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Mainz 05 : Die falsche Zehn

Zehner fürs Grobe: Der Mainzer Niki Zimling im Zweikampf mit Wolfsburgs Christian Träsch (oben) Bild: dpa

Spielgestaltung ohne Spielgestalter: Mainz 05 verändert die Rolle des vermeintlichen Spielgestalters noch extremer als andernorts. Im direkten Vergleich mit der klassischen Interpretation durch Wolfsburgs Genius Diego bringt das einen Sieg.

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          Christoph Moritz trug eine Viertelstunde lang seinen Teil bei zum 2:0-Erfolg von Mainz 05 gegen den VfL Wolfsburg. Er wurde in der 76. Minute eingewechselt, als es nach Maxim Choupo-Motings Torerfolg aus der 60. Minute 1:0 stand. Der Neuzugang vom FC Schalke 04 hatte ganz normale Eingewöhnungsschwierigkeitenund noch keinen Ballkontakt, als Nicolai Müller in der 78. Minute das entscheidende 2:0 erzielte. Und dennoch war sein Trainer Thomas Tuchel nachher bei der Bewertung seiner Leistung noch ein Stück weit begeisterter als bei seinen Ausführungen zu beispielsweise seinem bereits viermal in dieser Spielzeit erfolgreichen Überflieger Nicolai Müller. „Christoph hat sich in die Zweikämpfe gestürzt, er hat dreimal, dabei aber nie böse Foul gespielt, weil er gierig war“, sagte Tuchel.

          Daniel Meuren

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die Bewertung von Moritz war deshalb erstaunlich, weil er nach seiner Einwechslung für Mittelstürmer Shinji Okazaki und einer taktischen Wechsel von einem 4-2-3-1-System auf eine 4-4-2-Grundordnung mit Raute nominell auf der Position des „Zehners“ agierte. Moritz war also irgendwie das, was auf der Wolfsburger Seite Diego war: Spielgestalter. Während das brasilianische Spielgestaltergenie offensiv die Fäden zog, war Moritz jedoch trotz der Überzahl nach der Gelb-Roten Karte für Luiz Gustavo (64.) fast nur defensiv beschäftigt.

          Bei der irritierenden Namensgleichheit bringt aber gerade diese Personalie zutage, warum Mainz 05 mit seinen auch im achten Bundesligajahr noch immer vergleichbar  bescheidenen Mitteln nach drei Spieltagen gleichauf liegt mit den „Superreichen“ aus Dortmund, München und Leverkusen und eben sechs Punkte vor einem volkswagenfinanzierten Krösus  wie dem VfL Wolfsburg. Während der VfL nämlich am Samstag trotz einer starken mannschaftlichen Leistung auf die ganz großen Momente seines Genius Diego in Abschluss oder der Torvorbereitung wartete, bürdete Tuchel seinem „Zehner“ eben ganz andere Aufgaben auf und ermöglichte ihm somit ganz andere Erfolge.

          Zimling gibt sich keine Nummer mehr

          Das galt vor Moritz schon für Niki Zimling, der bis zur Systemänderung die Rolle zentralen Lenkers und Denkers ausfüllte. Der 28 Jahre alte Däne war im vergangenen Winter nach Mainz gekommen, lief schon in seinem ersten Spiel als vermeintlicher Spielmacher auf und meinte anschließend, dass er alles sei, aber kein „Zehner“. Aus den Worten sprach damals die Erwartung, dass der Trainer das einmalige Experiment wohl nicht wiederholen würde.

          Tuchel hat es ausgeheckt: Mainz 05 spielt mit der falschen Zehn
          Tuchel hat es ausgeheckt: Mainz 05 spielt mit der falschen Zehn : Bild: dpa

          Mittlerweile ist Zimling, in seinen früheren Klubs wie auch in der dänischen Nationalmannschaft ein defensiver Mittelfeldspieler und Mann für die eher groben Sachen auf dem Feld, zumindest in den meisten der vom in taktischen Dingen flexiblen bis fluiden Tuchel bevorzugten Systemen die erste Wahl für die Position des sogenannten Spielgestalters. Und er muss selbst lachen, wenn er über seine Rolle im Mainzer Team spricht. „Ja, das ist schon erstaunlich“, sagt er. „Ich sehe mich aber auch heute noch nicht als Zehner. Ich würde mir eher keine Nummer mehr geben.“

          Falsche Zehn

          Nachdem die Fußballwelt in den vergangenen Jahren infolge der Neuinterpretation der Mittelstürmerrolle vornehmlich durch Lionel Messi beim FC Barcelona so lange über die „falsche Neun“ diskutiert hat, so könnte von Mainz aus nun endgültig die Debatte bezüglich der „falschen Zehn“ losgetreten werden. Auch andernorts, beispielsweise bei den Spitzenteams wie FC Bayern München oder auch bei Borussia Dortmund ist der Mann hinter der Spitze schon länger nicht mehr alleine ein Ballzauberer mit allen Freiheiten für den tödlichen Pass. In Dortmund spricht Jürgen Klopp deshalb gerne davon, dass das von seinem Team perfektionierte Gegenpressing der beste Zehner überhaupt sei. Den Luxus eines klassischen Regisseurs erlaubt sich derweil in der Bundesliga fast nur noch Wolfsburg mit seinem Diego, der in Mainz zwar elegant und mannschaftsdienlich, aber eben nicht effizient und spielentscheidend und somit letztlich ohne Nachhaltigkeit agierte.

          So extrem wie in Mainz haben sich die Gewichte indes nirgends verschoben: Der Zehner ist – je nach Spielsystem – deutlich mehr der erste Verteidiger oder hinter einer einzigen Spitze der zweite Abwehrspieler als der kreative Anführer des Teams. „Wir haben das in der Vorbereitung lange trainiert. Diese Interpretation eines Spiels ohne Zehner verschafft uns extrem viel Flexibilität im Spiel nach vorne, weil wir nicht auf einen Spielgestalter fixiert sind“, sagt Julian Baumgartlinger, der als zentraler Defensivspieler direkt hinter dem „Zehner“ agiert. „Zugleich haben wir defensiv mehr Stabilität, weil unsere defensiv geschulten Zehner die Mentalität fürs defensive Umschalten verinnerlicht haben und bereit sind, Zweikämpfe zu führen.“

          All das gepaart mit einem Reifeprozess gibt den Mainzern nach Ansicht ihres Trainers neue Möglichkeiten. „Wir sind jetzt in der Lage, ein 2:0 sicher nach Hause zu bringen“, sagt Tuchel und denkt dabei sicher an die vielleicht schmerzhafteste Niederlage seiner jungen Trainerkarriere, als Mainz 05 im Vorjahr im DFB-Pokal-Viertelfinale gegen den SC Freiburg nach einer 2:0-Führung ausschied. Damals agierte Mainz 05 noch mit einem klassischen Zehner.

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