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Mainz 05 : Richtungsweisende Wahl

  • -Aktualisiert am

Woher weht der Wind: Mainz 05 steht vor einer Richtungsentscheidung Bild: Burkert, Christian

Die Mitglieder von Mainz 05 tragen am Sonntag große Verantwortung: Die Entscheidung zwischen den drei Kandidaten für den Vorstandsvorsitz hat Auswirkungen auf das Kräfteverhältnis im Verein.

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          Nachdem im vergangenen Sommer die von Populismus geprägte Bewerbung des anschließend nach nur fünf Monaten zum Rücktritt gedrängten Johannes Kaluza erfolgreich war, wappnet sich Mainz 05 für den kommenden Sonntag für eine weitere außerordentliche Mitgliederversammlung: Am Sonntag sollen Mitglieds- und Personalausweis genau geprüft werden, damit nicht wie im vergangenen Sommer Fans satzungswidrig mit Ausweisen zeitlich verhinderter Mitglieder darüber entscheiden können, wer den Verein künftig vertreten und repräsentieren soll.

          Daniel Meuren
          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Das ist gut so, da die Wahl zwischen der ehemaligen Handballerin und Aufsichtsrätin Eva-Maria Federhenn (zum ausführlichen Interview), Stefan Hofmann (Interview), mehr als ein Jahrzehnt Leiter des Nachwuchsleistungszentrums, und dem im vergangenen Juni knapp unterlegenen Jürgen Doetz (Interview) richtungsweisenden Charakter haben wird bezüglich des Kräfteverhältnisses. Der Sieger wird die bislang nur auf geduldigem Satzungspapier beschriebene Rolle des ehrenamtlichen Vereins- und Vorstandsvorsitzenden in einem Gremium neben den beiden hauptamtlichen Vertretern Rouven Schröder (Sportvorstand) und Jan Lehmann (kaufmännischer Vorstand) mit Leben füllen. Er muss Dinge anpacken, die in der seit der Ankündigung des Abgangs von Christian Heidel zu Schalke 04 vor gut zwei Jahren liegen geblieben sind: Kontakte zu Sponsoren und Wirtschaft, Einfluss bei DFB und DFL, Projekte zur Entwicklung des Trainingsgeländes am Mainzer Bruchweg. Vor allem aber muss der oder die Vorsitzende endlich Ruhe in einen Verein bringen und die 05-Gemeinschaft wieder zusammenführen, die sich ihrer Identität als bundesweit als sympathisch empfundenen Vereins nicht mehr so recht bewusst zu sein scheint.

          Stärkung des Aufsichtsrats oder Machtbalance?

          Eine Wahl von Federhenn wäre eine weitere Stärkung des Aufsichtsrats, da die 50 Jahre alte, bei einer Versicherung angestellte Juristin auf Vorschlag des Kontrollgremiums kandidiert, das keinen prominenten externen Kandidaten gefunden hat wie zunächst nach Informationen von FAZ.NET beispielsweise mit dem lange Zeit in Mainz wohnhaften ehemaligen Bundesligaschiedsrichter Jochen Drees oder dem aus der Fastnacht bekannten Michael Emrich sowie einem ominösen dritten Mann, der angeblich die Wahl im Handstreich für sich entschieden hätte aufgrund seiner herausragenden Persönlichkeit, angestrebt oder zumindest angedacht war.

          Eva-Maria Federhenn: „Die Rollen des Vorstandes und des Aufsichtsrats sind in der Satzung klar beschrieben“
          Eva-Maria Federhenn: „Die Rollen des Vorstandes und des Aufsichtsrats sind in der Satzung klar beschrieben“ : Bild: Mainz 05

          Federhenn, die letztlich auf Vorschlag ihres Aufsichtsratskollegen Sven Hieronymus in die Diskussion kam, hat ihr Aufsichtsratsmandat trotz der Bewerbung nicht niedergelegt. „Ich sehe nicht das Problem. Die Mitglieder haben mich in den Aufsichtsrat gewählt. Eine Niederlage bei der Wahl bedeutet nicht, dass mir die Eignung und das Vertrauen als Aufsichtsratsmitglied verloren geht“, sagt Federhenn. „Wenn ich in den Vorstand wechseln sollte, würden mich meine alten Kollegen aus dem Aufsichtsrat genauso kontrollieren wie andere Kandidaten.“

          Doetz als Mann des Übergangs

          Bei einer Wahl des von 1988 bis zum vergangenen Sommer als Vizepräsident fungierenden Doetz würden die Mitglieder hingegen für einen starken Gegenpol zum Aufsichtsrat votieren und ein Stück verlorener Kontinuität wählen, nachdem die gesamte alte Führungsriege aus der Verantwortung geschieden ist. Die aktive Fanszene um die Ultras steht offenbar geschlossen gegen den früheren Medienmanager, weil sie ihm angebliche fanfeindliche Entscheidungen des alten Vorstands im Umgang mit Strafen wegen pyrotechnischer Vorfälle zur Last legt.

          Jürgen Doetz: „Von Montag an müssen Dinge angepackt werden“
          Jürgen Doetz: „Von Montag an müssen Dinge angepackt werden“ : Bild: dpa

          Doetz präsentiert sich derweil als Kandidat des Übergangs, der mit dem Ende der Wahl aufgrund seiner Kenntnisse in der Vereinsführung sofort „anpacken“ könne. Gemäß Satzung darf er nach Vollendung des 75. Lebensjahrs in drei Jahren nicht mehr kandidieren. „In unserer jetzigen Situation ist es gut, wenn ich als Vorsitzender mit dieser Begrenzung an die Arbeit gehe und nicht direkt eine neue Ära eines langjährigen Präsidenten anfängt“, sagt Doetz.

          Hofmann als Mann des Nachwuchses

          Der dritte aussichtsreiche Bewerber Stefan Hofmann steht derweil für die Perspektive des Vereins als Aus- und Weiterbildungsverein. Entsprechend stärkt die Jugendabteilung dem 54 Jahre alten Inhaber der Fußballlehrerlizenz den Rücken, der mit seiner Fußballkompetenz nicht in Konkurrenz treten will zu Sportvorstand Rouven Schröder. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass Fußballsachverstand ein Nachteil sein kann bei einem Verein, dessen Kerngeschäft der Fußball ist. Ich sehe mich aber definitiv nicht als zweiten Sportdirektor, da haben wir einen Topmann“, sagt er.

          Stefan Hofmann: „Ich sehe mich auch definitiv nicht als zweiten Sportdirektor, da haben wir mit Rouven Schröder zum Glück einen Topmann“
          Stefan Hofmann: „Ich sehe mich auch definitiv nicht als zweiten Sportdirektor, da haben wir mit Rouven Schröder zum Glück einen Topmann“ : Bild: Mainz 05

          Wie auch immer die Wahl ausgeht: Von Sonntag an soll Ruhe herrschen bei Mainz 05 und der Fokus aufs sportliche Überleben in der Bundesliga gerichtet sein. Darin sind sich alle Bewerber einig. Dass dies nötig ist, zeigte die Aufregung nach Äußerungen von Giulio Donati in der italienischen Sporttageszeitung „tuttosport“. Der italienische Abwehrspieler wurde dort so zitiert, dass er bei seinem Klub Mentalität und Ambitionen vermisse, die Trainingsarbeit gerade bezüglich der gravierenden Schwäche im Verteidigen von Standards bemängele und er am liebsten den Verein verlassen wolle. Das klang alles nach einer heftigen Attacke auf die Person von Trainer Sandro Schwarz, der nach Informationen von FAZ.NET bislang gerade aufgrund seiner akribischen Trainingsarbeit die volle Rückendeckung von Sportvorstand Rouven Schröder genießt. Donati dementierte umgehend auf allen möglichen Kanälen von privaten Social-Media-Accounts über den vereinseigenen Youtube-Kanal als auch ein Interview in der „Mainzer Allgemeinen“. Er sei, trotz gleicher Muttersprache wie der Journalist, vollkommen falsch verstanden und zitiert worden. Nach der Wahl am Sonntag lässt sich aufkommende Unruhe nicht mehr so leicht per Dementi aus der Welt schaffen.

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