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Leverkusener Gala : Julian Brandt will mehr Freigeist sein

Zwei Tore und mehr: Julian Brandt glänzt beim Leverkusener Sieg in Mainz. Bild: EPA

Beim Kantersieg von Bayer Leverkusen in Mainz brennt Julian Brandt ein spielerisches Feuerwerk ab. Der Nationalspieler könnte gerade zu jener Konstanz finden, auf die sein Klub seit Jahren hofft. Das hat einen Grund.

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          Es war diese eine Szene in der 43. Minute beim 5:1-Sieg von Bayer Leverkusen bei Mainz 05 am Freitagabend, die noch viel mehr verriet über die Weltklasse-Leistung von Julian Brandt als die statistische Note mit zwei Treffern zum 3:1 (30.) und 5:1 (64.) und zwei Torvorlagen. Brandt zog mit dem Ball aus der eigenen Hälfte los, hängte den ersten Mainzer Gegenspieler problemlos ab, ignorierte zunächst den Versuch eines taktischen Fouls des erst 18 Jahre alten Bundesliga-Debütanten Leandro Barreiro, ließ den brachial in den Weg grätschenden Daniel Brosinski ins leere rutschen, ehe er den Ball in aller Seelenruhe dem für den Abschluss bestens postierten Karim Bellarabi überließ. Der in den vergangenen Wochen unter Trainer Peter Bosz wieder erstarkte Offensivspieler schoss zum 4:1 ein.

          Bundesliga

          Das Spiel war entschieden und Brandt nutzte die Gelegenheit statt zum Torjubel erst einmal zu einer Stärkedemonstration: Er drehte sich um und wies Brosinski mit einer deutlichen Geste für seinen Foulversuch in die Schranken. So präsentiert sich ein Spieler, der nicht nur Taktgeber des eigenen Teams sein will, sondern Chef auf dem ganzen Platz. „Ich kenne ihn als Freund und will ihn nicht allzu sehr hochloben, aber das war schon Weltklasse, was er heute gespielt hat“, sagte Nebenmann Kai Havertz.

          Zeit der Reife?

          Die Veranlagung zu dieser Rolle bringt Brandt schon immer mit, aber seit Jahren warten die Leverkusener darauf, dass ihr Edeltalent diese Qualität konstant an den Tag legt. Die vergangenen Wochen mit nun drei Bundesligasiegen in Serie und vor allem dem Erfolg gegen die Bayern in der Vorwoche wecken nun trotz des Ausscheidens im DFB-Pokal unter der Woche in Heidenheim abermals die Hoffnung, dass der Zeitpunkt der Reife gekommen sein könnte. Nachdem in der Hinserie der mindestens genauso begabte Nebenmann Havertz in noch jüngerem Alter Brandt in den Schatten gestellt hatte, scheint beim Älteren der beiden Bayer-Hoffnungsträger nun der Knoten geplatzt zu sein.

          Dafür verantwortlich ist wohl vor allem auch eine klarere Rollenzuschreibung: Während Brandt unter dem alten Trainer Heiko Herrlich meist über die Außenbahnen in sein Spiel finden musste, teilt der neue Trainer Peter Bosz Brandt nun die Rolle im Mittelfeldzentrum zu. Der Niederländer nimmt dabei das Risiko in Kauf, dass Brandt beim Umschalten auf die Defensive und als Absicherung gelegentlich noch Mängel aufweist, die die Nebenmänner Alario und Havertz auffangen müssen. Bosz hofft stattdessen, das Konterspiel deutlich zu stärken. „Für mich ist er kein Flügel-, sondern ein Zentrumspieler, denn guten Spielern muss man so oft wie möglich den Ball geben. Heute war er wirklich überragend – er hat keinen Ball verloren, war immer anspielbar und im richtigen Moment da“, begründete Bosz nach dem Spiel in Mainz die neue Rollenzuschreibung.

          In Mainz ging die Rechnung auch deshalb auf. Die Mainzer indes hatten mit einer gewissen Berechtigung nach dem Abpfiff das Gefühl, in Halbzeit eins gar nicht unbedingt das schlechtere Team gewesen zu sein. Aber sie haben eben keine Spieler wie Brandt, Havertz oder Bellarabi, die die bei offenem Visier entstehenden Freiräume nach gegnerischen Ballverlusten mit derartiger Geschwindigkeit im One-Touch-Football und Effizienz zu nutzen verstehen. Die Leistungen haben Leverkusen nun erstaunlich schnell nach dem Trainerwechsel zur Winterpause wieder in die Europapokalplätze geführt und eine Qualifikation für die Champions League zumindest wieder in erreichbare Nähe gebracht. „Wenn wir so weiterspielen, dann ist noch alles möglich, auch Platz vier“, sagte Brandt nach dem Spiel.

          Ansprüche im Nationalteam

          Brandt beschäftigte sich im Hochgefühl einer Weltklasseleistung freilich nicht nur mit den Möglichkeiten seines Klubs, sondern auch mit der eigenen Zukunft im Nationalteam. „Der Bundestrainer wird auch sehen, dass ich meine Position etwas verändert habe“, sagte Brandt. Nachdem er bei der misslungenen WM in Russland bei seinen Kurzeinsätzen einer der wenigen Lichtblicke im deutschen Team war, fordert er nun zwar nicht direkt eine Chance ein auch auf eine zentralere Rolle im Nationalteam, aber er legte Joachim Löw den Gedanken zumindest sehr nahe. „Außen bin ich eben etwas begrenzt durch die Außenlinie. Im Zentrum bin ich mehr der Freigeist.“

          Julian Brandt setzt sich gegen zwei Mainzer durch. Der Nationalspieler schloss den schönsten Angriff des gesamten Spiels ab: sechs Pässe, darunter ein doppelter und Leverkusen jubelte dank eines „am Reißbrett entworfenen Tores“. Bilderstrecke

          Brandt wies freilich bei seiner selbstbewussten aber nicht überheblichen Reflektion über die Möglichkeiten in der DFB-Auswahl auch darauf hin, welche Auswahl an starken zentralen Mittelfeldspielern zur Verfügung stehe. Tatsächlich kann Joachim Löw derzeit unter mindestens einer Handvoll an Spielern wählen, die auf allerhöchstem Niveau mithalten können: Während in der offensivsten Position  Marco Reus gesetzt sein dürfte, kämpfen in einer etwas hängenden Position Akteure wie Brandt, sein Teamkollege Havertz und Leon Goretzka um ihre Chance.

          Vielleicht erlebt der deutsche Fußball in diesen Wochen sogar die Entwicklung eines Dreikampfs auf höchstem Niveau um den Platz des Taktgebers im Umschaltspiel zwischen drei noch sehr jungen Spielern: Wie Brandt führt vor allem auch Goretzka in den vergangenen Wochen strategisches Talent, Dynamik mit Torgefahr zusammen, wie es im deutschen Fußball aus der Position in der Tiefe des Mittelfelds heraus zuletzt wohl Michael Ballack auf den Platz gebracht hat.

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