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Mainz 05 beherrscht die Zweite Liga : Die letzten Ungeschlagenen

Ungeschlagen: Peter van der Heyden bejubelt sein Tor zum 4:0 Bild: dpa

Nur noch eine der 56 deutschen Profimannschaften ist ohne Niederlage. Mainz 05 dominiert die Zweite Liga bisher fast nach Belieben. Noch erstaunlicher ist, dass Jörn Andersen schon aus dem langen Schatten der abgewanderten Mainzer Ikone Jürgen Klopp getreten ist.

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          Die Fans im Mainzer Bruchwegstadion zeichnet schon seit jeher ein gutes Gespür für die richtige Reaktion auf Leistungen ihrer Fußballspieler vom FSV Mainz 05 aus. In dem kleinen, noch immer provisorisch aus einem Betonbauwerk und drei Stahlrohrtribünen zusammengebastelten Patchwork-Stadion werden Mannschaften nie verdammt und glorifiziert wurde eigentlich lange auch nur einer: Jürgen Klopp.

          Diese Ikone des Mainzer Fußballs arbeitet seit Saisonbeginn in Dortmund, nachdem im Vorjahr der Aufstieg misslang und alle, auch die Fans, erkannt haben, dass die lange Liebesgeschichte zwischen Klopp und Mainz nun womöglich besser in einer Fernbeziehung funktionieren könnte als in der täglichen Zusammenarbeit.

          Andersen schien wie der schlechtestmögliche Erbe Klopps

          Also verabschiedeten die Fans ihren Trainer ohne jeden Groll und mit den allerbesten Wünschen für eine große Karriere beim vermeintlichen Weltklub Dortmund - und blieben einige Monate lang allein zurück mit der Ungewissheit bezüglich der Zukunft.

          Mit Strahlkraft aus Klopps Schatten: Mainz-Trainer Jörn Andersen

          Denn Klopps Nachfolger Jörn Andersen schien vielen Anhängern der schlechtestmögliche Erbe der Kloppschen Aufbauarbeit in der einstigen „Anti-Fußballstadt Mainz“ (Zitat Manager Christian Heidel). Der Norweger war zwar mal Torschützenkönig in der Bundesliga, soeben aber war er gerade mit Kickers Offenbach aus der Zweiten Bundesliga abgestiegen.

          Ritterschlag durch die Fans

          Am Montag nun erhielt der 46 Jahre alte Bundesliga-Torschützenkönig von 1991 nach dem furiosen 5:0 (2:0)-Sieg im Spiel gegen den SV Wehen aus der Nachbarstadt Wiesbaden (siehe auch: Mainz stürmt mit 5:0 gegen Wehen Wiesbaden an die Spitze) den Ritterschlag: Zunächst feierten die Mainzer den neuen Tabellenführer der Zweiten Bundesliga mit einem Ritual, das in dieser Form nur das Bruchwegstadion kennt. Recht basisdemokratisch bestimmt der harte Kern der Fans nach dem Abpfiff per Akklamation den Spieler, dem die Ehre zukommt, die traditionelle Sieges-Humba am Zaun anzustimmen.

          Nach dem Derby-Sieg gegen den Rivalen von der anderen Rheinseite erkannten die Fans zurecht, dass aus dem Team kein einzelner hervorgehoben werden durfte. Also forderten sie nicht etwa einen der fünf Torschützen Chadli Amri, Nikolce Noveski, Felix Borja, Peter van der Heyden oder Srdjan Baljak zum Klettern auf, sondern sie skandierten „Alle an den Zaun“. Nach der Feier riefen sie dann aber doch noch einen Namen: „Andersen, Andersen“ hallte es durch das Stadionviereck. (siehe auch: Jörn Andersen im Gespräch: „Mainz 05 kam zur richtigen Zeit für mich“)

          Andersen: „Ich will mich nicht feiern lassen“

          Spätestens in diesem Moment war einer in den Herzen der Mainzer angekommen, dem das Spektakel sichtlich Unbehagen bereitete. „Ich will mich nicht feiern lassen“, sagte Andersen später. „Die Mannschaft soll feiern. Die hat 90 Minuten hervorragend gearbeitet.“ Dann führte er noch aus, dass er eben ein stiller Genießer sei und am liebsten nach dem Spiel gar nicht mehr aus der Kabine zu den Fans gekommen sei.

          Torwarttrainer Stephan Kuhnert habe ihm dann aber die Forderungen der Fans in die Kabine übermittelt. „In Mainz ist alles ein bisschen anders. Also feiere ich dann eben künftig schüchtern mit“, gab Andersen klein bei und verbeugte sich immerhin aus sicherer Entfernung an der Strafraumlinie vor der Fankurve.

          „Es ist noch keiner aufgestiegen, weil er nach sieben Spielen ungeschlagen war.“

          Man wird sehen, ob aus dem schüchternen Andersen dann nicht doch auch noch zumindest ansatzweise ein Karnevalsprinz wie Klopp wird. So oder so hat der Norweger den langen Schatten seines Vorgängers erstaunlich schnell mit seinem eigenen Glanz aufgehellt. Diese Strahlkraft verdankt sich den herausragenden Offensivleistungen der Mainzer in der jungen Saison. Andersen hat nahezu den selben, im Vorjahr denkbar knapp am Aufstieg gescheiterten Kader wie Klopp zur Verfügung und im Sturm zusätzlich den bombastischen Hünen Aristide Bancé aus Offenbach mitgebracht, der dem Mainzer Spiel eine große Durchlagskraft verleiht.

          Nun sind die Mainzer die einzige Mannschaft in den drei deutschen Profiligen ohne Niederlage, dazu stellen sie auch mit 20 Toren den erfolgreichsten Angriff. „Für diese Sachen können wir uns aber nichts kaufen“, beschwichtigt Manager Christian Heidel. „Es ist noch keiner aufgestiegen, weil er nach sieben Spielen ungeschlagen war.“

          „Mainz 05 spielt in einer anderen Liga“

          Aber immerhin gibt die Konstellation dem Treiben der Mainzer einen großen Selbstbewusstseinsschub. „Wir haben gut dafür gearbeitet, noch immer ungeschlagen zu sein“, sagt Verteidiger Peter van der Heyden. „Wir sind aber natürlich nicht unschlagbar, es wird nur sehr schwierig, uns zu schlagen.“

          Zumindest für den SV Wehen Wiesbaden war das Unterfangen definitiv eine Unmöglichkeit, wie Manager Uwe Stöver eingestand. „Mainz 05 spielt in einer anderen Liga“, sagte der einst in Mainz kickende Stöver. „Und in dieser Liga werden sie in der kommenden Saison auch spielen, weil sie ganz sicher aufsteigen.“

          Dieses Ziel hat Jörn Andersen ohne Umschweife vor der Saison für seine Mannschaft ausgegeben. Am Montag sagte er aber selbst im Rausch des Sieges dennoch einen bemerkenswert sachlichen Satz: „Irgendwann werden auch noch Rückschläge kommen. Auch damit müssen wir umgehen können.“ Die wahre Stärke der letzten Ungeschlagenen im deutschen Profifußball wird sich also erst nach der Niederlage weisen.

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