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Kampf gegen Rassismus : Mainz prescht vor und rudert zurück

Klare Botschaft: Mainz-Profi Pierre Kunde kniet nieder. Bild: EPA

Mainz 05 kämpft gegen Rassismus – und mit seiner Identifikationskrise. Weil der Klub ein bestimmtes Alleinstellungsmerkmal nicht ausreichend an seine Anhänger vermittelt bekommt.

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          Es waren bewegte Tage bei Mainz 05: Am vergangenen Wochenende gelangen mit dem Sieg in Frankfurt im Duktus von Trainer Achim Beierlorzer „ein paar schnelle Paddelschläge“ für den Auftakt des Endspurts zum Klassenverbleib. Zu Beginn der Woche preschte der Bundesliga-Klub im Kampf gegen Alltagsrassismus vor, als er die Kündigung eines Mitglieds mit dessen Verweis auf „in der Startformation neun (!!!) dunkelhäutige Spieler“ und ein Gefühl wie beim „Africa-Cup“ veröffentlichte und mit deutlichen Worten erwiderte. Und dann ruderte er wegen eines Cartoons zurück, der wie stets vor Heimspielen auf mehr oder minder lustige Art auf das anstehende Duell mit dem FC Augsburg an diesem Sonntag (15:30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-Bundesliga und bei Sky) hinweisen soll. Plötzlich war Mainz 05 nach eigener Ansicht selbst in eine Klischee-Falle getappt.

          Bundesliga
          Daniel Meuren

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          In einem kleinen Zeichentrickfilm, der die Worte Beierlorzers verarbeitete, paddelten Pierre Kunde und Moussa Niakhaté, die Torschützen gegen die Eintracht, den Konkurrenten im Abstiegskampf davon, in deren Kanus ebenfalls in Cartoon-Technik leicht überzeichnete Wiedergänger von – allerdings weißen – Führungsspielern wie der Augsburger Philipp Max saßen. Im Netz machte sich Empörung breit, der Verein ruderte zurück. „Wir haben unseren lustig gemeinten Cartoon wieder gelöscht. Vor dem aktuellen Hintergrund war es unsensibel, so zu posten, da er vereinzelt anders interpretiert wurde“, teilte der Klub via Twitter mit.

          „Sind ein wenig von unserem Weg abgekommen“

          Hinter diesen moralischen Sicherheiten und Unsicherheiten bezüglich der eigenen Haltung steckt im Klub eine tiefergehende Unruhe. Der Verein hat zwar neben vielen ausländischen Spielern, von denen neben Franzosen, Österreichern, Niederländern, einem Schweizer und Spanier lediglich der Kameruner Kunde und der Nigerianer Awoniyi beim Afrika-Cup spielberechtigt wären, so viele Eigengewächse wie noch nie: neben dem gebürtigen Mainzer Ridle Baku gleich sechs weitere Akteure, die dem eigenen Nachwuchsleistungszentrum entstammen. Dieses Alleinstellungsmerkmal in der Bundesliga bekommt der Klub aber nicht ausreichend als identitätsstiftend an seine Anhänger vermittelt. Unter viel Einsatz von Fans hat der Klub zwar ein überzeugendes Leitbild erarbeitet, das er bereits vor Monaten vorstellen wollte. Die sportliche Misere und auch die Corona-Krise haben zu einer Verzögerung geführt.

          Nun hat aber Stefan Bell, der dienstälteste Profi im Kader, offengelegt, dass er, wenngleich selbstredend nicht die rassistische Konnotation, so aber das Unbehagen des Mitglieds nachvollziehen kann. „Wir sind schon ein wenig von unserem angestammten Weg abgekommen, was den Ansatz angeht in der Kaderzusammenstellung im Gesamten“, sagte Bell in einem Podcast des SWR: „Mir geht es da nie um einzelne Spieler. Ich würde mir mehr Spieler wünschen, die lange in Mainz bleiben, dass wir nicht so viel Fluktuation haben. Das schadet irgendwo der Mannschaft, der Hierarchie, der Spielweise, wenn die Leute zu oft wechseln und nicht lange da sind. Und das macht es für die Fans ein Stück weit schwerer, sich damit zu identifizieren.“

          Sportvorstand Rouven Schröder ist diese Sichtweise zu plakativ. Er verwies auf Gegenbeispiele im Kader, wo sich beispielsweise ein Leihspieler wie Taiwo Awoniyi gerade wegen großer Identifikation aus einer sportlich nahezu aussichtslosen Lage zu einem Stammspieler für den Saisonendspurt gemausert habe. „Das Wort Identifikation ist wie Mentalität und Einstellung immer gleich schwerwiegend, weil es einfach so vielschichtig ist“, sagt Schröder. „Wenn wir gegen Augsburg gewinnen, dann haben die Leute noch mehr den Eindruck, dass die Spieler sich mit dem Verein identifizieren.“

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