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Ligapokal : Aus der kleinen Fußballwelt in ein neues Universum

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Keine Angst vor großen Namen: Mesut Özil gegen Carsten Ramelow Bild: Reuters

Mit Mesut Özil besitzt Schalke 04 einen Rohdiamanten. Im Ligapokalspiel bei Bayern München soll der Siebzehnjährige gleich eine tragende Rolle spielen. Die Schalker Verantwortlichen loben ihn jedenfalls schon in höchsten Tönen.

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          Angst vor den Bayern? Aber nein, die Münchner können Mesut Özil nicht schrecken. „Ich habe die Bayern schon geschlagen“, sagt er. „Ich freue mich auf sie.“ Im Juni gewann der junge Türke aus Gelsenkirchen als Mittelfeldspieler des FC Schalke 04 die deutsche Fußballmeisterschaft - im A-Jugend-Finale gegen Bayern München. Ein paar Wochen später ist der Siebzehnjährige aus dieser kleinen Fußballwelt in ein neues Universum eingetaucht. An diesem Mittwoch kickt er im Halbfinale des Ligapokals in München gegen die erste Mannschaft des FC Bayern und des deutschen Fußballs; nicht in irgendeiner Nebenrolle, nicht auf einer beliebigen Position, die gerade vakant ist, sondern im Zentrum des Mittelfeldes.

          Özil hat die Aufgabe, Regisseur Lincoln zu ersetzen, der wegen einer Sperre aus dem Wettbewerb des Vorjahres noch nicht wieder dabei ist. Den zuweilen genialen Gestalter ersetzen: Das hört sich leichter an, als es ist. Wenn es darauf ankam, hat in Schalke seit Jahren niemand den launischen Künstler Lincoln adäquat ersetzt. Özil aber trauen die Fachleute zu, diesem Anspruch eines Tages zu genügen.

          „Seine Spielintelligenz ist unglaublich“

          In der Vorrunde des Bundesligaprologs war Özil neben dem belgischen Hamburger Vincent Kompany eine der wenigen auffälligen Erscheinungen. Der Schalker gefiel nicht allein durch den gepflegten Umgang mit dem Ball. Der junge Mann, der sein Lampenfieber rasch ablegte, wußte sich auch zur rechten Zeit von der Kugel zu trennen. Und er zeigte Mut zum Torschuß. „Man kann seine Leistung nur als gut bewerten. Er ist in die Rolle Lincolns reingewachsen“, sagte der Gelsenkirchener Cheftrainer Mirko Slomka nach dem Sieg über Bayer Leverkusen.

          Beim Jubeln steht der Siebzehnjährige noch etwas hintenan

          „Özil ist schnell und ballsicher, er kann sich Torchancen erarbeiten.“ Auch Andreas Müller sieht den Nachwuchskicker auf dem Weg nach oben; der Manager hält sogar eine kleine Laudatio. „Wir wissen, was für ein großes Talent er ist. Physisch muß er zulegen, aber er spielt schlau und unbekümmert, intuitiv tut er immer das Richtige. Seine Spielintelligenz ist unglaublich. Er bringt alles mit, vor allem die Ruhe am Ball.“ Nicht von ungefähr habe Schalke ihn „so früh zu den Profis hochgezogen“.

          „Der Junge ist erst siebzehn Jahre alt“

          Die Startbedingungen scheinen günstig für den Aufsteiger, dessen Fußball-Leben bei Vereinen wie DJK Westfalia Gelsenkirchen oder Teutonia Schalke-Nord begann. Özil kickt auf einer Position, die fest an Lincoln vergeben ist. Den Westfalen fehlt jedoch eine überzeugende Alternative für den Fall, daß der Brasilianer ausfällt. Zudem kann es nicht schaden, ein wenig Konkurrenzdruck auf den mitunter launischen Lincoln auszuüben, den manche für die vorübergehende Störung des Betriebsklimas in der vorherigen Saison verantwortlich machen. Mimoun Azaouagh etwa, der inzwischen an Mainz 05 ausgeliehene vermeintliche Kronprinz, hat nicht ein einziges Spiel der Art und Güte gemacht, wie es Özil gegen Leverkusen gezeigt hat.

          Der Teenager trainiert tagtäglich mit der ersten Mannschaft. Noch hat er den Status eines sogenannten Vertragsamateurs. Da er noch nicht volljährig ist, darf er noch keinen Vertrag als Berufsspieler abschließen. Ein Profivertrag, datiert bis 2009, liege allerdings schon zur Unterschrift bereit, sagt Müller. Bei aller Begeisterung hat der erste große Auftritt aber auch Mahnungen und Warnungen hervorgerufen. „Der Junge ist erst siebzehn Jahre alt, wir sollten ihn nicht sofort nach oben schießen“, sagt Müller.

          Hauptsache, wieder einer aus Gelsenkirchen

          Özil sieht sich außerhalb der emotionalen Gefahrenzone. Die Bodenhaftung verlieren? „Das wird nicht passieren“, sagt er. „Ich bin ein sehr ruhiger Typ.“ Die Frühphase der Karriere Özils erinnert an den Aufstieg seines Dortmunder Landsmannes Nuri Sahin. Der Borusse gab vor einem Jahr beim Saisonstart in Wolfsburg als jüngster Bundesligaspieler der Geschichte sein Debüt in der höchsten deutschen Spielklasse. Sogleich wurde er gefeiert und gefordert, wann immer sich die Gelegenheit dazu bot.

          Inzwischen hat Sahin acht A-Länderspiele für die Türkei bestritten. Vom Eintritt in die Nationalmannschaft träumt auch Özil, den weder der deutsche noch der türkische Verband bisher für eine Auswahlmannschaft rekrutiert hat. Falls der Deutsche Fußball-Bund mit dem türkischen Verband beim Werben um die Dienste Özils konkurrieren sollte, wäre der DFB chancenlos. Die Entscheidung fiele dem jungen Mann leicht. Im Herzen habe er sie vorsorglich schon getroffen, sagt er.

          Wie seine beiden Arbeitskollegen Hamit und Halil Altintop, die wie er aus Gelsenkirchen stammen, würde Özil sich für das Land seiner Väter entscheiden. „Ich bin schließlich Türke.“ Den Schalkern wird es egal sein, ob er für Deutschland oder für die Türkei kickt. Hauptsache, wieder einer aus Gelsenkirchen.

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