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Luiz Gustavo : Schutz für den winterfesten Brasilianer

Geschmeidig auf jeder Position: Luiz Gustavo setzt sich über den Kaiserslauterer Christian Tiffert hinweg Bild: AFP

Aus dem besten Balleroberer der Bundesliga wird bei den Bayern ein Linksverteidiger. An diesem Samstag (15.30 Uhr) darf Luiz Gustavo seinen alten Kollegen aus Hoffenheim zeigen, wie er sich in seiner neuen Rolle zurechtfindet.

          Ein normaler Brasilianer ist Luiz Gustavo nicht. Er hat noch nie einen Künstlernamen getragen. Er lernte, als er mit 19 in die Bundesliga kam, sofort Deutsch. Er passte auch seine Berufseinstellung gleich den Sitten des Gastlandes an: „Gute Arbeit ist das Wichtigste.“ Und anders als viele Südamerikaner, die in der deutschen Kälte leiden wie Hunde und den Heimaturlaub eigenmächtig verlängern, hat sich Gustavo nie verspätet. So einen findet man selten: einen winterfesten Brasilianer.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Deshalb passte Luiz Gustavo – nach dreieinhalb Jahren in Hoffenheim, in denen er sich den Ruf als bester Balleroberer der Liga erarbeitet hatte – in das bewährte Beuteschema des FC Bayern. Beim Rekordmeister haben immer nur solche Südamerikaner funktioniert, die sich zuvor in der Bundesliga als alltagstauglich erwiesen hatten und die man auf dem Binnenmarkt erwerben konnte: wie Jorginho, Lucio, Zé Roberto, Pizarro oder Elber. Die Südamerikaner, die man selber importierte, blieben dagegen entweder wirkungslos (wie Sosa), bestenfalls Mitläufer (wie Demichelis) oder immer noch unerfüllte Talente (wie Breno).

          „Unser wertvollster, bester und konstantester Spieler“

          „Ich bin jetzt in einer anderen Welt“, sagte Luiz Gustavo nach Eintreffen in München. Sein Verkauf für 17 Millionen Euro brachte in Hoffenheim das Ende der Ära von Ralf Rangnick, den endgültigen Bruch mit dem großen Mäzen Dietmar Hopp. Für Rangnick war er „unser wertvollster, bester und konstantester Spieler“. Wie wertvoll Luiz Gustavo für den FC Bayern sein kann, wird er nach bisher eher unauffälligen Einsätzen an diesem Samstag (15.30 Uhr / FAZ.NET-Bundesliga-Liveticker) beweisen wollen. Dann trifft er auf seinen ehemaligen Klub.

          Als Neuling auf der Bayern-Baustelle hat man es nicht leicht. In dem Karussell von Positionen, das sich zuletzt vor allem durch die Ausfälle der Flügelspieler Arjen Robben und Franck Ribéry ergab, mussten Stützen des Teams ihre favorisierten Positionen räumen und anderswo aushelfen: Thomas Müller, am liebsten hinter den Spitzen plaziert, wechselte auf die Flügel; Bastian Schweinsteiger, am liebsten im defensiven Mittelfeld, „wo ich das Spiel vor mir habe“, rückte vor auf die Müller-Position, wo er nur noch Stürmer Mario Gómez vor sich hat.

          Personalpolitik der Bayern etwas schwunglos, ja passiv

          Und von den mittlerweile sechs „Sechsern“ im Kader – also Spielern für die Arbeit vor der Abwehr – mussten gleich drei woanders aushelfen: neben Schweinsteiger auch Anatoli Timoschtschuk (in der Innenverteidigung für den wackligen Breno) und Luiz Gustavo (hinten links für den verletzten Contento). Weil überdies Toni Kroos ausfiel, wurde die „Doppelsechs“ des FC Bayern, die noch in der Rückrunde der letzten Saison mit Schweinsteiger und Mark van Bommel die beste Europas war, durch die Notbesetzung mit Andreas Ottl und Danijel Pranjic eine, die nicht einmal mehr auf den 1. FC Köln Eindruck machte – beim blamablen 2:3 des Meisters nach 2:0-Führung vor einer Woche.

          Nicht nur das Spiel, auch die Personalpolitik der Bayern erschien zuletzt etwas schwunglos, ja passiv. Im Winter gab man Alaba und Braafheid nach Hoffenheim ab, dazu gingen die Veteranen Martin Demichelis und Mark van Bommel. Nur Luiz Gustavo kam. Nun hat man den kleinsten Profikader der Bundesliga und der Champions League. Es sind nur noch 18 Feldspieler da – darunter der bis Saisonende ausfallende Ivica Olic. Eher halbherzig bemühte der FC Bayern sich um den Kroaten Ivo Ilicevic als Flügel-Double für die verletzungsanfälligen Robben und Ribéry. Doch Kaiserslautern verkaufte ihn nicht, weil Alemannia Aachen den Ungarn Zoltán Stieber als Ilicevic-Ersatz nicht gehen ließ. Es ist eine ungewohnte Erfahrung für den mächtigsten Klub des deutschen Fußballs, bei der Kaderplanung von Personalentscheidungen eines Zweitligavereins abhängig zu sein.

          „Wenn ich hier gut spiel, kommt alles von alleine“

          Ist das bayerische Improvisationstheater nun vorbei? Mit der bevorstehenden Rückkehr von Robben und Ribéry könnten nun die meisten Topkräfte ihre liebste Position wieder übernehmen – und der FC Bayern die alte Position der Stärke. Nur für Luiz Gustavo ändert sich erst einmal nichts. Die erste halbe Stunde gegen Kaiserslautern hatte er noch auf seiner Paradeposition vor der Abwehr spielen dürfen – mit solch mäßigem Erfolg allerdings, dass ihn Louis van Gaal dann auf die Außenverteidigerposition beorderte. Der Trainer lobt den zweikampfstarken Neuzugang als „multifunktional“, sieht aber noch Anpassungsprobleme im Spielzentrum. Deshalb sei der Positionswechsel auch ein „Schutz“ für Gustavo.

          Die Umstellung ist erheblich. Die Arbeitsplatzbeschreibung eines „Sechsers“ im Spiel der Hoffenheimer, das auf Balleroberung und schnelles Konterspiel angelegt ist, sieht anders aus als bei den Bayern, die Spielkontrolle anstreben und ihren zentralen Spielern vor allem Positions- und Ballsicherheit abfordern. Der lernwillige Brasilianer klagt aber nicht. „Hier kann ich meine Träume verwirklichen“, sagt er – vor allem den vom Nationalteam und der WM 2014 in seiner Heimat. Wenn das nichts wird, würde er auch für Deutschland spielen. Und für solche Karrierepläne bleibt der FC Bayern auch als Tabellenfünfter das beste Sprungbrett. „Wenn ich hier gut spiele“, sagt Luiz Gustavo, „kommt alles von alleine.“

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