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Lewis Holtby im Gespräch : „Ich bin noch der Junge aus einem kleinen Dorf“

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„Ich bin mit 20 reifer als andere mit 23 oder 24”: Lewis Holtby Bild: dapd

Herrliche Aussichten: Der Mainzer Lewis Holtby spricht im FAZ.NET-Interview vor dem Spiel gegen den Hamburger SV am nächsten Samstag über seinen rasanten Aufstieg, die Mainzer Siegesserie, das Vorbild Schweinsteiger und englischen Humor.

          Ihre Entwicklung ist erstaunlich. Nicht nur am Ball, auch an der Messlatte. In den Berichten der letzten drei Wochen waren Sie mal 1,67 Meter groß, mal 1,70, mal 1,74 und mal 1,76. Wie groß sind Sie wirklich?

          1,67? Da ist ja sogar der Marko Marin größer. Wir haben noch am Dienstag nachgemessen. Das Resultat: 1,765. Auf die 5 bin ich besonders stolz.

          Da sind Sie wohl gleich noch ein wenig gewachsen, als Ihnen Bundestrainer Löw ein Debüt im Nationalteam im November in Schweden in Aussicht stellte. Was würde Ihnen diese Berufung bedeuten?

          Ich träume jeden Tag davon. Während der WM war ich noch als Fan dabei, feuerte beim Public Viewing in den Fanzonen in Frankfurt und Mainz das deutsche Team an. André Schürrle und ich standen da und sagten: Schau mal, der Thomas Müller, Wahnsinn. Der ist ja kaum älter als wir.

          Holtby beim Training mit dem Mainer Kollegen Löw (l.): „Jedes Training ist eine Wonne”

          Es gibt viele gute junge Spieler, das bedeutet für Sie aber auch: Der Konkurrenzkampf im Nationalteam wird in den nächsten Jahren besonders hart.

          Das ist doch großartig. Ich glaube, wir könnten eine zweite A-Nationalmannschaft bilden, und die wäre immer noch in den Top 20 der Welt. Dieses Luxusproblem hätten andere Länder gern. Die Zukunft des deutschen Fußballs sieht goldig aus.

          Sie haben im September erklärt, für Deutschland spielen zu wollen, nicht für England, die Heimat Ihres Vaters. Warum?

          Diese Entscheidung fiel beim ersten Länderspiel mit den Junioren. Als ich die Nationalhymne hörte, war die Sache für mich klar. Ich habe Stolz gespürt.

          Wie sehr sind Sie Engländer?

          Ich liebe den englischen Humor, bin ein absoluter Teetrinker und habe die englischen langen Ohren (lacht). Als ich noch mehr Freizeit hatte, habe ich auch gern Kricket gespielt.

          Abgesehen von der schrumpfenden Freizeit: Verändert der Aufstieg zum Star Ihr Leben?

          Das wird den Lewis nicht verändern. Ich bin immer noch der Junge aus einem kleinen Dorf im Westen, mit der Familie und dem Freundeskreis dort in Gerderath. Ich bleibe auf dem Boden.

          Aber überall werden Sie nun von Fans und Kritikern in den Himmel gehoben.

          Ich bin kein Tennisspieler, daher kann kein Spieler eine Partie alleine entscheiden. Wir sind elf Männer, die Kilometer fressen. Und jeder sieht, dass wir in Mainz richtig Bock auf Fußball haben. Das ist für mich kein Job. Jedes Training ist eine Wonne, ein Dankeschön.

          Der Fußball von Mainz 05 wird oft mit dem in der Premier League verglichen. Ist das ein Vorbild für Sie?

          Früher war die Premier League besser, aber die Bundesliga kommt sportlich immer näher. Wirtschaftlich ist sie schon jetzt auf Top-Niveau. Für einen Spieler ist das wichtig. Man kriegt das mit und macht sich Gedanken, wenn der Klub hohe Schulden hat wie Liverpool oder Barcelona.

          Die aktuellen Jungstars im Nationalteam wie Özil, Müller, Khedira konnten ihre Profikarriere gleich bei einem Top-Team der Bundesliga beginnen. Sie haben einen längeren und härteren Weg nehmen müssen.

          Das war eine Wahnsinnsschule. Erst die harte Zweitliga-Schule in Aachen mit viel Körpereinsatz und harten Tacklings. Dann Felix Magath in Schalke, einer der besten Trainer in Deutschland. Dann, mit 19 Jahren, Abstiegskampf in Bochum. Und jetzt in Mainz die Arbeit mit einem jungen, erfrischenden Trainer. Das alles war die perfekte Entwicklung für mich. Ich bin immer reifer und klarer im Kopf geworden. Diese verschiedenen Stationen haben bewirkt, dass ich mit 20 Jahren reifer bin als andere mit 23 oder 24.

          Wo möchten Sie in Ihrer persönlichen Entwicklung hinkommen?

          Ich hoffe, ein kompletter Spieler zu werden. Ich versuche, es so hinzukriegen wie Bastian Schweinsteiger. Der war früher auch ein lustiger und verrückter Typ und ist heute ein reifer Spieler mit einer unglaublichen Präsenz auf dem Platz. Ich glaube, dass er für jeden jungen Spieler in Deutschland ein Vorbild ist.

          Magath hat Sie gleich am Ende Ihres ersten Bundesligaspiels öffentlich in den Senkel gestellt, weil Sie in der Nachspielzeit in Nürnberg bei 2:1-Führung bei einem Konter zu egoistisch waren.

          Das war wichtig für meine Karriere. Danach war ich zwei, drei Monate lang gehemmt, nicht frei im Kopf. Aber dann war ich ihm für den Aufwecker dankbar.

          Und was lernen Sie bei Thomas Tuchel?

          Ich bin ruhiger am Ball geworden, treffe mehr klare Entscheidungen. Ich bin explosiver, körperlich stärker, lasse mich nicht herumschubsen. Und dazu bin ich auch abseits des Platzes vom Kopf her professioneller geworden, kann mich total fokussieren und fixieren auf den Fußball.

          Auffällig ist nicht nur Ihre Torgefahr (neben zwei eigenen Treffern sieben Torvorlagen in sieben Spielen, Ligaspitze), - sondern auch Ihr verbessertes Defensivverhalten.

          Laufstark war ich schon immer, jetzt kitzele ich aber mehr aus meinem Zweikampfverhalten heraus. Tuchel hat mir gezeigt, wie ich den Gegner besser anlaufe und besser zustelle. Dadurch gelingen mir viel mehr Balleroberungen. Die Bayern zum Beispiel waren bei unserem 2:1-Sieg in München richtig erschrocken, wie sehr wir ihre Sechser-Positionen zugemacht haben, so dass sich Schweinsteiger und van Bommel kaum drehen konnten.

          Sieben Spiele, sieben Siege. Aber es wird der Tag kommen, an dem auch Mainz einmal verliert.

          Daran denke ich gar nicht. Ich denke nicht an eine Niederlage. Muss ja auch gar nicht passieren. Wenn wir auf unserem Fitness-Niveau bleiben und weiter unseren aggressiven Mainz-Stil spielen, dann ist alles möglich. Dann kann uns vielleicht gar keiner schlagen. Und wenn doch, würden wir wieder aufstehen.

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