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„Machterhalt und Klüngelei“ : Investor Windhorst rechnet mit Hertha BSC ab

  • Aktualisiert am

„Ich lasse mir von niemandem dort 375 Mio. Euro verbrennen und werde darum niemals aufgeben“: Lars Windhorst Bild: dpa

Lars Windhorst steckte 375 Millionen Euro in den Berliner Klub. Sportlich aber läuft es schlechter als vor dem Einstieg. Nun übt Windhorst scharfe Kritik und bezeichnet seine Investitionen als Fehler.

          3 Min.

          Rumms. Das hat gesessen. Mitten in der sportlichen Talfahrt Richtung Abstiegszone redet Millionen-Investor Lars Windhorst bei Hertha BSC plötzlich Tacheles und stellt der Leitung seines „Big City Clubs“ ein jämmerliches Führungszeugnis aus. „Machterhalt und Klüngelei“ seien Antriebsfeder handelnder Personen beim Berliner Fußball-Bundesligaverein, lautet das vernichtende Urteil des enttäuschten Geldgebers. „Ich habe darauf gesetzt, dass bei Hertha rational und in die Zukunft denkende Leute das Sagen haben, die auch nachhaltig den Erfolg wollen“, sagte der Unternehmer dem Wirtschaftsmagazin „Capital“ – doch das sei eben nicht der Fall.

          Bundesliga

          Genau zwei Jahre nach dem geräuschvollen Abgang von Jürgen Klinsmann wiederholen sich damit die damaligen Vorwürfe des prominenten früheren Aufsichtsrats und Trainers gegen die Bosse des dauerkriselnden Hauptstadtklubs. Namen nannte Windhorst in seiner Generalabrechnung im Gegensatz zum längst nach Amerika zurückgekehrten Klinsmann nicht.

          Nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur soll der im vergangenen Sommer engagierte Geschäftsführer Fredi Bobic trotz seines denkbar schlecht terminierten Super-Bowl-Urlaubs in den USA aber (noch) nicht gemeint sein. Zielscheibe der Windhorst-Schelte sind demnach in Finanz-Boss Ingo Schiller und Klub-Präsident Werner Gegenbauer zwei Dauerfunktionäre.

          Die Hertha reagierte am Mittwoch offenkundig überrascht von dem Vorstoß mit einem kurzen Statement und will nun das Gespräch suchen. „Herr Windhorst hat sich bisher weder in entsprechenden Sitzungen des Vereins noch gegenüber Personen im Verein in dieser Form geäußert. Alle Entscheidungen wurden seit seinem Einstieg bei Hertha BSC einstimmig im Beirat beschlossen. Wir werden ihn dazu befragen“, hieß es auf dpa-Anfrage.

          375 Millionen Euro von Windhorst

          Bobic hat nach seiner Amerika-Rückkehr jedenfalls nun noch eine Baustelle zu bearbeiten, sofern er als Mittler zwischen den Hertha-Welten überhaupt fungieren will. Er selbst hatte im Dezember ziemlich spitz im Klub-TV angeprangert: „Bei Hertha war es wie auf dem Amt: Das haben wir immer so gemacht, also machen wir es weiter so.“ Damit sprach er Windhorst sicher aus der Seele.

          375 Millionen Euro stellte Windhorst über seine Tennor Group der Hertha seit Sommer 2019 zur Verfügung. Die sportliche Entwicklung ist seither desaströs. Abstiegskampf als Dauerzustand statt der von Windhorst erhoffte Champions-League-Glamour – und er selbst darf im Tagesgeschäft offiziell nicht eingreifen. Da ist auch der für seine Aktivitäten oft kritisch beäugte Unternehmer nun an einer Schmerzgrenze angekommen. Seine Millionenzahlungen bezeichnet er mittlerweile sogar als Fehler.

          „Ehrlich gesagt, aus heutiger Sicht ja, leider. Bislang hat mir das Investment bei Hertha, abgesehen von positiven Erfahrungen mit vielen Mitgliedern, nur Nachteile gebracht“, sagte Windhorst. An einen Rückzug und die mögliche verlustreiche Veräußerung der 66,6 Prozent Anteile an der Hertha GmbH & Co. KGaA denkt der einstige Wunderknabe der deutschen Wirtschaft aber nicht. „Ich lasse mir von niemandem dort 375 Millionen Euro verbrennen und werde darum niemals aufgeben“, beteuerte Windhorst.

          Offensichtlich umgarnt der Geldgeber mit seinen Aussagen die Teile der Gegenbauer kritisch eingestellten Mitglieder. Viel deutet nun auf einen Machtkampf Richtung Mitgliederversammlung im Mai hin, der die Hertha vor eine Zerreißprobe stellen könnte.

          Die Beziehung Windhorst/Hertha war nie einfach. Der Geldgeber stellte nach seinem Einstieg schnell einen massiven Kulturunterschied fest. „Zwei Mentalitäten“ stießen aufeinander, sagte er vor einem Jahr in der Hoffnung, die Gräben überwinden zu können. Als seine Millionen-Raten im Vorjahr später als geplant gezahlt wurden, übten Verein und Investor bemüht den öffentlichen Schulterschluss. Beobachter witterten schon damals dicke Maskerade.

          Sportlich stehen die Berliner seit dem Einstieg Windhorsts schlechter da als zuvor. Aktuell steckt die Mannschaft von Trainer Tayfun Korkut mit einem Zähler Vorsprung auf den Relegationsrang wie im Vorjahr im Abstiegskampf. Windhorst hatte durchaus zu erkennen gegeben, dass er sein Geld nicht für wirtschaftliche Konsolidierung, sondern für Investment in international befähigte Spieler gedacht hatte.

          Klar ist längst, ohne die Windhorst-Millionen wäre die Hertha nicht so unbeschadet durch die Corona-Krise gekommen. Finanzchef Schiller hatte noch im Januar vor der digitalen Mitgliederversammlung gesagt: „Es ist eine Partnerschaft, die uns in eine vergleichbar gute Lage bringt und in einer stabilen Situation hält.“

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