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Lewis Holtby : Eine letzte Saison beim HSV in Trümmern

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Lewis Holtby wird nach seiner Suspendierung kein Spiel für den HSV mehr bestreiten. Bild: Picture-Alliance

Der HSV bangt um den Wiederaufstieg in die Bundesliga. Lewis Holtby spielt dabei keine Rolle mehr. Er war die Personifizierung des Hamburger Niedergangs – jetzt steht er exemplarisch für die aktuellen Probleme.

          Vor einem Jahr fühlte sich das Leben als Fußballprofi plötzlich wieder richtig gut an. Lewis Holtby hatte einen Trainer gefunden, der ihm vertraute. Christian Titz war nach Markus Gisdol und Bernd Hollerbach der dritte Coach des Hamburger SV in der Saison 2017/18, und dieser Titz war Holtbys Glücksfall, denn die beiden kennen sich aus Zeiten, als Holtby bei ihm Individualtraining nahm. Die letzten acht Spiele bestritt Holtby in der vorerst letzten Bundesligasaison des HSV. Zuvor hatte er von Spieltag zehn bis 26 keine Rolle gespielt. Er schoss fünf Tore, und weil der HSV vier Mal siegte, blieb der Klassenverbleib eine vage Hoffnung. Bekanntlich reichte es nicht. Aber an Holtby hatte es am Ende weniger gelegen. Eher überraschte es, dass sich der von Gisdol aussortierte und von Hollerbach unberücksichtigte Mittelfeldspieler zum Chef aufschwang.

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          Doch wie es beim HSV so oft ist, währte das Glück nur kurz. Als im Oktober 2018 Hannes Wolf auf Titz folgte, schwanden Holtbys Chancen, bei der Mission Wiederaufstieg mithelfen zu dürfen. Für Wolf ist der 27 Jahre alte Deutsch-Brite ein Ergänzungsspieler. Nicht einmal das wird er in den verbleibenden drei Spielen mehr sein. Während der HSV im niedersächsischen Ort Rotenburg weilt und dort die Sinne für das vorletzte Heimspiel an diesem Samstag (13.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur 2. Fußball-Bundesliga und bei Sky) gegen den FC Ingolstadt schärfen will, ist Holtby suspendiert. Er wird nicht mehr für den HSV auflaufen.

          Es ist leicht, den Stab über ihn zu brechen: Talent verschleudert, Millioneneinkommen, die Raute auf der Brust einmal zu viel öffentlichkeitswirksam geküsst im großen, aber unglaubwürdigen Bekenntnis zum HSV. Wer den Hamburger Sportverein nicht mag, konnte alle Häme verlässlich auf Holtby projizieren. Aber wie immer gibt es auch eine andere Seite. Nach drei Jahren als Stammspieler ist Holtby seit Oktober 2017 so oft zwischen Stammplatz und Tribüne hin und her geschoben worden, dass er ein wenig die Orientierung verloren haben mag. Und so steht dieser hochbezahlte Mittelfeldspieler exemplarisch für die aktuellen Probleme dieses HSV. Es fehlt einfach an Stetigkeit, oder: Wie soll einer die Kastanien aus dem Feuer holen, den der eine Trainer in die Nationalmannschaft lobt, der nächste aber aus dem Kader streicht?

          Natürlich hätte Holtby durchgängig mit Leistung überzeugen können, keinem Trainer die Wahl lassen zwischen drauf oder draußen. Unter Bruno Labbadia gelang das am besten. Auch Gisdol schien sicher gewesen zu sein, dass es besser sei, mit Holtby aufzulaufen. Da allerdings hatte Holtby sein Etikett als Profiteur Hamburger Großmannssucht längst aufgeklebt bekommen, denn der „Spiegel“ hatte Ende 2016 im Rahmen der „Football Leaks“ sein Grundgehalt in Höhe von knapp 300.000 Euro im Monat brutto veröffentlicht. Geldgierig oder clever verhandelt? Eher Letzteres, schließlich war der frühere Sportchef und Vorstand Dietmar Beiersdorfer bereit, so viel zu zahlen. Doch der HSV war nun ein Abstiegskandidat, und der frühere Nationalspieler Holtby die Personifizierung des Niedergangs, allein deswegen, weil kein anderer so lange dabei ist.

          Dass sein Jubel bei den Hamburger Fans auf dem Zaun, das Bekenntnis zur Raute und mancher Satz in der Interviewzone authentischer gewirkt hätten, wären ihm dauerhaft starke Leistungen gelungen, ist logisch. Unbeliebt ist er bei den HSV-Anhängern indes nie gewesen.

          Ob es gut war, mit den langjährigen Erstligaspielern Holtby, Sakai, Hunt und Lasogga in die zweite Liga zu gehen? Die erfahrenen Kräfte sollten die Aufstiegsversicherung sein. Holtby hatte für seinen Vertrag auf viel Geld verzichtet. Womöglich in der gefühlten Verantwortung, etwas Kaputtes reparieren zu wollen. Erfahrung, Ballsicherheit, Torgefahr: Dafür sollten die vier stehen. Nun ist Holtby weg, Lasogga trifft nicht, Sakai sitzt auf der Bank, und Hunt war lange verletzt.

          Lewis Holtby erfuhr im März von Sportchef Ralf Becker, dass sein Vertrag erwartungsgemäß nicht verlängert wird. Vor dem Spiel bei Union Berlin am vergangenen Sonntag entnahm er der Trainings-Aufstellung, dass er dort nicht in der Startelf stehen würde. Aus dem Frust heraus bat Holtby Trainer Wolf dann, nicht nach Berlin mitkommen zu müssen. Als ihm später auffiel, welche Dummheit er begangen hatte, war es zu spät. Nun liegt Holtbys letzte Saison beim HSV in Trümmern.

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