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Debatte um Lucien Favre : Dortmund-Trainer erklärt seine dubiose Andeutung

  • -Aktualisiert am

„Ich werde weitermachen“: Lucien Favre möchte in Dortmund bleiben. Bild: Reuters

Wieder wird der BVB unter Lucien Favre wohl nicht Meister. Nach dem 0:1 gegen die Bayern nimmt die Diskussion um den Trainer mächtig Fahrt auf. Nun äußert er sich zu seiner Aussage, die für Wirbel sorgte.

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          Zu den Eigenschaften des Fußballsports gehört die permanent vorhandene Möglichkeit, komplexe Zusammenhänge in ganz einfache Wahrheiten zu übersetzen. Emre Can nahm diese Chance gerne wahr nach dem desillusionierenden 0:1 von Borussia Dortmund gegen den FC Bayern, mit dem die deutsche Meisterschaft wohl entschieden ist. Zugunsten der Münchner, wie immer. Er habe ein „sehr, sehr offenes Spiel“ erlebt, sagte Can und erklärte: „An einem besseren Tag hätten wir vielleicht ein, zwei Tore geschossen.“

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          Das ist zweifellos korrekt, und fußballerisch war es sogar ein ordentlicher Tag gewesen für die Dortmunder, die ihren Teil zu einem sehr niveauvollen Wettkampf beigetragen hatten. Aber die ganze Dimension dieser folgenschweren Niederlage lässt sich dann doch nicht so einfach mit einem kleinen Verweis auf die Tagesform fassen.

          Sollte nicht noch ein Wunder geschehen, wird der BVB Ende Juni zum achten Mal in Serie an dem Versuch gescheitert sein, eine bessere Saison zu spielen als der Rivale aus dem Süden. Und das ist in diesem Jahr besonders schmerzlich. Schließlich hatten die Dortmunder mit großem Aufwand recht überzeugende Voraussetzungen geschaffen, um die Alleinherrschaft der Bayern endlich mal wieder zu brechen.

          Nachdem die Mannschaft im vorigen Jahr aufgrund von Abwehrschwächen und einem Mangel an Reife gescheitert ist, wurden Mats Hummels, Nico Schulz und Thorgan Hazard verpflichtet. Im Winter nahm der BVB mit Erling Haaland und Can teure „Gewinnertypen“ (Sportdirektor Michael Zorc) unter Vertrag, die den Charakter des Teams weiter schärfen sollten. Und der Superstar Jadon Sancho, der wahrscheinlich bald verkauft wird, ist auch noch da. Und doch waren die Bayern wieder einmal besser. „Unsere Chancen waren nicht groß genug, daran hat es gehapert“, sagte Hummels nach dem Spiel, in dem beide Teams sehr gut verteidigt hatten. Mit dem Unterschied, dass der BVB den einen Fehler zu viel machte, als Roman Bürki Joshua Kimmichs Heber über seinen Handschuh rutschen ließ.

          Erst in den kommenden Wochen und Monaten werden Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke, Sportdirektor Zorc und der externe Berater Matthias Sammer erzählen, zu welchen Überlegungen sie dieser Schlüsselmoment angestoßen hat. Klar ist aber, dass diese hochgelobte Mannschaft nicht geschafft hat, was ein ambitionierter Underdog tun muss, um den Dauerchampion vom Thron zu stoßen: über sich hinauswachsen. „Es hat ein wenig mehr Präzision gefehlt und ein wenig richtige Bewegung“, sagte Trainer Lucien Favre.

          Auf vielen Positionen begegnen sich beide Teams auf Augenhöhe, aber an einigen Stellen, im zentralen Mittelfeld zum Beispiel, agieren die Münchner reifer, effizienter und stabiler. Eine Möglichkeit zum Sieg hätte sich für die Dortmunder nur geboten, wenn die Großtalente Haaland, Sancho, Achraf Hakimi oder Julian Brandt in Topform wären. Sie alle blieben aber eher blass. Diese seltsamen Formtiefs der besten Dortmunder in den wegweisenden Spielen des Frühjahrs sind ein Hauptmotiv der beiden Jahre mit Trainer Favre.

          Wohl auch deshalb hat die Diskussion um den Trainer unmittelbar nach dem Abpfiff mächtig Fahrt aufgenommen. Zumal Favre eine etwas dubiose Andeutung über seine Zukunft machte: „Ich lese nicht die Zeitungen, aber ich weiß, wie es geht. Ich werde darüber in ein paar Wochen sprechen.“ Einen Tag später hörte sich das schon anders an: „An Aufgeben denke ich überhaupt nicht. Gestern waren wir alle enttäuscht, meine Worte im Interview direkt nach dem Spiel scheinen aber vielfach falsch verstanden worden zu sein.“ Später bei Sky wurde er noch deutlicher und schwor dem BVB die Treue: „Ich werde weitermachen. Ich habe einen Vertrag. Ich werde diesen Vertrag erfüllen. Es gefällt mir hier.“

          Dass über einen möglichen Rücktritt spekuliert werde, weil er auch bei Hertha BSC und Borussia Mönchengladbach von selbst hinschmiss, sei keine zulässige Deutung, so Favre in der „Bild“-Zeitung. „Es gibt Menschen, die mich gut kennen und wissen, was in Berlin und Gladbach wirklich vorgefallen ist“, sagte er: „Aber das hat hier in Dortmund damit mal rein gar nichts zu tun. Ich wüsste wirklich keinen Grund, warum ich aufhören sollte. Ich fühle mich wohl und wertgeschätzt.“ Dortmund sei „meine bisher schönste Trainer-Station“, so der 60-Jährige.

          Watzke sagte am Mittwoch gegenüber der „WAZ“, dass sich diese Worte lediglich auf die anstehende Saisonanalyse bezogen hätten. „Es gibt aktuell überhaupt keinen Anlass für eine Trainerdiskussion. Wir spielen eine sehr, sehr gute Rückrunde, hatten vor dem Spiel 27 von 30 Punkten geholt, sind überall gelobt worden“, sagte der Geschäftsführer. Aber sie haben eben in allen drei Wettbewerben viel zu früh ihre Titelchancen verspielt.

          Am Ende dieser Dortmunder Niederlage steht das Scheitern eines vielversprechenden Projektes: Der Trainer und sein hoch veranlagtes Team haben es nicht geschafft, dem zwischenzeitlich wankenden FC Bayern zumindest bis ins Saisonfinale Konkurrenz zu machen. Auch Sportdirektor Michael Zorc sprang Favre zur Seite: „Wir führen sicher keine Trainerdebatte. Die gibt es auch nicht. Lucien hat sich unmittelbar nach dem Spiel in einem Moment sicher etwas missverständlich ausgedrückt“, sagte er bei Sport1. „Jetzt müssen wir uns schütteln, und dann geht es weiter“, sagte Watzke. „Das wird der Trainer genauso machen, davon bin ich überzeugt.“ Das über allem stehende Saisonziel müssen sie ja erst noch erreichen: die abermalige Teilnahme an der Champions League.

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