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Magath-Kommentar : Der angstvolle Blick in den Rückspiegel

In Wolfsburg besitzt Felix Magath Kultstatus Bild: dpa

Die Rückkehr von Felix Magath nach Wolfsburg ist in der Bundesliga ein neuer Höhepunkt einer rasenden Betriebsamkeit. Besonderen Charakteren reicht ein Tag, um von Rosenkrieg auf Flitterwochen umzustellen. Der Rückgriff auf Magath ist auch ein Eingeständnis.

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          Es gibt in dieser Bundesligasaison offenbar keinen Gedanken, der so absurd ist, dass er nicht umgehend in die Tat umgesetzt werden könnte. Der Wechsel von Felix Magath zurück zum VfL Wolfsburg ist auch für die an Volten und Kapriolen nicht gerade arme Liga ein neuer Höhepunkt ihrer rasenden Betriebsamkeit.

          Wenn der gesunde Menschenverstand auch überzeugt ist, dass eine Führungskraft nach einem monatelangen, knochenharten und am Ende doch vergeblichen Kampf um den Arbeitsplatz sich erst einmal eine Pause gönnen muss, dann weiß man es jetzt besser: Besonderen Charakteren reicht ein Tag, um von Rosenkrieg auf Flitterwochen umzustellen.

          Felix Magath, der durch ein paar Niederlagen zu viel, „soziale Inkompetenz“ und vielleicht auch geschäftliche Ungereimtheiten den FC Schalke 04 gespalten hat und so intensive rechtsanwaltliche Aktivitäten auslöste wie wohl kein anderer Trainer und Manager zuvor, hat schon vor der Trennung am Mittwochmorgen eine alte Beziehung neu in den Blick genommen. Der Mann, der auf Schalke den Gemeinsinn auf eine harte Probe stellte, will in Wolfsburg jetzt die neue Hoffnung verkörpern und den Retter spielen.

          Mit Magaths Abschied brach das Meisterteam auseinander

          Ein Rollentausch mit Höchstgeschwindigkeit, dass einem schwindelig werden kann. Diesmal aber muss der Meistermacher von gestern den VfL von Abstiegsplatz 17 nur um zwei Ränge nach oben hieven, um sich am Saisonende mal wieder als Gewinner feiern lassen zu dürfen – und nicht nur der für den VfL Wolfsburg zuständige Teil der Geschäftsleitung des VW-Konzerns glaubt trotz aller Turbulenzen am Rande der Besinnungslosigkeit, dass Magath diese Wende auch gelingt.

          Von den alten Wolfsburger Meistern des Jahrgangs 2009 sind bei der Rückkehr des Meistermachers nicht mehr viele da. Schon im Titeljahr war sein Wolfsburger Team gespalten angesichts der berühmt-berüchtigten Methoden Magaths, aber der glänzende Erfolg hielt unter großem Jubel zusammen, was kaum mehr zusammen sein wollte – mit Magaths überraschendem, aber genau rechtzeitigem Abschied brach das Meisterteam dann in jeder Beziehung auseinander.

          Veh, McClaren und Littbarski sind als Trainer gescheitert

          In Wolfsburg besitzt Magath dennoch, wie man heute so gerne sagt, Kultstatus. Der Gewinn des Titels wird überall, ob in der kleinsten Pizzeria oder beim größten Autobauer, ganz alleine jenem „Felix Allmächtig“ gutgeschrieben, der in Wolfsburg erstmals die Verantwortung auf der Trainerbank und auf dem Managersessel gleichzeitig für sich beanspruchte und erhielt. Und weil Magath auch nach der schmutzigen Schalker Scheidung weiter nur als Generalbevollmächtigter zu haben war, musste in Wolfsburg neben Trainer Pierre Littbarski gleich noch Manager Dieter Hoeneß gehen.

          Der Rückgriff auf Magath ist damit auch ein Eingeständnis von VW, beim VfL Wolfsburg zwei Jahre lang immer wieder die falsche Modellpolitik betrieben zu haben. Veh, McClaren und Littbarski sind als Trainer gescheitert, mit dem Abschied von Hoeneß ist aber auch das Prinzip der Gewaltenteilung im Klub gescheitert. Als eine große Innovation wird man das Engagement von Magath angesichts der Verwerfungen, die schon sein Abschied beim VfL und nun auch in Schalke hinterlassen hat, allerdings kaum bezeichnen können. Vielmehr hat die pure Angst vor dem Abstieg den VfL und VW nur verzweifelt in den Rückspiegel schauen lassen.

          Michael Horeni
          Korrespondent für Sport in Berlin.

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