf Mentalität Bild: dpa

Mainz 05 will Abstiegskampfstimmung erzeugen: Auf Kurztrainingslager oder Motivationspostkarten verzichtet Trainer Sandro Schwarz bewusst. Reicht das gegen die Hertha?

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          Sandro Schwarz kennt Krisen bei Mainz 05. Als Spieler hat er sie einst zu Zweitligazeiten erlebt. Und dann bekam der heute 39 Jahre alte Bundesligatrainer gelegentlich Postkarten vom Mentalcoach, der zu Zeiten von Trainer Wolfgang Frank am Mainzer Bruchweg mitgearbeitet hat am Formaufbau der Fußballer. „Auf meiner Karte stand dann beispielsweise ,Du bist der Beste auf deiner Position‘“, sagt Schwarz im Rückblick. Denselben Text habe aber auch Christof Babatz als damaliger direkter Konkurrent um den Platz im zentralen defensiven Mittelfeld bekommen. „Das hat dann nicht so richtig gepasst“, sagt Schwarz. Postkarten wird er allein deshalb wohl keine verschicken in diesen düsteren Tagen beim Tabellensechzehnten der Bundesliga, der nach der vergangenen desaströsen Woche vor der Auswärtspartie bei Hertha BSC Berlin an diesem Freitag (20.30 Uhr/live im FAZ.NET-Bundesliga-Liveticker und bei Eurosport) noch die eigenen Wunden zu lecken hat.

          Bundesliga

          Die angeknackste Psyche hat der Trainer statt mit Schriftstücken mit Arbeit auf dem Trainingsplatz wiederaufzurichten versucht. „Alle haben sich jetzt ausgekotzt in den vergangenen Tagen, Fans, Trainerteam, Verein. Der Nullpunkt ist erreicht, jetzt kann es nur aufwärtsgehen“, sagte Schwarz. „Wir müssen uns durch kleine Erfolgserlebnisse im Training wieder Selbstbewusstsein holen.“ Es gehe dabei auch nicht darum, Grundsätzliches im Spielsystem zu verändern, sondern lediglich dieses Spielsystem besser umzusetzen.

          Keine Teilnahme am Rosenmontagszug

          Für besondere Maßnahmen wie ein Kurztrainingslager hält der Trainer die Zeit auch deshalb für noch nicht gekommen. Stattdessen reisen die Mainzer sogar erst am Spieltag nach Berlin. Auch das soll zu einer Lockerheit beitragen, die für eine gute Leistung nötig ist. „Wir müssen das Kunststück vollbringen, bei aller Schärfe entspannt zu sein im Kopf. Wir dürfen nicht ständig über Fehler nachdenken. Wir müssen stattdessen Freude daran haben, auch Fehler zu machen“, sagt Schwarz. Den Rosenmontag hat die Mannschaft derweil, anders als beispielsweise der 1. FC Köln, nicht für eine kollektive Entspannungsübung genutzt. Einen Mannschaftseinsatz auf einem Zugwagen gab es nicht, höchstens privat konnten sich Spieler Ablenkung im wilden Treiben verschaffen.

          Noch während der närrischen Tage am Fastnachtsdienstag haben sich die Führungsfiguren des Vereins mit Vertretern der Fanabteilung zusammengesetzt und über das angespannte Verhältnis zwischen Klub und Anhang diskutiert. Zuletzt hatte sich die Mannschaft in Hoffenheim von den Fans veralbert gefühlt, weil sie beispielsweise als „Absteiger“ tituliert und mit Rufen wie „Wir sind Mainzer und ihr nicht“ konfrontiert wurden. Entsprechend verweigerte die Mannschaft den üblichen Gang in die Kurve. Danach hatte auch ein offener Brief des Teams bei den Fans für Verwunderung gesorgt.

          Bei dem Treffen in der Arena, das ursprünglich zum Kennenlernen zwischen dem neuen Vorsitzenden Stefan Hofmann und den Fanvertretern gedacht war, war auch Sportvorstand Rouven Schröder anwesend, Hofmann wiederum brachte noch Aufsichtsratschef Detlev Höhne mit. Beide Seiten versicherten nun einander, dass man im beiderseitigen Dialog wieder zusammenfinden wolle, nachdem der Austausch zwischen Verein und Fans, zu Zeiten von Manager Christian Heidel noch sehr intensiv, zuletzt recht sparsam war. Schröder gestand in der Runde wohl gewisse Defizite ein, bat aber auch um Verständnis aufgrund der langanhaltenden Führungskrise, die ihm sehr viele Aufgaben aufgebürdet hatte, die über seine Zuständigkeit als Sportlicher Leiter hinausgehen.

          Die Fans erklärten den Vereinsvertretern nun wohl, dass die Häme von Hoffenheim ein traditionelles Mittel der Mainzer Fans sei, mit einer Krise umzugehen. Diese Art der Frustbewältigung trage aus Sicht der Mainzer Fanvertreter dazu bei, dass es keine Gewaltexzesse oder andernorts übliche Aktionen wie eine Blockade des Mannschaftsbusses gebe. „Es gab gute inhaltliche Gespräche. Wir haben alle 05 im Herzen, das steht über allem“, sagte Schröder in der Pressekonferenz allgemein über den Austausch mit den Fans. Um den Schulterschluss mit den Anhängern noch weiter zu verstärken, hat auch Trainer Schwarz ein Treffen mit den Ultras vereinbart.

          Kann Nigel de Jong das Team führen?

          Eine bessere Stimmung rund um den Klub wird aber noch keine Spiele gewinnen. Auf dem Platz müssen es immer noch die Spieler richten. Entsprechend ist Schwarz im Training auf der Suche nach denjenigen, die auch in schwierigen Situationen Leistung bringen. Der Klub hofft zudem, dass ein gewisses Hierarchiedefizit im Team alsbald behoben ist. Klassische Führungsspieler sind außer Form, stabile Akteure wie der in Berlin gesperrte Abdou Diallo oder Jean-Philippe Gbamin haben sprachbedingt noch nicht den nötigen Einfluss.

          Soll es richten bei Mainz 05: Nigel de Jong (links, neben Abdou Diallo) ist als Führungsspieler gefragt

          Vor allem auf dem 33 Jahre alten früheren niederländischen Nationalspieler Nigel de Jong ruhen deshalb die Hoffnungen, dass er seine Routine als Führungsspieler in den Dienst der Sache zu stellen versteht. „Nigel ist ein Spieler, der vom Naturell her Dinge verändern kann“, sagt Schwarz. Nach Worten des Trainers hat sich der konditionell nach einem Jahr fast ohne Spielpraxis noch etwas schwächelnde de Jong auch das dafür nötige Standing im Team erarbeitet. Eine Postkarte vom Trainer wird er zur Bestätigung vermutlich nicht erhalten.

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