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Mainz 05 : Mit Helau zur Augsburger Puppenkiste

Gute Laune bei Mainz 05: Am Dienstag feierten die Spieler bei der ersten Fastnachtssitzung des Vereins mit. Bild: Michael Kretzer

Das Pokalspiel beim FC Augsburg war im Oktober der Tiefpunkt der Saison. Nun kehrt Mainz 05 fürs Bundesligaspiel zurück. Seitdem hat sich fast alles zum Guten gewendet.

          Am 1. November des vergangenen Jahres musste Sandro Schwarz seine Wut in geordnete Bahnen lenken. In Mainz war Feiertag, Allerheligen. Das Trainingsgelände am Bruchweg war entsprechend menschenleer. Schwarz schaute sich immer wieder die entscheidenden Videosequenzen von jüngsten Auftritten seiner Mannschaft an. Sieben Spiele hatte Mainz 05 damals in Serie nicht gewonnen. In den ersten fünf Spielen dieser Negativserie hatte seine Mannschaft dabei nicht einmal ein Tor erzielt. Und dann schied Mainz 05 auch noch vollkommen überflüssig im DFB-Pokal in der zweiten Runde beim FC Augsburg aus.

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          Von außen, vornehmlich aus Fankreisen, wurden immer vernehmlicher Zweifel am Trainer geäußert, der dank Geburt in der Stadt und fußballerischer Vergangenheit im Klub eigentlich eine Traumbesetzung für jeden Fußballfan mit Lokalpatriotismus sein sollte. Aber Schwarz sah in der Analyse, dass es keine Krise gab. „Wir haben fast immer richtig gut gespielt, wir haben den Weg zum Tor nicht entschlossen genug angegangen. Und wir haben nur 60 oder 65 Minuten lang konzentriert agiert. Und dann haben wir uns die Butter vom Brot nehmen lassen“, sagte Schwarz. In Augsburg zwei Tage zuvor hatte er beispielsweise eine glanzvolle erste Halbzeit seines Teams gesehen auch dank der neuen Grundordnung mit einer Raute im Mittelfeld und einem gepflegten Ballbesitzfußball mit kluger Suche nach den freien Räumen beim Gegner.

          Seither kein Ausreißer mehr nach unten

          Augsburg war so ratlos angesichts der ständigen Mainzer Überzahl im Mittelfeld, dass Trainer Manuel Baum zur Hälfte der Halbzeit eine Manndeckung anordnete. Alles andere schien dem Trainer noch hoffnungsloser. Die Mainzer führten trotz ihrer Überlegenheit nur mit 2:1 zur Pause. Am Ende schieden sie nach einem 2:3 nach Verlängerung aus. Schwarz war bedient. Aber er war nicht ratlos. „Ich weiß, dass wir auf dem richtigen Weg sind“, sagte er sich und jedem, der es hören wollte damals an Allerheiligen.

          Und die Prophezeiung sollte sich bewahrheiten. Während Augsburg vor dem abermaligen Aufeinandertreffen in der Bundesliga (15.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-Bundesliga und bei Sky) seit drei Monaten auf einen Sieg wartet und in den vergangenen Tagen mit Suspendierung und Ausleihe von Innenverteidiger Martin Hinteregger und der Suspendierung von Stürmer Caiuby sowie der etwas verzweifelt wirkenden Installierung von Assistenztrainer Jens Lehmann mehr Unruhe im Verein ausgelöst hat als in der Augsburger Puppenkiste üblich, hat Mainz 05 von zehn Bundesligaspielen fünfmal gewonnen, nur gegen Dortmund und in Leipzig verloren und eine höchst komfortable Position im Mittelfeld der Tabelle erobert. Eine Revanche für die Pokalniederlage scheint deshalb trotz des Fehlens des gesperrten Kapitäns Stefan Bell sehr gut möglich. Auch die krankheitsbedingte Abwesenheit von Schwarz in den Trainingseinheiten dieser Woche sollte keine negativen Auswirkungen haben, auch wenn Assistent Jan-Moritz Lichte als Stellvertreter in klaren Worten sagte: „Es fehlt halt der Chef. Aber es hat nichta an der Trainingsgestaltung geändert. Durch Telefonate war Sandro immer auf dm Laufenden.“ Vielleicht setzte die ungewohnte Situation ohne den am Sonntag aus dem Krankenstand auf die Bank zurückkehrenden Trainer aber sogar ganz neue Reize.

          Es läuft: Mainz 05 und Trainer Sandro Schwarz haben allen Grund zu Optimismus.

          Es läuft bei den Mainzern derzeit ja ohnehin sogar so gut, dass sie sich jetzt schon selbst auf die Schippe nehmen müssen, weil es tatsächlich im Klub so unglaublich ruhig zugeht nach zuvor so langen zwei Jahren der Zerstrittenheit rund um den Abgang des früheren Präsidenten Harald Strutz und dessen Nachfolger Hans Kaluza: Am Dienstag veranstaltete der Klub aus der Hochburg der politisch-literarischen Fastnacht erstmals in 114 Jahren Vereinsgeschichte eine eigene Fastnachtssitzung. Sie wurde auch deshalb zum vollen Erfolg, weil der Klub auch vor pointierten Witzen über sich selbst und die Schwächen wie beispielsweise die fehlende Strahlkraft seit dem Ende der Ära Klopp oder die nach wie vor besorgniserregende Zuschauerentwicklung nicht zurückschreckte. Der Comedian Sven Hieronymus, Aufsichtsratsmitglied des Klubs, witzelte dann auch noch, dass die Hilfsorganisation „Mainz 05 hilft“ eingestellt worden sei, weil jetzt nicht mal mehr gegen Tabellenschlusslichter wie zuletzt den 1. FC Nürnberg verloren werde.

          Und der aus dem Vereins-TV bekannte „Pöbelrentner“ nahm sogar die Ultras auf die Schippe: „Geht doch im Dom euer Dauerschleif singe, / dann kann sich aach jeder e Kerzje mitbringe. / Unn wenn ihr die do in de Halter noischraubt, / ist anzünden sogar ausdrücklisch erlaubt.“ Da Fastnacht in Mainz viel mit der reinigend Kraft der Katharsis zu tun hat, könnten solche deutlich ausgesprochenen Worte auch dazu beitragen, Differenzen innerhalb des Klubs auf humorvolle Weise zu bereinigen.

          Die Sitzung reihte sich deshalb ein in eine ganze Serie gelungener Aktionen, die der gerade einmal seit einem Jahr tätige neue Vorstand um den Vorsitzenden Stefan Hofmann angestoßen hat: Der Klub hat sich seither das selbstironische, all die Vorurteile vordergründig ignorierende Motto „Egal, unser Traum lebt“ gegeben, sucht den intensiven Dialog mit den Fans beispielsweise bezüglich einer Studie zum Image des Klubs oder des Umbaus der Fantribüne. So erfreulich das alles läuft, kann der Verein Erfolge der Arbeit freilich noch nicht belegen. In Untersuchungen beispielsweise zur Attraktivität des Klubs in sozialen Medien liegen die Mainzer weit hinten im Bundesligavergleich. „Das spiegelt die Realität wider“, sagte Vorstandschef Hofmann. „Damit müssen wir arbeiten und einen langen Atem über mehrere Jahre haben.“ Auch wegen dieses Realitätssinns präsentieren die Mainzer in aller Offenheit die niedrigen Zuschauerzahlen, während an anderen Standorten die Besucherzahlen noch immer geschönt angegeben werden aus Angst vor den Diskussionen um eine Bundesligakrise. Eine harte Zahl macht den Mainzern freilich derzeit Mut. 27 Punkte und Rang zehn. Es sind nicht die schlechtesten Zahlen.

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