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Bayer wie entfesselt : Müsste diese Mannschaft nicht Titelkandidat sein?

  • -Aktualisiert am

Gegen den BVB ein Zeichen gesetzt: Mit Bayer Leverkusen ist zu rechnen in dieser Saison. Bild: Horstmueller

Fünf Chancen, vier Tore, sturmfest im Gegenwind: Gegen Borussia Dortmund gibt es ein unbekanntes Bayer Leverkusen zu bestaunen. Das könnte für den Kampf um die Bundesliga-Meisterschaft völlig neue Perspektiven bieten.

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          Es waren Sätze wie aus einer anderen Welt, von Bayer Leverkusen nach diesem wundersamen Fußballspiel gegen Borussia Dortmund zu hören waren. „Wir haben den längeren Atem gehabt“, sagte der zweimalige Torschütze Kevin Volland nach dem hinreißend schönen 4:3 gegen den ambitionierten Revierklub. Trainer Peter Bosz sprach von einem „absoluten Willen zu gewinnen“, und Sportvorstand Rudi Völler lobte die Spieler, weil sie „gegen eine Klassemannschaft“ trotz zweimaligem Rückstand „mutig weiter gespielt“ und immer „dran geglaubt“ haben. Genau dieser Glaube an das Unwahrscheinliche und eine ausgeprägte Willenskraft gehören eigentlich nicht zur DNA dieses Klubs.

          Bundesliga

          Es war ein fremdartiges, unbekanntes Bayer Leverkusen, das es am Samstag zu bestaunen gab. In der Kategorie Chancenverwertung war bis zu diesem Spieltag nur der VfL Wolfsburg noch schwächer. Doch gegen den BVB reichten der Mannschaft plötzlich fünf Chancen für vier Treffer. Typisch wäre außerdem gewesen, wenn die Spieler nach dem 3:2 für den BVB (Raphael Guerreiro, 65. Minute) den Widerstand aufgegeben hätten, wie Volland erinnerte: „Wir haben schon viele Spiele gehabt, wo wir nach so einem Rückschlag eingebrochen sind.“ An diesem Tag entstand jedoch eine kraftvolle Energie, die selten ist in der manchmal etwas steril wirkenden BayArena. Dazu trug auch der BVB bei, der 80 Minuten lang hervorragend gespielt hatte, dessen Dauerbereitschaft zum Angriff Räume für die Rheinländer schuf.

          Bender als prägende Figur

          Entscheidend war aber der Wille des Teams und besonders jenes Spielers, der die ungewohnte Leverkusener Siegermentalität verkörperte wie kein anderer: Lars Bender. Das Siegtor des Kapitäns bildete den krönenden Schlusspunkt einer brillanten Leistung. Bender spielte jahrelang im defensiven Mittelfeld, nachdem der Fußball in den vergangenen Jahren aber immer schneller wurde, stieß er an Grenzen im Spielaufbau und rückte in die Abwehrkette. Dort ist der Druck in der Regel nicht ganz so hoch ist. Weil an diesem Wochenende aber alle vier Kandidaten für diese Position (Aranguiz, Demirbay, Baumgartlinger, Palacios) ausfielen, wurde Bender wieder im Mittelfeld eingesetzt und zur prägenden Figur.

          „Er hat sehr viel Leidenschaft reingelegt, ist sehr viele Wege gegangen, das war ein überragendes Spiel von ihm“, sagte Volland über den Kollegen, der sich in der Schlussphase verletzte und nach einem Schlag aufs Knie eigentlich hätte ausgewechselt werden müssen. „Aber Lars hat gesagt: Trainer gib mir noch eine Minute“, erzählte Bosz: „Und dann hat er das Tor gemacht. Das ist, was die Mannschaft heute gezeigt hat, deswegen haben wir gewonnen.“ Zum Ende des Spiels wurde sogar Lars’ Bruder Sven aus der Innenverteidigung ins Mittelfeld beordert, gemeinsam schufteten die Zwillinge für diesen denkwürdigen Erfolg. „Wenn ich über den Willen der Mannschaft spreche, dann sind Lars und Sven Jungs, die das auf dem Platz auch zeigen und für die Mannschaft ein Vorbild sind“, sagte Bosz schwärmend. Die Anhänger ließen sich verzaubern von dieser exquisiten Unterhaltungsshow.

          Bayer Leverkusen hat nun fünf der jüngsten sechs Spiele gewonnen, der Rückstand auf den BVB beträgt nur noch zwei Punkte. Deshalb drängt sich eine Frage auf: Was wäre, wenn diese Werkself nicht so viele Punkte vergeudet hätte wie beim 1:2 in Hoffenheim oder beim 0:1 gegen Hertha BSC? Wäre sie ein Titelkandidat?

          Wohl auch in Kenntnis der grundsätzlichen Schwäche von Leverkusen auch in dieser Bundesliga und Champions-League-Saison mochte Völler die siegbringende Waghalsigkeit während der Schlussphase nach dem Schlusspfiff rhetorisch nicht fortsetzen. „Wir können schon realistisch mit umgehen“, sagte er. Eine gewisse Langzeitwirkung wünscht sich Völler aber schon: „So ein Spiel haben wir gebraucht. Du darfst einfach nicht aufgeben.“ Anscheinend ist das Selbstvertrauen einiger Profis bei Spielen gegen große Mannschaften labil, gerade „wenn Gegenwind auf dem Platz kommt“, sagte Volland. Das positive Erlebnis werde das Team nun „mitnehmen in die anderen Wettbewerbe, das kann uns daran erinnern, dass da vieles geht“.

          Wobei am Samstag ein Gegner auftrat, dessen Spiel nicht darauf angelegt war, Leverkusener Mentalitätsprobleme offen zu legen. Vielmehr spielte Borussia Dortmund mit bei dieser Schlacht mit offenem Visier, wie sie einer Peter-Bosz-Mannschaft entgegen kommt. Bayer durfte immer wieder in den Räumen agieren, wo die eigenen Stärken zur Geltung kommen: rund um den Strafraum. Kai Havertz, Volland, Nadiem Amiri und in der zweiten Halbzeit der eingewechselte Leon Bailey waren in dieser Zone immer wieder anspielbar. Völler hatte zwar recht, als er sagte, „ein Unentschieden wäre vielleicht die etwas gerechtere Variante gewesen“. Aber vielleicht ist der BVB in diesen Wochen ein bisschen leverkusenartiger als das Original aus der Chemiestadt und deshalb in besonders schwierigen Momenten noch instabiler als die Elf von Bayer 04.

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