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Männersport : Ich bin Fußballer. Ich kann nicht schwul sein

Homosexueller Präsident Corny Littmann: davor gewarnt, sich zu outen Bild: picture-alliance/ dpa

Der Profifußball ist eines der letzten heterosexuellen Milieus in unserer Gesellschaft. Alle schweigen, keiner bekennt sich zu seiner Neigung. DFB-Präsident Zwanziger findet es „wünschenswert, wenn jemand mal den Mut hätte, es zu sagen“.

          Er hat damals gegen Bernd Schneider, Thomas Linke und Frank Rost gespielt. Marcus Urban war ein hoffnungsvolles Talent des Fußballs in der DDR, in den achtziger Jahren war er Jugendnationalspieler und hat in der Junioren-Oberliga gespielt. Vielleicht hätte er den Sprung ins Profigeschäft geschafft, aber darüber lässt sich nur spekulieren.

          Michael Wittershagen

          Zuständig für den Sport in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Marcus Urban ist homosexuell - und vor allem an seiner Neigung gescheitert. „Ich musste Unmengen an Energie aufbringen, um meine Homosexualität zu überdecken. Es ging immer nur um Selbstkontrolle, und das hat jene Kraft gekostet, die mir dann auf dem Platz gefehlt hat.“ Mit 23 Jahren hat Urban seine Karriere als Fußballspieler beendet. Weil er den Druck nicht mehr ausgehalten hat.

          „Fußball ist eben archaisch“

          Fußball ist eines der letzten heterosexuellen Milieus. Selbst Theo Zwanziger, der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), kann das mitunter nicht glauben. Gegenüber der Zeitschrift „L-Mag - Magazin für Lesben“ erklärte er Ende Dezember: „Sicherlich wäre es wünschenswert, dass jemand mal den Mut hätte, es zu sagen.“ Warum das bisher kein deutscher Fußballspieler gemacht hat, formuliert Nationalspieler Philipp Lahm, der im Dezember auch mit dem Schwulen-Magazin „Front“ über dieses Thema sprach, so: „Vielleicht gibt es ja keinen, und wenn doch, dann fürchtet er wohl die Konsequenzen. Fußball ist eben archaisch.“

          Justin Fashanu: Der einzige Fußballprofi, der sich öffentlich zu seiner Homosexualität bekannt hat

          Diverse Studien legen nahe, dass vier bis sechs Prozent der Männer schwul seien. Diese Zahlen werden sich im Sport nicht sonderlich von der Politik, der Kultur oder anderen Berufen unterscheiden. Aber im deutschen Profifußball hält die Mauer des Schweigens dicht. Niemand, der sagt: Ich bin schwul, und das ist auch gut so. Klaus Wowereit, der Regierende Bürgermeister Berlins, hat das im Juni 2001 während eines Parteitages der Berliner SPD mit diesen Worten gemacht und viel Zustimmung dafür erhalten. Auch Moderatorinnen, Schauspieler oder Modeschöpfer haben sich in den letzten Jahren zu ihrer Homosexualität bekannt. Ganz offensichtlich aber ist der Fußball in dieser Beziehung kein Spiegel der gesellschaftlichen Entwicklung.

          Selbst Corny Littmann warnt vorm Outing

          Das ist auch Zwanziger bewusst, und er versichert deshalb, dass er persönlich, aber auch der DFB jede lesbische Spielerin und jeden schwulen Spieler unterstützen würde. Er verweist auf die DFB-Satzung, in der verankert sei, dass sich der Verband gegen jede Art von Diskriminierung einsetze. Er werde das Thema Homophobie im Fußball auch künftig ansprechen und verbindet damit und mit der zunehmenden gesellschaftlichen Reife auch in dieser Frage konkrete Hoffnungen: „Ich glaube, irgendwann wird sich ein Fußballspieler auch in Deutschland melden und sagen: Ja, ich bin homosexuell.“ Nur von St. Paulis Präsidenten Corny Littmann weiß man dies bislang, aber auch er hat immer wieder davor gewarnt, sich zu outen.

          Vor rund drei Jahren sagte der frühere Trainer der österreichischen Nationalmannschaft Otto Baric gegenüber der Schweizer Zeitung „Blick“: „Meine Spieler müssen echte Kerle sein. Also können Homosexuelle bei mir nicht spielen, höchstens gegen mich.“ Mit Fußballspielern werden stets bestimmte Rollen assoziiert. Sie werden als stark und besonders männlich angesehen - und genau dies wird Homosexuellen zumeist abgesprochen.

          Teurer Schmuck, schnelle Autos und schöne Frauen

          Einige können sich nicht vorstellen, dass schwule Fußballspieler vernünftig kämpfen und rennen können. Selbst der Bremer Torwart Tim Wiese wurde vor einiger Zeit mit diesen Vorurteilen und Schmährufen von den Tribünen aus konfrontiert, als er in einem rosafarbenen Trikot aufgelaufen ist, das er deshalb schon bald wieder in der Kabine gelassen hat.

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