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Kunstschütze Jairo : Der Sitzfußballer aus Mainz

Da sitzt nur noch HSV-Torwart Drobny: Jairo hat ein Tor für die Jahresrückblicke erzielt Bild: SvenSimon

Renaissance der Kunstform Sitztor: Jairo erzielt beim Mainzer Sieg gegen den HSV ein besonderes Tor – und reiht sich bei Legenden wie Gerd Müller und Bernd Hölzenbein in die Ahnengalerie ein.

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          Sitzen und Liegen sind keine Positionen, die Fußballspieler mögen. Ersteres ist ein Synonym für ein Ersatzspielerdasein auf der Reservebank, Letzteres spätestens seit Mehmet Scholls öffentlich geäußerter Furcht um ein „Wundliegen“ bei Mario Gómez eine schwere Beleidigung unter Profis. Der Spanier Jairo hat den schlechten Ruf der beiden Körperhaltungen am Samstag beim 3:1-Auswärtssieg von Mainz 05 beim HSV nun aufpoliert.

          Sein Traumtor zum 1:0 (16. Minute) aus halb sitzender, halb liegender Position heraus per Volleyschuss mit dem schwächeren linken Fuß lenkt den Fokus stattdessen auf eine Kunstform, die seit den legendären Treffern von Gerd Müller im WM-Spiel gegen Jugoslawien 1974 oder Bernd Hölzenbeins Sitzkopfballtor in der Uefa-Pokalsaison 1979/80 etwas in Vergessenheit geraten ist.

          Jairo hat nun ebenfalls als Sitzfußballer reüssiert und die deutsche Fußballgeschichte um die Technik des Sitzvolleytores bereichert. „Ein solches Tor schießen die Mainzer vermutlich in einer Million Jahren nicht mehr“, sagte ein frustrierter HSV-Trainer Bruno Labbadia, dessen Team bis zum 0:1 das Spiel weitgehend dominiert hatte. Dann aber kam Jairo und schockte den Gegner. „Ich war selbst überrascht, dass der reinging“, sagte der Spanier, und er ließ dabei genießerisch die Frage offen, wie viel Absicht bei seiner Ballberührung mit dem Schienbein im Spiel war. Dem Schützen war es gleich.

          Eine ganz normale Mainzer Entwicklung

          Stattdessen durfte er sich freuen, dass sein Aufwärtstrend der vergangenen Wochen später mit dem vorentscheidenden 2:0 (51.) und der Vorlage zum dritten Mainzer Treffer durch Christian Clemens vor 51.700 Zuschauern einen vorläufigen Höhepunkt fand. Lange Zeit war der schnelle und dribbelstarke Spanier auf der Suche nach seiner Form gewesen, nachdem er bei seinen ersten Einsätzen in der Saison 2014/15 noch direkt zu überzeugen gewusst hatte. Er kam auf lediglich zwölf Startelfeinsätze. „Das war aber eine ganz normale Entwicklung bei einem jungen Spieler“, sagt Trainer Martin Schmidt über den gerade einmal 22 Jahre alten Außenbahnspieler. „Man muss da Geduld aufbringen, wenn sich ein junger Kerl erst einmal nach einem Wechsel in ein fremdes Land eingewöhnen muss“, sagt Schmidt.

          Und Manager Christian Heidel, dem in den vergangenen Jahren immer wieder Transferüberraschungen gelungen sind, nutzte die Gelegenheit, die Mainzer Transferstrategie abermals zu erläutern. „Wir können uns keine fertigen Spieler leisten. Daher gilt jede Verpflichtung nach drei Monaten auch erst einmal öffentlich als Fehleinkauf“, sagte der 52 Jahre alte Manager. „Später sieht das dann oft anders aus.“ Womöglich auch bei Jairo, der nun stellvertretend für das große Potential des jungen Mainzer Teams steht, das mit 23 Punkten plötzlich nah dran ist an den Europapokalplätzen.

          Sprachkurs beim Tipp-Kick

          Der Spanier war 2014 aus seiner spanischen Heimat, wo er nach der Ausbildungszeit in Santander nach einem Jahr samt Europa-League-Sieg beim FC Sevilla aussortiert worden war, nach Deutschland gewechselt. Im ersten Jahr wurde der Integrationsprozess vielleicht auch dadurch erschwert, dass sich in Mainz aufgrund einer Vielzahl an spanischen und südamerikanischen Profis eine kleine „Latino“-Clique gebildet hatte, die ein wenig den Kontakt zum restlichen Team abreißen ließ. Seitdem Trainer Schmidt auf den Dänen Kasper Hjulmand gefolgt ist, legen die Mainzer wieder mehr Wert auf Deutschkenntnisse. Den zuvor etwas lernfaulen Legionären wurde mittels eines Intensivkurses mit sehr spielerischem Ansatz inklusive Vokabellernens beim Tipp-Kick-Spielen die Sprache vermittelt.

          Ob es an den besseren Verständigungsmöglichkeiten liegt? Seither ist auch das Spielverständnis verbessert, bei Jairo hat sich die Torquote nun von zwei Vorjahrestreffern auf drei Tore in der laufenden Saison erhöht. Zudem nutzt er mittlerweile deutlich öfter seine besondere Stärke des Tempodribblings. Dazu trug auch eine Videositzung mit Assistenztrainer Peter Perchtold bei, der Jairo vor zwei Wochen aufzeigte, dass er ruhig mehr Mut aufbringen und größeres Risiko in Kauf nehmen könne.

          Gegen den HSV leitete er das 2:0 nun genau mit einer solchen erwünschten Einzelleistung ein: Nach beherztem Solo und geglücktem Doppelpass mit Yunus Malli erzielte er ein für Mainzer Vorstellungen idealtypisches Tor. Trainer Schmidt hatte zuletzt gefordert, dass seine kleinen, schnellen und dribbelstarken Offensivspieler die meist etwas klobigen gegnerischen Innenverteidiger öfter mit Einzelaktionen in Bedrängnis bringen müssten. Jairo ist dies gelungen – sitzend wie stehend.

          MANN DES SPIELTAGS jairo

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