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Lukas Podolski : Mehr Verfügungsmasse als Klasse

1300 Minuten ohne Tor: Weil Podolski nicht trifft, wird er von Kritik getroffen Bild: REUTERS

Das Pflichtprogramm Bundesliga ist zum Problem für Lukas Podolski geworden. Am Mittwoch darf er zu seiner Wohlfühl-Oase, der Nationalmannschaft. Doch am Samstag (18.30 Uhr) geht es für ihn und die Kollegen vom 1. FC Köln nach Leverkusen.

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          Es sind tolle Fußballtage, die Lukas Podolski bevorstehen. An diesem Samstag (15.30 Uhr / FAZ.NET-Bundesliga-Liveticker) trifft er mit dem 1. FC Köln im fünfzigsten rheinischen Derby auf Bayer Leverkusen, am Mittwoch tritt er mit der deutschen Nationalmannschaft gegen Argentinien an, drei Tage später empfängt Podolski seinen ehemaligen Arbeitgeber FC Bayern daheim im Kölner Stadion. Die Begegnungen mit den beiden Spitzenteams der Bundesliga, das ist echtes und gefühltes Pflichtprogramm für Podolski.

          Thomas Klemm

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Das Zwischenspiel gegen die argentinische Weltklasse-Auswahl dagegen empfindet er als Kür, als Ablenkung vom kölschen Alltag, der ihm mehr Frust als Lust bereitet. 1300 Bundesligaminuten sind verstrichen, seit Podolski sein einziges Tor in dieser Bundesligasaison erzielt hat: Auch weil er nicht trifft, wird er von der Kritik getroffen.

          Er müsse mehr laufen, forderte FC-Manager Michael Meier. Er müsse den Kampf annehmen, meinte Klubpräsident Wolfgang Overath. Er müsse unkomplizierter spielen, verlangt Trainer Zvonimir Soldo, bei dem Podolski immer noch nicht den richtigen Platz und die rechte Einstellung gefunden hat, um seine Fähigkeiten auszuspielen. Er wisse selbst, dass er besser spielen könne, lautet die wiederkehrende Selbsteinschätzung des genervten Podolski.

          Trainer Soldo (r.) nimmt Defensivarbeit wichtiger als seinen Star

          Podolskis Ohrfeige ist vergessen

          In der Nationalmannschaft hat der Vierundzwanzigjährige einen festen Platz sicher. Immer wieder aufkommende Kritik an dem Kölner, an seinem oft fehlerhaften Abwehrverhalten und seiner häufig überschaubaren Laufleistung, versucht Bundestrainer Joachim Löw schon im Keime zu ersticken: Podolski gehöre in der Auswahl des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) zu den talentiertesten und wichtigsten Spielern, und das nicht nur wegen seiner außergewöhnlichen Trefferquote von 37 Toren in 69 Länderspielen.

          Über Formschwankungen seiner Stammkraft schaut Löw ebenso gnädig hinweg wie über die Ohrfeige, die Podolski dem DFB-Kapitän Michael Ballack vor elf Monaten im Qualifikationsspiel gegen Wales verpasste. „Er braucht einen Trainer, der ihn auch mal in den Arm nimmt – und das macht Joachim Löw super“, sagt einer, der aus Podolskis engerem Umfeld kommt und es wissen muss.

          Pflichtprogramm als Problem

          Ein anderer Coach, der das Beste aus Podolski herauszuholen verstand, war Jupp Heynckes, der als kurzzeitiger Klinsmann-Nachfolger Podolskis dreijährige Leidenszeit beim FC Bayern zu einem versöhnlichen Ende führte. An diesem Samstag kommen sich die beiden wieder nahe – Heynckes sitzt als Trainer auf der Leverkusener Bank und könnte im Erfolgsfall den Bundesliga-Rekord auf 24 Spielen ohne Niederlage verbessern.

          Lukas Podolskis Problem ist das Pflichtprogramm, das ihm rund um das Geißbockheim abverlangt wird. Auf Anfragen, die von Medien und Sponsoren massenhaft auf ihn einprasseln, kann er Einfluss nehmen. Doch auf dem Platz tut er sich schwer, der auferlegten Rolle als Erster unter Gleichen Herr zu werden. Diverse Verletzungen haben ihn in dieser Saison zurückgeworfen, und wenn er einsatzbereit ist, dann scheinen sich manche Kollegen im Schatten des kölschen Stars zu verstecken.

          Gestandene Profis wie Stürmer Novakovic und die portugiesische Mittelfeldspieler Maniche und Petit sind ein gutes Stück davon entfernt, der Mannschaft Stabilität und Souveränität zu verleihen. Das Versteckspiel der Vorarbeiter rief zuletzt Klubpräsident Overath auf den Plan, der auch von Podolski Führungsstärke einfordert: „Er muss allen zeigen: 'Ich, Lukas Podolski, bin bereit, die Drecksarbeit zu machen.‘ Er darf nicht resignieren.“

          Lieblingsplatz hinter Novakovic

          An guten und schlechten Ratschlägen fehlt es nicht, seit Podolski im vorigen Sommer für zehn Millionen Euro zum 1. FC Köln zurückkehrte. Doch der stimmungsanfällige Stürmer tut sich schwer, den extremen Erwartungen standzuhalten. Trainer Soldo hat zwar in mehreren Vier-Augen-Gesprächen versucht, seinem Spieler etwas vom – auch selbstgemachten – Druck zu nehmen; zugleich nötigt er ihn oft zum Platzwechsel. Weil Soldo sein Defensivsystem wichtiger nimmt als seinen Star, wird Podolski zum Pendler zwischen den Positionen.

          Oft auf der ungeliebten linken Seite im offensiven Mittelfeld eingesetzt, musste er jüngst gegen den VfB Stuttgart als zweiter Stürmer auflaufen. Das Experiment ging schief, der FC verlor 1:5. Gegen Leverkusen setzt Soldo wieder auf ein 4-2-3-1-System, so dass Podolski wohl seinen zentralen Lieblingsplatz hinter Novakovic einnehmen wird. Anders als bei der Nationalelf ist der Kölner beim FC mehr Verfügungsmasse als Klasse. „Wenn es um seine Mentalität nicht so gut bestellt wäre“, sagt ein Freund Podolskis, „dann würde sich seine Lage noch viel dramatischer darstellen.“

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